Glauben an die von ihm aufgestellten Lehren und Grundsätze zu gewöhnen . Wer aber in geistiger Gefangenschaft erwächst , in wem der Trieb nach freier , prüfender Forschung nicht lebendig ist , dem werden seine Vorurtheile gar bald eben so zu einer Schranke seines Denkens , wie zu einer Stütze für seine Unselbständigkeit , und die Zuversicht , der Eigensinn , die Heftigkeit , mit welcher der Befangene sich in der Regel an sie klammert oder sie aufrecht erhält , sind nur ein Zeichen seiner Haltlosigkeit und seiner inneren Schwäche . Es war Renatus offenbar nicht angenehm gewesen , durch den Maler in seinem Zwiegespräche mit der Freundin seiner Mutter unterbrochen worden zu sein , und da er , durch zu ausschließliche Beachtung in seiner Kindheit verwöhnt , sich trotz seiner Bescheidenheit eine große Bedeutung beilegte , hatte sich bei des Malers Ankunft eine übellaunige Verstimmung seiner bemeistert , die erst in dem Verkehr mit demselben und in der Kunstbetrachtung wieder allmählich gewichen war . Nach Seba ' s spottender Bemerkung schien diese Gereiztheit sich abermals kundgeben zu wollen , und Seba fühlte Lust , ihn um dieser Unart willen zur Rede zu stellen ; aber der Jüngling stand ihr dazu noch zu fern , und halb aus Neugier , halb aus nachgiebiger Güte gegen den Sohn ihrer Angelika fragte sie , um ihm die Möglichkeit weiteren Vertrauens zu eröffnen , an ihre frühere Unterhaltung anknüpfend , welchen Eindruck denn auf ihn in seiner Kindheit die Kunde von der neuen Verheirathung seines Vaters hervorgebracht habe . Einen weit geringeren und sicherlich einen anderen , als Sie erwarten mögen , entgegnete der Jüngling . Ich hatte durchaus keinen Kummer darüber und dachte nicht im entferntesten daran , daß und in welcher Weise meine Zukunft dadurch benachtheiligt werden könne . Auch erfuhren wir die Heirath meines Vaters erst , als sie schon vollzogen war . Und als falle ihm plötzlich etwas ein , zog Renatus seine Brieftasche aus der Uniform hervor , öffnete sie , suchte unter den verschiedenen Papieren , die sie enthielt , und sagte dann , seiner Zuhörerin ein zusammengefaltetes Schreiben vorhaltend : Sehen Sie , das ist der Brief , in welchem mein Vater dem Caplan von seinem Entschlusse Kenntniß gab . Ich habe ihn , als ich ihn vor ein paar Jahren nach vielem Bitten von dem Caplan erlangte , immer als eine Art von Andenken und als eine Erinnerung bei mir getragen , weil mit diesem Briefe in gar vieler Rücksicht ein neues Dasein für mich begonnen hat . - Er reichte Seba den Brief , der aus Venedig datirt war . » Da Sie mich kennen , mein alter Freund , « hatte der Freiherr an den Caplan geschrieben , » so werden Sie es natürlich finden , daß ich Sie erst , nachdem ich mit mir selbst völlig einig bin , von einem Schritte in Kenntniß setze , den ich bereits gethan haben werde , wenn Sie diesen Brief empfangen . Der Himmel , der meinem Leben von Jugend auf seine besonderen Wege und seine eigenthümlichen Schicksale vorgezeichnet , hat mir ein großes Glück , eine wundersame Verjüngung an jener letzten Grenze des reifen Mannesalters vorbehalten , in welchem weniger bevorzugte Naturen für die höchsten Empfindungen und Freuden des Daseins oft nicht mehr empfänglich sind . Was ich in frühen Jahren besessen , die volle , ganze , rückhaltlose Liebe eines jungen Herzens , das ist mir abermals zu Theil geworden , und wenn damals trennende Lebensverhältnisse mich verhinderten , meines Glückes mich offen zu erfreuen , so ist es mir jetzt eine Genugthuung und eine Ehrensache , meiner künftigen Gattin eine ihrer Geburt und ihren Vorzügen angemessene Stellung zu bereiten . In wenig Tagen wird hier in Venedig meine Trauung mit Vittoria Giustiniani vollzogen werden , in wenig Wochen denke ich sie in ihre neue Heimath und in mein Haus zu führen . Ich wünsche die schöne Jahreszeit zu benutzen , damit die Theure unsere Gegend im besten Lichte und in ihrem schönsten Schmucke sehe . Ich bitte Sie also , mein Freund , Alles für meine Wiederkehr anordnen zu lassen , und ich rechne dabei , wie immer , auf Ihre Freundschaft für mich , die darauf bedacht sein wird , meiner theuren Vittoria einen wohlthuenden Eindruck vorzubereiten . Sie werden in ihr eine ganz ursprüngliche Natur und eine vollendete Künstlerin finden , und da ich selbst mich jung fühle in der Liebe dieses holdseligen Wesens , so freut es mich auch , daß fortan in meinem Hause eine junge Frau walten wird , welche meinem Sohne in Jahren näher steht , als Sie und ich , und die hoffentlich dazu beitragen wird , ihn jugendlicher und fröhlicher zu machen , als er mir nach seinen Briefen zu sein scheint , in denen sich die schwerlebige Berka ' sche Gemüthsart , von der ich so viel gelitten habe , mehr als mir erwünscht ist , kundgibt . Theilen Sie ihm meine bevorstehende Verheirathung mit und sorgen Sie dafür , daß er seiner Stiefmutter ein vertrauendes Herz entgegenbringe . « Seba las den Brief mit großem Antheile , aber er that ihr für das Andenken ihrer Angelika und für Renatus weh , denn des Freiherrn geringe Liebe für den Sohn und seine Abneigung gegen Angelika sprachen sich unverhohlen darin aus . Als sie dem Jünglinge den Brief zurückgab , sagte er : Ich habe Ihnen dieses Blatt , das kein fremdes Auge je gesehen hat , unbedenklich anvertraut , denn Ihnen wird es keine Neuigkeiten und keine Geheimnisse verrathen haben . Und doch sehen Sie jetzt gerade so betrübt aus , als ich nach Ankunft jenes Briefes meine ganze Umgebung erblickte . Ich kam offenbar aller Welt beklagenswerth vor . Die Gräfin Rhoden umarmte mich unter Thränen , als wir sie zum ersten Male wieder besuchten , meine kleinen Freundinnen hofften , daß meine Stiefmutter mich nicht schlecht behandeln werde ; der Caplan , welcher im Schlosse Alles erneuern ließ , was etwa