die unermeßlichen Straßen , auf die kolossalen Palläste , die seitdem entstanden sind , oder auf die herrliche Einfassung der majestätischen Newa , und die großartigen , reich verzierten Thore und Gitter des Sommergartens , so kann sich die Phantasie nicht daran gewöhnen , sich dieß alles als kürzlich entstanden zu denken . Betrachtet man die ungeheuern Säulen aus Granit , jede aus einem einzelnen Block und wie Edelgestein polirt , die in der Kasanschen Kirche prangen , so darf man diese Werke dreist mit den Werken der Römer vergleichen , und hätte immer ein richtiger Geschmack diese ungeheuern Kräfte geleitet , daß wir eben so wohl den edeln Styl der Baukunst immer bewundern könnten , wie den großen Kraftaufwand , so wäre Petersburg beinah ein Wunder zu nennen , aber nicht zu läugnen ist es , daß sich dem Beschauer oft ein Gefühl aufdrängt , das ihn zwingt , eine solche Verwendung so ungeheurer Kräfte zu beklagen . Auch war es mir , nachdem das erste Anstaunen dieser Schöpfung vorüber war , störend , das lebendig-frohe Gewühl anderer Städte zu vermissen . Die Straßen sind so unermeßlich lang und breit , daß sie immer leer scheinen ; die Plätze sind so groß , daß sich Alles darauf verliert , und ich weiß nicht , ob es vielleicht aus diesem Grunde war , daß die Statue Peters des Ersten nicht den Eindruck auf mich machte , den ich erwartete . Sie sieht in dieser Umgebung klein aus , und selbst der Felsen , auf dem sie steht , kann nicht Bewunderung in dem Beschauer erregen , wenn er es nicht weiß , daß dieser ungeheure Granitblock aus Finnland hieher versetzt wurde , denn hier , wo er jetzt steht , sieht er bei Weitem nicht so groß aus , wie ich ihn mir nach Beschreibungen dachte . Einigermaßen mag der Sommer Schuld sein an dem todten Ansehn , das jetzt Petersburg hat , weil dann Alles eilt , für diese wenigen Monate die reizenden Landhäuser zu beziehen , die die Stadt von allen Seiten umgeben , und in der That , hier kann man es ganz vergessen , daß man im Norden lebt . Diese verschwenderische Pracht von Blumen und blühenden Stauden entzückt das Auge ; die sich auf dem Wasser schaukelnden , bunt geschmückten Gondeln rufen südliche Bilder in unserer Seele hervor . Die schattigen Baumgänge gewähren anmuthige Kühlung bei dem Brande der Sonne und schützen gegen die rauhen Winde , die tückisch oft auf einmal an den Norden erinnern . Ist man so glücklich , an einem schönen Tage denn auch die nur in Rußland einheimische Hornmusik im Freien zu hören , so muß auch der eigensinnigste Kritiker gestehen , daß die große Kaiserstadt und ihre Umgebung die edelsten Genüsse zu gewähren vermag . Ich habe niemals Instrumentalmusik gehört , die auf mich einen so tiefen , unerklärlichen Eindruck gemacht hätte . Es ist ein lebendiges aus Menschen zusammengesetztes Instrument , das wir hier hören . Jeder bläst nur einen Ton auf einem der an Größe verschiedenen Hörner , und wenn auch diese Musik ihrer Natur nach wohl nur dazu geeignet ist , ernstere Sachen in gedehnten Tönen vorzutragen , so ist es doch auf ' s Höchste zu bewundern , wie dieß Menscheninstrument eingeübt ist , denn sie machen die schnellsten Läufe auf und ab mit einer Genauigkeit , die an ' s Unglaubliche gränzt . Nachdem mir diese Musik den höchsten Genuß gewährt hatte , drängte sich mir doch ein schmerzliches Gefühl auf , denn es drückte mich hart , den Menschen in dem Grade zur Maschine erniedrigt zu sehen . Noch ergreifender aber und unendlich erhabener ist der Eindruck , den die russische Kirchenmusik auf jeden Menschen hervorbringen muß , dessen Seele für solche Eindrücke überhaupt empfänglich ist . Bekanntlich verbannt der strenge griechische Ritus alle Begleitung der Instrumente , auch verbietet dieselbe Strenge bei Besetzung des Soprans sich der Hülfsmittel zu bedienen , die die lateinische Kirche gestattet , also wird die Diskantstimme von Knaben gesungen , die für die Kapelle zu diesem Behufe ausgewählt werden . Die Seele wird getroffen und das Herz in seinen Tiefen bewegt , wenn diese göttlich schönen Stimmen sich himmelan schwingen , darum , weil eine so süße Kindesunschuld in ihnen tönt , das man unwillkührlich an die den Thron Gottes umschwebenden Engel denken muß . Freilich , wenn der Gesang verstummt ist und die Bewegung des Herzens sich beruhigt hat , behauptet dann der alte Fehler des Menschen , immer urtheilen und vergleichen zu wollen , sein Recht , und ich mußte mir gestehen , als ich die Kapelle verlassen hatte , daß die lateinische Messe kunstreicher ausgebildet ist , auch liegt die Ursache , warum dieß so ist , glaube ich ganz nahe . Da nämlich die Oberstimme in der griechischen Kirche immer von acht- oder zehnjährigen Knaben gesungen werden muß , so kann nie ein Virtuose die echte Kunst des Gesanges oder die ganze Tiefe des religiösen Gefühls darin entfalten , alle andern Stimmen müssen mit bescheidener Mäßigung behandelt werden , damit die Oberstimme nicht unterdrückt wird ; deßhalb bewegt die rührende Unschuld in diesem himmlischen einfachen Gesange vorzüglich das Herz , wenn wir bei der kunstreicher gebildeten lateinischen Messe oft noch Gelegenheit haben , die große Virtuosität einzelner Sänger zu bewundern . Vielleicht würden diese Betrachtungen meinen griechischen Christen viel zu weltlich dünken , denn ich glaube , es fällt nur wenigen ein , den Gesang in der Kirche als Kunst zu betrachten ; es scheint ihnen bloß unerläßlich zum Gottesdienst zu gehören . Ueberhaupt , glaube ich , hat die Kunst hier noch wenig Eingang gefunden , obgleich die Kaiserstadt viele herrliche Kunstwerke besitzt . Kunstgenuß ist hier ein Luxus , den sich nur Wenige erlauben , keineswegs ein Bedürfniß der Seele . Deßhalb durchwandert man die Säle , in denen die Kunstschätze sich befinden , beinah immer einsam , und auch ich habe mir nur einen flüchtigen Ueberblick zu verschaffen gesucht ,