der alljährliche Wechsel des Prorektorats fiel ! Sie erinnerte sich , wie tödlich sie Herbert verletzt habe an jenem Abend bei Möllner , wo sie ihn ihre ganze Überlegenheit so siegreich fühlen ließ , und sie begriff sogleich , daß beleidigte Eitelkeit nie vergibt , daß sie sich an diesem Manne einen unversöhnlichen Feind gemacht hatte . Doch das war nur Nebensache . Wer vorwurfsfrei gelebt , dem könnte kein Feind etwas anhaben . Es war ihre Schuld , wenn Herbert durch sein Zeugnis ihre Aussichten vereitelte . Hatte er sie denn verleumdet ? Hatte er nicht einfach auf die Bücher hingewiesen , die sie geschrieben ? Sie hatte das Messer selbst geschliffen , das sich jetzt in der Hand dieses Menschen wider sie kehrte ; — sie durfte nicht ihn — nur sich selbst anklagen . So nackt war ihr das Gespenst ihrer Vergangenheit noch nie vor Augen getreten . Da stand sie , die sich dem Kampfe mit einer Welt gewachsen gefühlt , hungernd und frierend im Schnee und las bei einer Straßenlaterne das Anathema , das die Gesellschaft über die Revolutionärin ausgesprochen . Der Lauf der allgemeinen Ordnung , dem sie sich so vermessen entgegengestemmt , war über sie weggegangen und hatte sie unter seinem eisernen Tritte begraben . Sie war nichts mehr als ein hilfloses , verlassenes Weib . Sie war fast unfähig , weiter zu lesen . Sie hielt das Blatt in den zitternden Händen , ohne die wenigen Worte des Bedauerns , die der Agent noch folgen ließ , entziffern zu können . Der immer dichter fallende Schnee durchnäßte das Papier , daß die Buchstaben in einander flössen und der rauhe Wind schlug es ihr fortwährend um . Ihre Füße waren steif vor Kälte , sie wandte sich wieder dem Hause zu und tastete sich die dunkeln Treppen hinauf . Gretchen blieb auch heute gar so lange aus . Sie sehnte sich nach ihrem Trost und Rat , nach der Nähe des einzigen fühlenden Wesens , das sie noch auf Erden besaß . Aber was sollte denn nun werden ? Sie konnte doch nicht noch länger dulden , daß dies junge frische Leben seine besten Tage und Kräfte hingab , um sie zu ernähren ? Sie konnte doch nicht noch länger von der Güte dieses Kindes abhängen ? Was sollte sie beginnen ? Sollte sie von Tür zu Tür betteln ? Wie konnte sie sich durch Arbeit ernähren , da sie keine der Geschicklichkeiten besaß , wodurch etwas zu erwerben gewesen wäre ? Sie hatte in den wenigen Monaten , seit sie mit Gretchen zusammen war , nur das Nötigste gelernt . Sie hatte ja keine Ahnung gehabt , wie schwer diese Dinge seien , die sie immer für so nichtig gehalten . — Sie war an der haarscharfen Grenze angelangt , wo der Mensch die Würde vor sich selbst einzubüßen Gefahr läuft , wo er kämpft ums nackte Leben ! Sie rang die Hände und rief in die Nacht hinaus : „ Gott , Gott erbarme Dich doch und zeige mir einen Weg aus dieser Erniedrigung ! “ Aber dann stieg wieder der bittere Zweifel in ihr auf : Würde er sie hören , die ihn nie gehört ? Konnte er ihr verzeihen ? Und sie ging ängstlich im Geiste die Schriften wieder durch , in denen sie seinen Namen , gelästert und ermaß an der Größe der Beleidigung die Größe ihrer Strafe — und sie fand , daß ihr nur ihr Recht geschehen sei ! „ O halte ein , Gott der Gnade — halte ein und erbarme Dich der reuigen , zerknirschten Seele ! “ bat sie zagend wie ein Kind . Aber keine Hoffnung auf Erhörung kam in ihr Herz . O , hätte sie es damals geahnt , als sie jubelte über das Aufsehen , welches jene Schriften machten — daß diese Ehre einst ihre Schande , daß dieses Glück einst ihr Verhängnis würde ! Kein Vor ­ wurf gegen ihren Oheim war über ihre Lippen gekommen . Sie fluchte ihm nicht , als er ihr Vermögen stahl — das hatte er gesühnt mit dem Tode ; was er aber nicht im Tode sühnen konnte , das war das Verbrechen an ihrer Seele , — Um deswillen fluchte sie ihm noch über das Grab hinaus ! Welch glückliches Weib konnte sie werden , wenn er sie nicht nach einem Gute lüstern gemacht hätte , das kein Weib erreicht . Wieviel edle Freunde konnte sie sich gewinnen , hätte er sie nicht zur Menschenfeindin erzogen , — und nun , wo es galt , sie vor dem Elendesten , dem Hunger zu retten , war es der böse Geist seiner Lehren , der ihr noch das Stück Brot , das sie sich erwerben wollte , von den Lippen riß ! Als Gretchen endlich heimkam , fand es die stolze Gestalt zusammengekauert mit gefalteten Händen vor dem Herde sitzen und in das Feuer starren , das sie einstweilen entzündet , um ihre nassen Füße zu wärmen und das Abendessen zu kochen . „ Was tust Du , liebe Ernestine ? “ fragte sie besorgt . „ Ich bete ums tägliche Brot ! “ erwiderte sie dumpf . Mit tiefem Schmerz erfuhr das Mädchen die Ursache von Ernestinens Verzagtheit und Trostlosigkeit . Es begriff wohl , daß diese Untätigkeit und Abhängigkeit für eine Natur wie Ernestine der Tod sei , daß alle die Opferfreudigkeit und Liebe , die es ihr zeigte , nicht hinreichen konnte , Ernestinen darüber zu beruhigen , daß sie überhaupt einem lebenden Wesen zur Last falle . Aber es wußte keinen Rat . Das Einzige , was Ernestine tun konnte , um selbständig etwas zu erwerben , war vielleicht : Abschreiben . Aber wer brauchte in dem kleinen Städtchen einen Abschreiber ? Und was sollte werden , wenn Ernestine gar nichts verdienen konnte ? Sie hatten bereits vieles Entbehr ­ liche verkaufen müssen , um das Notwendige zu beschaffen . Das bescheidene Lehrerinnenhonorar , das man Gretchen in