Nachrichten mitzutheilen , die ich mir über die Leidenschaft unsrer unglücklichen Freundin für den jungen Thessalier , den die strenge Nemesis zum Werkzeug ihrer Züchtigung ausersehen zu haben scheint , theils durch mich selbst , theils durch die wohlmeinende kleine Verrätherin Eudora zu verschaffen Gelegenheit gefunden habe . Was den jungen Menschen betrifft - der , wiewohl kaum zwanzig Jahre alt , schon mancherlei Abenteuer bestanden und sich an mehrern Orten unter verschiedenen Namen einen sehr zweideutigen Ruf erworben hat - so stimmen alle meine eingezogenen Erkundigungen darin überein , daß er aus dem Thessalischen Kanton Pharsalia gebürtig , und weder reicher noch von edlerer Herkunft ist , als jeder andere Abkömmling von Pyrrha und Deukalion . Indessen kann man ihm nicht absprechen , daß er vornehme Leidenschaften und Liebhabereien hat , und den kleinen Thessalischen Fürsten auf Unkosten der verblendeten Lais meisterlich zu spielen weiß . Er lebt , seitdem er eine eigene Wohnung bezogen hat , unter dem Namen Pausanias auf einem großen Fuß ; hat sich eine Menge Bediente , die schönsten Pferde , und Jagdhunde , wie sie Xenophon selbst nicht besser hat , angeschafft ; erscheint beinahe täglich auf der Rennbahn , und steht bereits mit den ausschweifendsten und übel berüchtigtsten unter unsern jungen Eupatriden in enger Verbindung . Die arme Lais , die ihm nichts versagen kann , ist genöthigt , ihr schon so lange besserer Gesellschaft verschlossenes Haus allen diesen Wildfängen offen zu halten , und du kannst dir vorstellen , daß der Unfug , den die Homerischen Freier im Palaste des Odysseus treiben , nur Kinderspiel gegen die Orgien dieser ungezügelten Schwärmer , und das fette Schwein nebst dem auserlesenen Geißbock , so jene täglich verzehrten , eine Kleinigkeit gegen den ungeheuern Aufwand ist , welchen Lais durch ihre gränzenlose Gefälligkeit gegen alle Einfälle und Launen ihres eben so unbesonnenen als unbescheidenen Geliebten , sich auf den Hals geladen hat . Alles dieß ging nun freilich stufenweise . In den ersten Tagen schien er bloß an ihren Winken zu hangen , und von ihrem Anschauen und ihren Blicken zu leben . Aber mit einem verwundernswürdigen Spürsinn machte der Schlaue gar bald ihre schwache Seite und die Rolle ausfindig , die er zu spielen habe , um sich unvermerkt ihres ganzen Herzens zu bemächtigen . Wechselsweise feurig und kalt , schwärmerisch und muthwillig , ehrfurchtsvoll und zudringlich , geschmeidig und widerspänstig , unterwürfig und gebieterisch , zeigte er sich ihr unter so vielerlei Gestalten , und wußte immer so behend und mit so ungezwungener Leichtigkeit diejenige anzunehmen , die zur gegenwärtigen Stimmung oder Laune der wandelbarsten und vielgestaltigsten aller Weiber am besten paßte , daß er schon dadurch allein , daß er sie so stark beschäftigte , und ihr so viele Gelegenheiten gab , sich ihm von allen Seiten mit immer neuen Reizungen zu zeigen , eine Gewalt über sie erhalten mußte , die noch keiner ihrer Freunde oder Liebhaber sich zu verschaffen - gesucht oder vermocht hatte . Indessen , dieß alles , und wenn man auch die Eindrücke , die seine Gestalt und Jugend auf eine Frau wie die schöne Lais machen konnte , in der möglichsten Stärke noch dazu rechnet , alles dieß wäre doch nicht hinreichend , die Leidenschaft , womit sie an diesem Menschen hängt , und die Gewalt , die er über sie ausübt , begreiflich zu machen : man ist schlechterdings genöthigt , entweder die unwiderstehliche Sympathie der Aristophanischen Menschen-Hälften in Platons Gastmahl , oder den alten Glauben , daß es Leidenschaften gebe , die uns von einer ergrimmten Gottheit aus Rache über den Kopf geworfen und gleichsam angezaubert werden , zu Hülfe zu nehmen , um sich von einer so wunderbaren Erscheinung eine - eben so wunderbare Ursache anzugeben . Lais hatte vorher nie leidenschaftlich geliebt . Auch wenn sie sich herabließ , unter den unzähligen , die sich um sie bewarben , einen von den Göttern begünstigten glücklich zu machen , geschah es immer ohne daß ihre Freiheit die mindeste Gefahr dabei lief . Schwärmerische Liebe , die sich dem Geliebten gänzlich hingibt , keinen Willen als den seinigen hat , ihm alles aufopfert , nur in ihm lebt und da ist , kurz , eine Liebe , die man nicht in seiner Gewalt hat , und deren Wirkungen im Gegentheil unsrer eigenen Selbstständigkeit Gewalt anthun , und eine Art von Bezauberung sind , war in ihren Augen eine lächerliche Schwachheit , deren sie sich gänzlich unfähig hielt . Eine späte Erfahrung hat sie nun , zu ihrem eigenen Erstaunen , des Gegentheils überführt ; und wer jemals selbst geliebt hat , begreift , wie die mächtigste aller Leidenschaften , sobald sie einmal Besitz von ihr genommen hatte , eine so gänzliche Verwandlung ihrer Sinnesart bewirkte , daß sie andern und sich selbst ein völlig neues Wesen scheinen muß . Aber wie diese Anlage zu der höchsten Art von tragischer Liebe vierzig Jahre lang , wie von einem magischen Schlaf gebunden , in ihrem Busen schlummern konnte , und daß gerade dieser Thessalische Taugenichts der einzige seyn mußte , der sie zu wecken vermochte , das ist es , was allen , die sie zuvor kannten , unbegreiflich ist , und was man kaum seinen eigenen Augen glauben kann . Ich würde mich nicht so sehr verwundern , wenn der Zaubervogel , womit er sie an sich gezogen hat , keine andern als die gewöhnlichen Zufälle der leidenschaftlichen Liebe in ihr hervorbrächte , wie heftig sie auch immer seyn möchte , mit Einem Worte , wenn sie den schönen Thessalier liebte wie etwa Sappho ihren Phaon ; auch würden , wenn dieß der Fall wäre , ihre Freunde sich ihrentwegen noch eher beruhigen können . Denn , da der schöne Pausanias weit entfernt ist den Grausamen gegen sie zu machen , so wäre gute Hoffnung , daß der Genuß das Feuer dämpfen und die verliebte Raserei von kurzer Dauer seyn würde . Aber , zu ihrem Unglück , hat die Phantasie ungleich mehr Antheil