durch das Problem , dessen Auflösung ich einmal übernommen hatte , von allem , was Liebe im engeren Sinne des Wortes genannt wird , entfernt geblieben seyn . Ich hatte mich , trotz meines jugendlichen Alters , von der Liste der fühlenden Wesen gestrichen , um mich auf die der Intelligenzen setzen zu können . Mein Pflegevater freuete sich nicht wenig über diese Verwandlung meines Wesens ; sie entsprach seinen Erwartungen von mir eben so sehr , als seinen Wünschen . Unstreitig würde sie noch vollkommner gewesen seyn , hätte nicht mein Verhältniß zu der Prinzessin Caroline meinen ursprünglichen Charakter , d.h. denjenigen , mit welchem ich an den Hof gekommen war , auf das wesentliche festgehalten . Wie der ganze übrige Hof , so war auch die Prinzessin von der Verbindung belehrt , in welcher ich mit dem Herrn von Z ... gestanden hatte ; und da sie sich in einem Alter befand , worin keine Unterhaltung willkommner ist , als diejenige , welche einen Liebeshandel zum Gegenstand hat , so bat sie mich in den Augenblicken , wo wir allein waren , sehr oft , ihr etwas von meiner Geschichte zu erzählen . In sofern ich selbst die Heldin derselben war , würd ' ich es schwerlich der Mühe werth gehalten haben , den Mund zu öffnen ; aber da ich das Andenken an meinen Moritz liebte , so ließ ich mich immer bereitwillig finden , der Prinzessin mitzutheilen , was ihn in seiner eben so kräftigen als edlen Individualität darstellte . Merkwürdig war der Erfolg meiner Erzählung dadurch , daß niemals eine von uns beiden dadurch gerührt wurde , dies Wort in seinem gewöhnlichen Sinne genommen . Meine Erzählung enthielt gewiß alle Elemente des Tragischen ; aber auf unsere Thränendrüsen wirkten diese nie zurück . Ich selbst war wie begeistert , und mein Zustand riß die Prinzessin zu einem ähnlichen hin ; doch alles , was sich mit Wahrheit von uns sagen ließ , war : daß wir uns im höchsten Grade interessirt fühlten , ohne in unserem Gemüthe im Mindesten verwirrt zu seyn . Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin , eine artistische Bemerkung zu machen , die , wie sehr sie auch den gewöhnlichen Theorien widersprechen mag , mir vollkommen richtig scheint . Sie ist : » daß die wahre Tragödie das Gemüth nicht foltern , sondern heben müsse , so daß der Zuschauer , nachdem der Vorhang gefallen , nicht mit beklommenem , sondern mit freudigem Herzen die Bühne verläßt . « Es ist gewiß nur immer die Schuld des Dichters , wenn dies nicht der Fall ist . Wer sich eines tragischen Stoffes so zu bemächtigen versteht , daß er die Entwickelung in ihrer Nothwendigkeit fortführen kann , der befriediget zugleich unser Gemüth und unseren Verstand ; und dabei ist die volle Heiterkeit des ganzen Menschen nicht nur möglich , sondern sogar nothwendig . Wer hingegen den tragischen Stoff zerreisset , und aus poetischem Unvermögen die Einbildungskraft der Zuschauer nöthigt , das Ganze , das er selbst nicht zu Stande bringen konnte , an seiner Stelle zu schaffen ; der kann nicht anders als verwirren , ängstigen und foltern . Will man wissen , wer der eigentliche Meister in der tragischen Kunst ist ? Derjenige unstreitig , der alles so anzuordnen weiß , daß das Nothwendige immer mit Freiheit vollzogen wird , so daß das Schicksal nie über den Helden , dieser hingegen beständig über jenes siegt , sogar alsdann , wenn er vom Schicksal zerschmettert wird . Wer dies nicht kann , der ist und bleibt ein Pfuscher in der Tragödie , gut genug für den Pöbel , dem es immer nur um Gemüthsbewegung zu thun ist , aber zu schlecht für gebildete Menschen , welche die Freiheit im Kampf mit der Nothwendigkeit obsiegen sehen wollen . Wollte man sagen , daß ich hier als Aristokratin spreche , so würde meine Antwort seyn : » Die größte Aristokratin ist die Kunst selbst , die sich nur in der Region des Idealen bewegen will , weil sie weiß , daß sie , ohne abgeschmackt zu werden , diese Region nicht verlassen kann . « Doch ich lenke wieder ein . Indem ich der Prinzessin gegenüber meine ganze Individualität festhielt , so konnte es schwerlich fehlen , daß , vermöge der achtungsvollen Anhänglichkeit , die sie für mich empfand , von meinem ganzen Wesen sehr viel auf sie überging . Ich möchte nicht sagen , daß ich mich zu ihr herabließ ; dies war durchaus unnöthig , da alle ihre Anlagen von einer solchen Beschaffenheit waren , daß ich sie mit Leichtigkeit zu mir heraufziehen konnte . Es kam dahin , daß wir Studien und Vergnügungen gemein hatten und in einer solchen Harmonie lebten , daß man uns für geborne Schwestern hätte halten können . Im Scherz nannte mich die Prinzessin bisweilen ihren Moritz ; und dies mochte ich auch in der That seyn , wenn nur von dem geistigen Verhältniß die Rede ist , das zwischen ihr und mir statt fand . Ob ich durch Übertragung meiner Eigenthümlichkeit der Prinzessin nützlich oder schädlich wurde , war etwas , woran ich gar nicht denken konnte , da die Verhältnisse , in welche sie zu treten bestimmt war , tief im Hintergrunde lagen ; wenn ich aber auch daran gedacht hätte , so würde mich keine Klugheit abgehalten haben , meinen ganzen Charakter zu behaupten , weil dieser zuletzt doch das Einzige ist , was der Mensch sein nennen kann , und jede künstliche Modifikation desselben baare Narrheit genannt werden muß . Ich habe mich hinterher , ich gestehe es , sehr häufig über die Unbefangenheit gewundert , womit der Fürst seine einzige Tochter eine Entwickelung gewinnen sah , welche sie in ihren künftigen Verhältnissen nur unglücklich machen konnte ; allein mir selbst hab ' ich nie den mindesten Vorwurf darüber gemacht , daß ich die Urheberin dieser Entwickelung war ; denn ehe man mich zur Gesellschaftsdame wählte , hätte man ausmachen sollen ,