Aufmerksamkeit seinen Belehrungen zu , sondern suchte durch Fragen ihren Umfang zu erweitern , und durch Einwürfe , und oftmals keck genug ausgesprochene Zweifel sich immer gründlicher durch seine Mittheilungen zu unterrichten . Unvermerkt entfernten sie sich von den Uebrigen , die weniger lebhaften Antheil an den Einzelnen nehmend , sich lieber dem Gesammteindruck dieses erkünstelten Frühlings überließen , und vor der prächtigen camellia japonica stehend , docirte er ihr mit vielem Ernst , daß sie vermöge des ewig frischen Grüns ihrer Blätter und des pergamentartigen Stoffs ihrer Blüthen zu dem Geschlecht der Orangerie gehöre , in China und Japan zu Hause sei , und die Eigenheit besitze , daß ihre vom höchsten Purpur bis zum reinsten Weiß übergehenden Blüthen abfallen , ehe sie noch verwelkt sind . Diese Worte schienen in Erna ' s leicht bewegtem Gemüth eine sonderbare Erschütterung hervorzubringen . Abfallen , vor dem Verwelken , welch ein neidenswerthes Loos ! sagte sie leise vor sich hin , und beugte sich auf eine der Blüthen herab , die , obgleich nur sanft von ihr berührt , sich vom Stiel trennte , und herab säuselte . Schnell hob Alexander sie auf . Wie eine Mutter in ihren Kindern noch fortlebt , sprach er , so pflegt man diese Blüthen auf junge Knospen ihres Stammes zu setzen , wo sie noch lange in ihrer Schönheit fortdauern , ohne eine andere Nahrung in sich zu ziehen , als die , die sie in ihrer eigenen Kraft finden . Sie nahten sich jetzt der Plumeria rubra , und Erna fragte , ob dies nicht eine Abart des Oleanders sei , den sie in südlichen Ländern so oft im Freien habe blühen sehen . Alexander mußte eine flüchtige Familienähnlichkeit zwischen diesen Gewächsen anerkennen , berichtigte aber den freundlichen Irrthum , in welchem sie gleichsam eine alte Bekanntschaft in dieser Pflanze zu erneuern wähnte , dahin , daß er ihr aus einander setzte , wie sie , aus Jamaika abstammend , nur in heißen Lüften gedeihe , und schon in den sonderbaren , mit einander gleichlaufenden , und noch vor dem Rande der grünen Blätter sich wieder vereinigenden Seitenadern ihre indische Herkunft beurkunde , da eine solche Zeichnung europäischen Gewächsen nicht eigen sei . Sie verlange stets eine gleiche , und nicht zu schwache Temperatur der Wärme , und lohne die sorgsame Pflege , die ihr unter kälteren Zonen Bedürfnis sei , durch ihren herrlichen Duft , der ihr in ihrer Heimath auch noch die Benennung : rother Jasmin zugezogen habe . Ihren botanischen Namen verdanke sie dem verdienstvollen französischen Pater Plumier , der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die westindische Naturgeschichte mit so vielem Eifer untersuchte , so treffliche Entdeckungen als Resultate seines Forschens uns hinterließ , und der erste war , der diese Zierde eines fremden Himmelsstrichs nach Europa sandte . Mit vielem Interesse hörte Erna ihm zu . Wie schön find ' ich diese Art , das Andenken eines Naturforschers zu ehren , sagte sie . Ein unvergänglicheres Denkmahl , als Erz und Marmor bieten können , blüht ihm in der ewig sich erneuernden Jugend und Schönheit des Pflanzenlebens , und trägt seinen Namen dankbar in ferne Jahrhunderte hinüber . Ich kann ' s nicht ausdrücken , fuhr sie zur Gräfin gewendet , fort , die sich ihr genähert hatte , welchen warmen Antheil gerade dieser Zweig der Naturgeschichte in mir erregt , welch eine eigene , schmerzlich süße Bedeutung mein Gemüth in das stille Knospen , Treiben und Vergehn der Pflanzen legt . Es gemahnt mich , wie das menschliche , oder vielmehr wie das weibliche Leben , das auch , so eng beschränkt auf eine Stelle , sich oft , wie in eine stehende Form des Daseyns gegossen , nur entfaltet , um zu verblühen - selten bemerkt - seltener noch gekannt . - Warum schließen Sie aber die Männer aus , liebes Kind , fiel die Gräfin schalkhaft ein . Freilich - es wäre ihnen zu viel Ehre erzeigt , ihnen unter den Blumen ihren Platz anzuweisen - und sie in die Klasse des Unkrauts zu stellen , dazu sind sie offenbar zu gut . Aber es fände sich ja wohl eine andere , passendere Rubrick für sie . Lassen Sie uns ein wenig nachdenken . Sollen wir sie zu den Schmetterlingen zählen , die das Blühende umflattern , so lange es blüht ? - Oder zu den Dornen , deren Zweck mehr zu verwunden , als zu schützen ist ? Oder zu den Würmern , die oft zerstörend die geheimsten Wurzeln des Daseyns zernagen , daß die zarte Staude hinwelkt , ohne daß ein menschliches Auge die Ursach ihres Leidens wahrnimmt ? - Erna wurde roth . Ihr Auge erhob sich mit dem schüchternen Ausdruck leisen Forschens , welchen Eindruck diese Worte auf ihn machten , zu Alexandern , welcher , aufgebracht über den bittern Scherz der Gräfin , der seine stille Unterhaltung störte , und Erna ' s Stimmung sichtlich eine andere Richtung gab , sich schweigend in die Lippen biß . Das sanfte Mitleid mit seinem gereitzten und peinlichen Zustande gab indeß ihrem Blick einen unwillkührlichen Ausdruck von Zärtlichkeit , der alle Bitterkeit des Unmuths in ihm verlöschte , und indem sie leicht und schonend das Gespräch auf andere Gegenstände wandte , sparte sie ihm die Anstrengung mit so befangener Seele in die ihm misfällige Heiterkeit der Gräfin eingehen zu müssen . Sie fragte nämlich nach einer Gemäldesammlung , die , wie sie gehört hatte , interimistisch im Schlosse Bellevüe aufbewahrt werde , bis ein eigenes Local in der Residenz für sie eingerichtet sei , und in welcher , zwar noch ungeordnet und bunt unter einander gemischt , doch manche interessante Erinnerung aus grauer Vorzeit , manches Andenken an später lebende berühmte Menschen in ihren Bildern enthalten seyn solle . Alexander kannte diese Sammlung und erbot sich zum Cicerone , und da der kurze Wintertag nicht lange mehr volle Beleuchtung von außen versprach , so eilte man , sie noch vor der eintretenden Dämmerung