eigentlich ganz indifferent , meine Freundin . Wenn er feindliche Gefühle gegen mich hegt , so sind sie ihm wahrscheinlich vom jungen Bovillard beigebracht . « - » Sie meinen auch , wie die Andern , daß es nur Mißverständnisse sind ? « - » Von dem , was die Leute sprechen , lass ' ich mich nie bestimmen . « - » Ja , es ist ein Mißverständniß , « sprach sie mit gen Himmel erhobenen Blicken . » Es war kein Zufall , ich weiß , daß alle die Kränkungen von ihm absichtlich ausgingen - « » Ist es möglich ! « - » Ja , mein Herr Legationsrath , so gewiß , als Sie hier vor mir sitzen . « - » So abscheulich hatte ich ihn mir doch nicht gedacht . Und sieht aus , als könnte er keinem Kinde das Wasser trüben . « » Und seine Seele ist so rein , wie der Spiegel eines Sees . « - » Sie sprechen in Räthseln . - Ich , oder vielmehr ein Freund , glaubten letzthin in Ihren Blicken ein stummes Spiel gegenseitiger Verständigung zu entdecken . So kann man sich täuschen ! « - » Sie haben sich nicht getäuscht . « - » Das Räthsel wird immer dunkler . « - » Und immer heller in meiner Seele . Ja , weil der edle Mann sah , wie mein Gefühl für ihn heftiger ward , wie ich mich von ihm hinreißen ließ , und weil er mich wahrhaft liebt , darum mit eigner Selbstüberwindung jene Kränkungen und Aergernisse , die mich tief betrübten , um dann mich wieder desto höher zu erheben . Er beleidigte mich , um mich wieder zu mir selbst zu bringen , um mich von meiner Leidenschaft zu heilen . So lebten wir eine lange schmerzliche Weile uns zur gegenseitigen Qual , bis - wir uns verstanden haben . Nun aber haben wir es , und ich bitte es ihm tausendmal im Herzen ab , wie ich ihm Unrecht gethan . Ich glaubte zu leiden , und wie musste er erst leiden , indem er mir und sich zugleich so unaussprechlich wehe that . « Wandel , der etwas unaufmerksam gesessen , warf hier einen forschenden Blick auf die Rednerin . Er hatte manches , aber dies gerade nicht erwartet . Die Geschichte interessirte auch ihn nicht mehr besonders , oder er war im Nachsinnen , wie er ihr eine andere Wendung beibringe , um ihr wieder ein Interesse abzugewinnen . Es war die Neugier , wie man in einem empfindsamen Roman plötzlich die Seiten umschlägt , um die Motive eines den Leser überraschenden Sinnesumschlag zu erfahren , mit der er sie rasch fragte : » Und das hat er Ihnen Alles gesagt ? « - » Kein Wort . « - » Ah , also die Sympathie der Seelen ! « - » Warum senken Sie die Augen ? « Er musste sich gestehen , daß diese Wendung dem , was die Freunde wollten , am wenigsten entspreche : » Oh , das ist ein Thema , « rief er , » bodenlos , unergründlich . « - » Sie erschrecken ja beinah . « - » Ich ! - Erschrak ich ? - Ich stellte mir nur vielleicht die Frage , ob es ein Glück ist , in der Seele des Andern lesen zu können ? Oder nicht vielmehr ein Unglück ? Fragen Sie sich einmal , ganz aufrichtig , die Hand aufs Herz . Würden Sie wünschen , daß ein Andrer Ihre Gedanken läse wie ein offenes Blatt ? « Er hatte ihre Hand ergriffen und legte sie sanft an ihr Herz . Sie ließ es geschehen , und sah ihm klar in die Augen . Ohne alle Bewegung sprach sie mit heller Stimme : » Ja , es könnte Jeder lesen . « - » Auch der Baron , Ihr Gemahl ? « - » Jetzt erst recht . - Im Anfang schoß es mir da über den Kopf . Nachher ward ich zuweilen stutzig , ich schämte mich , wenn Der und Jener mir jetzt ins Herz sähe , und ich gab mir Mühe , daß ich ' s mir anders zurecht legte und rechtfertigte , aber nun habe ich ' s nicht nöthig . Da fiel mir wieder ein , was mal der Prediger sagte : Jedes guten Menschen Herz muß so zugerichtet sein wie ein Glasschrank . Darin verbirgt man nichts , und wer in die Stube tritt , sieht es . « - » Der gute Prediger unterließ nur hinzuzusetzen , meine Freundin , daß wir nicht Jeden in unsre Stube lassen . Die Stube verschließen wir , und der Glasschrank steht nur offen für unsere Freunde , für die , welche wir geprüft , die täglich Zutritt haben . Ja , die mögen hineinschauen , und sich der Dinge freuen , die uns erfreuen . « - » Ach , ich weiß Jemand , der würde sich zuknöpfen , wenn man ihm ins Herz sehen wollte ! « - » Wer ist das ? « Wandel schien über diese Wendung des Gesprächs noch weniger erfreut . - » Sie sind ein guter Mensch , Herr von Wandel , aber voller Finten . Reden Sie sich ja nicht aus , ich weiß es . « Er hatte ihre schöne Hand , die über der Divanlehne lag , erfasst und drückte sie sanft an die Lippen . » Könnten Sie in dies Herz schauen ! « sprach er seufzend . » Finten nennt es meine Freundin . Immerhin ! Finten sind Spitzen , aber es sind blutende Spitzen , Dolchstiche , Dornen , die Andere hinein gedrückt . Da ist der einzige , aber ein süßer Trost , daß um diese Dornen Rosen blühten . « Sie hatte die Hand ruhig seinen Küssen überlassen , und schien verwundert , als er plötzlich aufstand und den Stuhl wegsetzte . » Wohin wollen Sie