und da ich schwächlich war und der Arzt für mich ein einfaches und regelmäßiges Leben verordnet hatte , ging es bei uns wie in einem Kloster zu . Ich hatte viel Unterricht , war nie eine Stunde ohne Aufsicht , genoß , weil mir jede Gelegenheit , einen Fehler zu begehen oder ein Unrecht zu thun , entzogen war , die volle Zufriedenheit der beiden trefflichen alten Leute und kannte nur zwei Arten von Belohnungen , die darin bestanden , daß ich mit dem Jäger reiten oder schießen durfte und daß Mamsell Marianne mich in unserem Ahnensaale von den Thaten , den Eigenschaften und den Familien-Verbindungen meiner Ahnherren und Ahnfrauen unterhielt , da sie sich im Dienste meiner Großtante Esther zu einer wahren Familien-Chronik ausgebildet hatte . Besuchten Sie denn Ihre mütterlichen Großeltern in der Abwesenheit Ihres Vaters nicht ? Nein , sie kamen nie nach Richten ; ich wurde jedoch in jedem Jahre einmal auf wenige Tage in ihr Haus geführt . Indeß ich war so schüchtern , daß ich mich nicht wohl in der Gesellschaft meiner jungen Vettern fühlte . Dazu scheute ich mich auch vor all den Fragen , die man über meinen Glauben - Sie wissen , meine Großeltern gehören nicht zu unserer Kirche - stets an mich zu richten pflegte , und heitere Tage habe ich in meiner Kindheit nur im Hause der guten Gräfin Rhoden und in der Gesellschaft ihrer beiden Töchter genossen und erlebt . Drittes Capitel Die Dazwischenkunft eines eintretenden Besuches unterbrach den jungen Mann in den Mittheilungen aus seiner Kindheit . Es war ein Maler , welcher von seiner Studienreise wiederkehrte . Er brachte der Freundin seine Mappen mit , damit sie sich mit ihm an der reichlichen Ausbeute seiner Arbeit erfreue , und Renatus zeigte den lebhaftesten Antheil daran , da er selber eine recht hübsche Anlage für das Zeichnen hatte und , ohne besonderen Unterricht erhalten zu haben , im Treffen der Aehnlichkeit wie in dem Wiedergeben landschaftlicher Natur recht glücklich war . Man blieb eine geraume Zeit mit dem Betrachten der Skizzen und Studien beschäftigt , und als der Maler sich dann entfernte , meinte Renatus , daß er sich kaum ein schöneres Loos , als das des Künstlers , zu denken vermöge , ja , wie er , da ihm auch für Musik die Begabung nicht versagt sei , sich oftmals auf dem Gedanken ertappt habe , daß er als ausübender Künstler seine höchste Befriedigung gefunden haben würde . So hätten Sie Künstler werden sollen ! bedeutete ihn Seba . Ich ? fragte Renatus mit einem Tone , als werde ihm etwas ganz Unmögliches angemuthet . Wie hätte ich das anfangen sollen ? Wie jeder Andere , dem es darum Ernst ist ! entgegnete ihm Seba . Aber der Jüngling war von dieser Antwort nicht befriedigt ; sie schien ihn sogar zu kränken , denn leicht erröthend versetzte er : Sie vergessen , liebe Seba , daß ich ein Edelmann bin ! Seba lächelte . Soll das heißen , sagte sie mit leichtem Spotte , daß es unter Ihrer Würde ist , Sich mit dem Schönen zu beschäftigen ? Nein , es ist nicht unter unserer Würde , uns mit dem Schönen zu beschäftigen , entgegnete sehr ernsthaft der junge Edelmann , der sich sofort als ein Glied der großen Körperschaft empfand , der er angehörte ; es ist nicht unter unserer Würde , uns mit dem Schönen als Genießende zu beschäftigen , nur Vortheil können wir aus unserer Beschäftigung mit demselben nicht wohl ziehen . Wäre ich in bürgerlichem Stande geboren , so wäre ich sicherlich ein Künstler geworden ; jetzt würde mir das übel anstehen . Denken Sie doch , Beste , wenn ein Freiherr von Arten Bilder verkaufen oder für Geld Musik machen wollte ! O , unmöglich , ganz unmöglich ! Er lachte bei der bloßen Vorstellung , und es half nicht , daß Seba ihn daran erinnerte , wie viele der französischen Flüchtlinge ihr Brod durch Uebung weit geringerer Fertigkeiten zu gewinnen genöthigt worden wären . Er erblickte darin eben nur die Bestätigung , daß allein die Noth den Edelmann bewegen dürfe , sich einem Gelderwerb durch Handel oder Industrie und Kunst zu überlassen , und seine Wirthin fand ihn , wie schon bei früheren ähnlichen Gelegenheiten , jeder vernünftigen Ueberzeugung unzugänglich , wo diese sich gegen eines der Vorurtheile richtete , deren er weit mehr als sein Vater , als der Freiherr hegte . Indeß es lag darin nichts , was Seba , nach ihrer Kenntniß der Verhältnisse , überraschen konnte , und sie war einsichtsvoll genug , es sich zu deuten , wie der Caplan einen so verschiedenen Einfluß auf den Vater und auf den Sohn zu üben vermocht habe . Als Erzieher und Reisebegleiter des Freiherrn Franz hatte der Caplan sich es einst angelegen sein lassen , diesen für das Studium der schönen Wissenschaften zu gewinnen und ihm jene humanistische Bildung anzueignen , welche den Freiherrn seiner Zeit so liebenswürdig und so duldsam gemacht hatte . Aber die Folge mochte dem Caplan nach seiner Ansicht den Beweis geliefert haben , daß die Duldsamkeit gegen Andere auch sehr duldsam gegen die eigene Schwäche und Willkür werden lasse , und wie die Aufklärung , welche den Menschen auf sich selbst verweise , die Gefahr in sich schließe , daß er sich von der Zucht der Kirche frei , weder durch ihre Gebote noch durch ihre Strafen gebunden glaube . Mit bewußter Absicht hatte der Caplan also bei der Erziehung von Renatus den Weg verlassen , auf welchen er den Vater desselben einst geführt . Er hatte für ihn das unabweisliche Gesetz der Religion an die Stelle des eigenen Erwägens aufgestellt , der Freiheit seines grübelnden Verstandes Grenzen gezogen , seiner nach Schönheit suchenden Phantasie nur mäßig , ja , dürftig Nahrung geboten , und es war ihm auf diese Weise auch gelungen , den von Natur fügsamen Knaben zu einem unbedingten Gehorsam gegen seinen Erzieher und zu einem eben so unbedingten