ja außerhalb des Hauses , obschon ich aus dem Innern nach einem Garten hinausschaute . Am Ende stand ich nur an einer reichgetäferten Wand auf einem schmalen Gesimse , das meinen Füßen kaum genügenden Raum bot . Als ich mich hinausbog , um zu sehen , wie ich von der gefährlichen Stelle hinuntersteigen könne , sah ich auf der Gasse einen verkniffenen Knirps von Knaben mit grauen verwelkten Haaren , der mit einem Stecken meine Herrlichkeiten auseinanderstörte . Sogleich erkannte ich den Jugendfeind , jenen vom Turme gestürzten Knaben Meierlein , und kletterte eilig hinunter , ihn zu verjagen . Der aber fing wütend an zu schelten und als Kindswucherer und Gläubiger aufs neue , nach so viel Jahren , seine Forderung geltend zu machen , indem er die Hand an den vom Sturze zerschlagenen Kopf drückte . Er wolle mich jetzt endlich auspfänden , rief er mit giftigen Worten , daß er zu seiner verschriebenen Sache komme ; seine Rechnung sei pünktlich in Ordnung . » Du lügst , du kleiner Schuft « , schrie ich ihm zu , » mach , daß du fortkommst ! « Da erhob er seinen Stock gegen mich , wir gerieten einander in die Haare und rauften uns unbarmherzig . Der wütende Gegner riß mir alle die schönen Kleider , die ich trug , in Fetzen , und erst als ich ihn keuchend und verzweifelnd am Halse würgte , entschwand er mir unter den Händen und ließ mich in der schattigen kalten Straße stehen . Ermattet sah ich mich mit bloßen Füßen dastehen . Das Haus war aber das wirkliche alte Haus , jedoch halb verfallen , mit zerbröckelndem Mauerkalk , erblindeten Fenstern , in denen leere oder verdorrte Blumenscherben standen , und mit Fensterläden , die im Winde klapperten und nur noch an einer Angel hingen . Von meiner trefflichen Traumeshabe war nichts mehr zu sehen als einige zertretene Reste auf dem Pflaster , welche von nichts Besonderem herzurühren schienen , und in der Hand hielt ich nichts als den meinem bösen Feinde abgerungenen Stecken . Ich trat entsetzt auf die andere Seite der Straße und blickte kummervoll nach den öden Fenstern empor , wo ich deutlich meine Mutter , alt und grau und bleich , hinter der dunklen Scheibe sitzen sah , wie sie in tiefem Sinnen ihren Faden spann . Ich streckte die Arme nach dem Fenster empor ; als sich die Mutter aber leis bewegte , verbarg ich mich hinter einem Mauervorsprung und suchte bang aus der stillen dämmerigen Stadt zu entkommen , ohne gesehen zu werden . Ich druckte mich längs den Häusern hin und wanderte alsbald an meinem schlechten Stabe auf einer unabsehbaren Landstraße dahin zurück , woher ich gekommen war . Ich wanderte und wanderte rastlos und mühselig , ohne mich umzusehen . In der Ferne sah ich auf einer ebenso langen Straße , die sich mit der meinigen kreuzte , meinen Vater vorüberwandern mit seinem schweren Felleisen auf dem Rücken . Als ich erwachte , fiel mir ein Stein vom Herzen , so traurig war mir dieser letzte Teil der geträumten Abenteuer . So ging es nächtelang fort , obgleich zuweilen auch etwas mäßiger , so daß der erträumte Zustand an eine Art ruhiger Zufriedenheit grenzte . Einmal träumte mir , daß ich an dem Rande des Vaterlandes auf einem Berge säße , der von Wolkenschatten verdunkelt war , während das Land in hellem Scheine vor mir ausgebreitet lag . Auf den weißen Straßen , den grünen Fluren wallten und zogen Scharen von Volk und Leuten und sammelten sich zu heiteren Festen , zu verschiedenen Handlungen und Lebensübungen , was alles ich aufmerksam beobachtete . Wenn aber solche Scharen oder Aufzüge nah an mir vorübergingen und ich von den Leuten erkannt wurde , schalten sie mich im Vorbeigehen , wie ich , teilnahmlos in Trauer verharrend , nicht sehe , was um mich her geschehe , und sie forderten mich auf , ihnen zu folgen . Ich verteidigte mich aber freundlich und rief ihnen zu , ich sähe alles genau , was sie bewege , und nähme teil daran . Nur sollten sie sich jetzt nicht um mich kümmern , so sei mir wohler . Diese Vorstellung hatten meine emsigen Traumgeister offenbar folgenden Versen eines Unbekannten entwendet , die ich am Abend vorher in einigen zerrissenen Druckblättern gelesen : Klagt mich nicht an , daß ich vor Leid Mein eigen Bild nur könne sehen ! Ich seh durch meines Leides Flor Wohl euere Gestalten gehen . Und durch den starken Wellenschlag Der See , die gegen mich verschworen , Geht mir von euerem Gesang , Wenn auch gedämpft , kein Ton verloren . Und wie die müde Danaide wohl , Das Sieb gesenkt , neugierig um sich blicket , So schau ich euch verwundert nach , Besorgt , wie ihr euch fügt und schicket ! Achtes Kapitel Der wandernde Schädel So ging es in den Nächten zu . Wie ich die Tage damals verbracht , weiß ich mir kaum mehr vorzustellen ; es war die verwunderlichste Übung der Geduld mit dem Schicksal , das will sagen , mit sich selbst . Und wie ich vorahnend gedacht , löste sich der Ausgang auf diese Weise am leichtesten von den Dingen . Es dauerte nicht viele Tage , so zeigte es sich , daß mein verwitweter Hauswirt ohne seine Frau nicht bestehen konnte und sich genötigt sah , die Haushaltung aufzulösen , die Kinder einstweilen den Eltern der Verstorbenen zuzuschicken und die Wohnung zu räumen . Schon waren die Kleinen fort , als der Mann mir mürrisch und gleichgültig anzeigte , ich habe eine andere Unterkunft zu suchen , da er selbst am nächsten Tage ausziehe . Ich hatte nun alle die Jahre her in dem Hause gewohnt , und da ein übles Geschick meine fahrende kleine Habe auseinandergeblasen , so beschloß ich auf der Stelle , nach der Heimat zu gehen , statt einen bettelhaften Einzug in eine neue Wohnung zu halten . Ich änderte auch