unerwartet ein Brief an mich ankam , er war von meiner Schwester . Der Tag ihrer Einkleidung sei bestimmt , schrieb sie mir , und sehr nah , sie wolle also von mir und meinem Freunde schriftlich Abschied nehmen , und mich meines Versprechens , ihr zu helfen , entlassen , denn sie dürfe jetzt nicht mehr auf die Ausführung desselben hoffen . Sie sei nun entschlossen , sich drein zu ergeben ; auch hoffe sie , es würde ihr gewiß am Ende gut gehen , denn seit dem Jahre , daß sie nun im Kloster gelebt , habe sie viel Liebe und Freundlichkeit von den Nonnen erfahren ; sie habe auch schon einige gute Freundinnen , die sie sehr liebe , die sie wieder zärtlich lieben , und mit denen sie immer zusammen sei , das sei doch eine Freude , die sie bei der Mutter entbehre , wo sie ebenso streng eingezogen leben müsse , als im Kloster , und dabei ganz allein , ohne eine Gespielin ihres Alters zu haben . Sie wünsche sehr von mir und Manfredi mündlich Abschied zu nehmen , wir sollten es doch möglich zu machen suchen , zurückzukommen , um bei der feierlichen Einkleidung zugegen zu sein , und sie in ihrem Schmuck zu sehen , denn sie würde ganz herrlich geschmückt sein , die Mutter hätte ihr für ihren Gehorsam einen reichen Anzug zur Zeremonie gegeben , und so viel Geld zu guten Werken , als sie nur immer verlangte . Ihre vorige Hofmeisterin habe diesen Brief zu bestellen übernommen , aus alter Liebe für ihre Pflegekinder , und wolle ihr auch meine Antwort überbringen , wenn ich ihr eine schreiben wollte . Dies war ungefähr der Inhalt ihres Briefes . Die Unschuld aber , das Unbewußte , Einfältige , das aus jedem Wort hervorblickte , kann ich nicht ausdrücken . Wir wurden beide auf eine eigne Weise von der Beschränktheit gerührt , und Manfredi erinnerte sich dabei mit vieler Zärtlichkeit der süßen Gestalt und der frommen kleinen Miene . Ich beschloß auf der Stelle , sie zu retten , wenn Manfredi mir zur Ausführung helfen wollte . Dieser war nicht so bald zu bewegen , aber ich hatte ihm das Geständnis abgedrungen , daß ihr rührendes Bild , so wie er es durch die Planke des Gartens erblickt hatte , jetzt aufs neue mit großen Ansprüchen auf seine Hülfe vor ihn träte , daß er es eigentlich noch nie aus seiner Seele verloren habe , kurz daß er sie liebe , und gewiß glücklich sein würde , wenn er sich mit ihr verbinden dürfte . Überdem hatte ich ihr Hülfe versprochen , und sie schien sogar auf ihn gerechnet zu haben ; er ward endlich überredet , daß unsre Unternehmung gerecht und ehrenvoll sei , und versprach mir seine Hülfe . Und nun ward ein allerliebster Plan verabredet , der so toll war , daß es uns alle drei , wenn er gelungen wäre , ins tiefste Elend gezogen hätte . Uns kam aber damals nichts leichter , nichts natürlicher vor . Meiner Schwester schrieb ich in wenigen Worten : Ich wolle mein Versprechen mit Manfredis Hülfe erfüllen . Sie solle alles tun , was man von ihr verlangte , nur Sorge tragen , daß sie nicht die erste sei , die an dem Tage das Gelübde ablegte . Sie werde mich in dem Augenblick sehen , wenn sie zum Altar gehen müsse , dann solle sie sich gefaßt halten , mir auf meinen Wink zu folgen . Mit Manfredi hatte ich verabredet , gleich zurückzureisen , ohne es jemand wissen zu lassen , ohne uns zu zeigen , und den Tag der Einkleidung in einem entlegenen Hause vor dem Tor zu erwarten . Dann wollte ich ganz eingehüllt ins Kloster gehen , und mich unter das Gedränge mischen ; wenn dann meine Schwester sich mit der Begleitung aller Angehörigen durch die Menge drängte , um zum Altar zu gelangen , und alles aufmerksam auf die Himmelsbräute wäre , die vor ihr eingekleidet würden , dann sollte ich den Moment wahrnehmen , sie von den übrigen ab , und zur Tür zurückführen , sie dann schnell in einen Mantel verhüllen , den ich über meinen eigenen hängen wollte , und mit ihr durch den nächsten Gang in den Garten eilen . Da bei einer öffentlichen Feierlichkeit die Türen offen sind , oder doch nachlässig bewacht werden , so war von dieser Seite kein Hindernis zu befürchten . Manfredi mußte unterdessen eine Strickleiter an die Mauer befestigt haben , und uns draußen mit einer Chaise und raschen Pferden erwarten ; auch müßte er eine Männerkleidung in Bereitschaft halten , die meine Schwester sogleich anlegen könnte , wenn wir uns außer der Stadt sähen , dann wollten wir , ohne zu rasten , nach Venedig reisen , dort würden sie sogleich getraut . Für die Einwilligung meiner Schwester war ich Bürge , ich war überzeugt , sie würde sich in ihrem neuen Lose besser und glücklicher finden , als in dem traurigen , wozu sie sich schon so geduldig gefügt hatte . Manfredi bleibt mit ihr in Venedig , ich reise zurück , versöhne den Marchese mit ihnen , der zu edel ist , um sie seinen Zorn lange empfinden zu lassen , besonders da diese Handlung seinen wahren Grundsätzen gar nicht entgegen sein kann ; was er uns damals darüber gesagt , war gewiß nur , um uns von allen weiteren Plänen abzuhalten , sein Ernst konnte es aber nicht sein . Ist nur erst der Marchese versöhnt , so muß es ihm leicht werden , auch unsre Mutter zu beruhigen , besonders da es doch nun einmal geschehen , und nicht zu ändern sein wird . Dann hole ich sie wieder von Venedig ab , sie werden beide glücklich sein , und werden mir ihr Glück danken ; ich habe dann redlich meine große Schuld gegen Manfredi abgetragen . Wir haben unser Leben gewagt für die gute Sache , wir