Miene , und im gutmüthigsten Tone der mir möglich war ) , daß ich mich , wie es scheint , in meiner Meinung von diesem jungen Menschen geirrt habe ; und in der That hätte ich besser gethan , mich auf den feinen Ahnungssinn , der deinem Geschlecht eigen ist , zu verlassen , und dem Sokratischen Glauben , daß ein schöner Leib für eine schöne Seele bürge , mehr Gehör zu geben , als meinem Argwohn . Da der junge Pausanias sich hier zu verweilen gedenkt , so wird es mir nicht an Gelegenheit fehlen , besser mit ihm bekannt zu werden , und ich will nicht zweifeln , er werde sich der Nachsicht , die du mit seiner jugendlichen Unbesonnenheit getragen hast , durch seine Aufführung würdig zu zeigen suchen . » Wir sind ( erwiederte sie mit einem erzwungenen Lächeln ) ich weiß nicht recht wie , in einen ernsthaftern Ton gerathen als die Sache zuläßt , und du kannst mir nicht übel nehmen , guter Learch , wenn ich dich bitte , die allzu ängstlichen Besorgnisse , worin ich dich meinetwegen sehe , auf den Fall zu sparen , wo etwa ein Mädchen von sechzehn Jahren vor Schaden gewarnt zu werden nöthig hat . « Und hiermit endigte sich die letzte vertrauliche Unterredung , die ich mit der schönen Lais zu pflegen Gelegenheit gehabt habe . Wir schieden zwar , dem Ansehen nach , als gute Freunde von einander ; aber ich habe sie , von diesem Tag an , immer seltner und nie wieder allein gesehen . Inzwischen erfuhr ich von ihrer Vertrauten : Lais habe , wenige Tage nach ihrer ersten Unterredung mit dem vorgeblichen Dorylas , diesen unter seinem wahren Namen für frei erklärt , und zugleich in ihrem Hause bekannt werden lassen , daß er aus einem der vornehmsten Thessalischen Geschlechter stamme , von welchem sie , während ihres Aufenthalts in diesem Lande , mit so vielen Verbindlichkeiten überhäuft worden sey , daß sie nicht umhin könne , sich derselben bei dieser Gelegenheit zu entledigen . Seit dieser Zeit komme Pausanias ( die Morgenstunden des Putztisches ausgenommen ) den ganzen Tag nicht von ihrer Seite , speise mit ihr , und sey bereits allen , mit welchen sie noch in einiger Verbindung steht , von ihr vorgestellt worden . Sie gebe vor , ihn schon zu Larissa gekannt und mit seinen Verwandten in freundschaftlichen Verhältnissen gestanden zu haben ; woraus sich dann von selbst erkläre , warum Pausanias , nach dem Unfall der ihn auf dem Cithäron betroffen , seine Zuflucht zu ihr genommen habe . Uebrigens werde der junge Thessalier unvermerkt immer lebhafter , freier und zuversichtlicher , und entfalte tagtäglich irgend ein neues Talent ; denn er sey ein großer Reiter , Springer , Tänzer , Jäger , Vogelsteller , Fischer , und Lustigmacher oben drein , und Lais scheine von der Gewandtheit und Artigkeit , die er bei allen diesen Uebungen zeige , und überhaupt von seiner ganzen Person so bezaubert zu seyn , daß sie sich zusehends erheitere und verjünge , ja wohl gar ( ohne sich ' s vermuthlich bewußt zu seyn ) nicht selten , wiewohl immer mit aller ihr eigenen Grazie , in die naive Fröhlichkeit eines Mädchens von sechzehn zurückfalle . Bei allem dem scheine sie ihren jungen Freund , der ganz öffentlich den feurigsten und hoffnungsvollsten Liebhaber mit ihr spiele , so kurz als möglich zu halten , und jede Gelegenheit mit ihm allein zu seyn , oder von ihm überrascht zu werden , aufs sorgfältigste zu vermeiden ; und daher habe sie auch geeilt , ihm ohne Aufschub ein eigenes schönes Haus , in der Nähe des ihrigen , aussuchen , miethen und prächtig einrichten zu lassen . Daß alles auf Kosten ihrer Gebieterin gehe , daran sey kein Zweifel ; denn man wisse bereits zuverlässig , daß seine Familie von keiner Bedeutung in Thessalien sey , und daß er sein kleines Erbtheil schon zu Athen , wo er sich zuletzt aufgehalten , mit Rennpferden , Banketten und Hetären , bis auf den letzten Heller aufgezehrt habe . Dieß , lieber Aristipp , ist alles ( und für einen so warmen Freund der schönen Lais schon zu viel ) was ich dir bis jetzt von diesem neuen Abenteuer berichten kann . Ich überlasse dir selbst was davon zu denken ist . Immer ist es seltsam genug , daß diese allgewaltige Männerbeherrscherin , welche , während sie zwanzig Jahre lang alle Welt bezauberte , ihrer selbst immer mächtig blieb , eine so lange behauptete Freiheit noch in ihrem vierzigsten an einen jungen Thessalischen Glücksritter157 verlieren soll , der unter allen , die jemals Anspruch an sie machten , gerade der unwürdigste ist , und ( wie ich sehr besorge ) nicht sowohl nach ihrem Herzen als nach ihrem Geldkasten trachtet . Sollte sich nicht sogar , wer nie an etwas Dämonisches geglaubt hat , von einem solchen Beispiele genöthigt fühlen , zu glauben daß es unholde schadenfrohe Dämonen gebe , die uns zwingen auf den Köpfen zu tanzen und wider Willen tausend Thorheiten zu begehen , bloß um sich selbst Stoff zum Lachen zu verschaffen ? - Es wäre denn , daß Xenophons zweierlei Seelen in einer und eben derselben Person hinlänglich wären , uns solche widersinnische Erscheinungen begreiflich zu machen . Doch was kann es uns nützen , die Ursache eines Uebels zu wissen , dem nicht zu helfen ist ? Die unwürdige Leidenschaft , worin sich unsre arme Freundin verfangen hat , ist , wie ich fürchte , ein Uebel dieser Art ; - wiewohl ich dich damit nicht abgeschreckt haben will einen Versuch zu machen , da du billig mehr über sie vermögen solltest als ich . Auf alle Fälle werde ich nicht ermangeln , dir vom weitern Verlauf dieses sonderbaren Liebeshandels mit der ersten Gelegenheit Nachricht zu geben . 54. Learch an Aristipp . Ich erledige mich , wiewohl mit zögernder Hand , meines Versprechens , dir die weitern