dem Institute bezahlte , reichte nicht allein hin , um sie auf die Länge vor noch größerem Mangel zu schützen . Gretchen konnte und wollte sich ja gerne Alles versagen , aber es konnte Ernestinen nicht leiden und darben sehen , die ohnehin der Erholung und Stärkung so dringend bedurfte ! Eine Unterstützung von Möllner oder Hilsborn sollte es auch nicht annehmen , das hatte es Ernestinen in die Hand versprechen müssen . Was war zu tun ? Nach einer langen schlaflosen Nacht stand Gretchen noch vor Tage auf und da Ernestine endlich entschlummert war , nahm es Tinte und Papier in die Küche hinaus und schrieb beim ersten Morgengrauen an Hilsborn . Es schrieb lange und hastig und manche Träne fiel auf den Brief , die Ernestine schwer auf die Seele gefallen wäre , hätte sie sie gesehen . Es hatte ihn beendet , ehe Ernestine erwachte und seine Augen glänzten schon wieder hell , als hoffe es von diesem Briefe alles Heil . „ Gretchen , “ sagte Ernestine , da sich das Mädchen über sie neigte und ihr den Morgenkuß bot : „ Du bist so heiter ! Fühlst Du denn gar nicht die Schwere der Last , die Du an mir mit herumschleppen mußt ? “ „ Ach Ernestine , “ rief Gretchen . „ So lange ich Dich noch habe , so lange freue ich mich Deiner — und wenn ’ s auch noch so traurig um uns ist ! “ Ernestine betrachtete das Mädchen sinnend : „ Gretchen , in Deiner Treue und Hingebung liegt eine Größe , die ich nie gekannt , und jetzt begreif ’ ich , was Johannes die wahre Weiblichkeit nannte . Diese Weiblichkeit , die mir Dein Vater nahm , Du , sein Kind , gibst sie mir wieder ; wieviel Du auch für mich getan , das ist das Höchste , und damit hast Du ein reiches Teil von seiner Schuld gesühnt . “ Gretchen atmete auf : „ Ach , mein ’ ich doch bei diesem Wort , es stiegen alle Engel zu mir nieder und sprächen : Du hast Gnade für Deinen Vater erwirkt ! Ernestine , Du stehst im Bund mit höheren Mächten , sonst könntest Du nicht solchen Himmelstrost in ein so schwer bedrängtes Kindesherz gießen ! Wahrlich , wahrlich , wenn Dein ernstes Auge so freundlich auf mich blickt , ist mir ’ s wie eine Erlösung für die arme Seele meines Vaters . Was könnte ich für Dich tun , das diese Wohltat aufwöge ? “ Siebentes Kapitel . Die dritte Macht . „ Was die Faust nicht tut , das tut der Geist , was der Geist nicht tut , das tut die Liebe ! so meinte er , “ sagte Ernestine . Ihre Gedanken waren unwillkürlich wieder zu Johannes geschweift . „ Ich wollte , ich dürfte dem Herrn Pfarrer seine Predigten schreiben , statt sie abzuschreiben , welch schöner Text wäre das . “ Sie hatte diese Worte über den Tisch hinüber gesprochen , wo Gretchen mit Anfertigung des neuen Kleides beschäftigt war , das ihr Hilsborn geschickt hatte . „ Hast Du ihm denn den Vorschlag nicht gemacht ? “ fragte Gretchen scherzend . „ Wenn er nicht so eitel wäre , würde ich es allerdings tun . So aber würde es ihn wohl beleidigen . “ „ Das denk ’ ich auch ! “ lachte Gretchen . „ Ist es nicht eine Ironie des Schicksals , “ sagte Ernestine und schnitt sich eine Feder , „ daß ich , die fast ihr ganzes Leben durch keine Predigt anhörte , nun solche abschreiben muß , um mir mein Leben zu fristen ? Nein — es ist keine Ironie , “ fügte sie ernst hinzu , „ auch das ist nur eine Gerechtigkeit ! “ Sie ließ die Feder wieder emsig über das Papier fliegen . Nach einer langen Pause richtete sie sich auf und holte tief Atem : „ O Gott , ich habe Alles gelernt , entsagen und beten — aber das Schwerste blieb mir noch zu lernen : die Geduld ! “ „ Es ist aber auch eine entsetzliche Geduldsprobe für einen Geist wie der Deine , die Gedanken eines Anderen nachschreiben zu müssen , “ meinte Gretchen . „ Ach , wären es nur Gedanken , aber es sind ja nichts als leere Worte . Und ich darf sie nicht einmal verbessern ! O , es ist in Wahrheit geistestötend . “ Sie schrieb weiter , plötzlich hob sie den Kopf : „ Die Religion sollte wenigstens in den Händen der Frauen sein , wenn man ihnen auch Wissenschaft und Politik verschließt . Die Religion ist Sache des Gefühls und das Gefühl ist Sache der Frau . Die Demut , die Ergebung und Opferfähigkeit , die das Christentum fordert , sie wurzelt im weiblichen Herzen und ein weiblicher Mund würde sie beredter lehren , als ein männlicher . Warum soll die Zunge der Frau nicht würdig sein , das Wort Gottes zu verkünden ? Warum ? “ Sie unterdrückte einen Seufzer . „ Ach , da ergreift mich wieder der alte Zorn ! Doch ich will schweigen , so selbständige Gedanken passen sich nicht für einen Abschreiber ! “ Sie wollte fortarbeiten , aber sie war rot vor Entrüstung und die Tränen stürzten ihr aus den Augen : „ Ach , Gretchen , ich werde ihn nie verwinden , er kocht immer neu auf , der Schmerz um unser verfemtes Geschlecht . Es ist und bleibt so , — jede Gedankenberührung trifft einen wunden Fleck in meiner Seele ! “ Gretchen legte ihr die Hand auf die Schulter : „ Liebe Ernestine , wir wollen später über das unglückliche Thema sprechen . Jetzt bedenke , daß der Herr Pfarrer die Abschrift auf vier Uhr bestellt hat . “ „ Du hast Recht — ich will sie fertig machen ! “ sagte Ernestine und tauchte die Feder ein . „ Nein , den Unsinn kann ich