waren wohl reicher als Ernestine — denn die hatten doch Licht . Sie hatten freilich das Petroleum nicht an den Salat gegossen , sie hatten aber auch nicht die Schneekönigin zum Besuch gehabt ! Ernestine setzte sich müde an ihr Bett und ließ den Kopf auf die Decke sinken . Es dachte sich viel besser , wenn der Körper so willen ­ los ruhte . Wie elend hatte sie vor sechs Monden auf ihrem schwellenden Lager in Hochstetten gelegen . Und wie hatte sie sich um ihr Leben gesorgt . Wäre denn an diesem Leben so viel verloren gewesen ? Da war es ihr , als faßte eine weiche , kräftige Hand die ihre und ein rascher , ängstlicher Atem wehte sie an . Sie kannte diesen reinen , warmen Hauch , der so oft mit teilnehmenden Fragen über ihr heißes Gesicht hingeglitten war und kannte diese schwere und doch so milde Hand , die sich so oft auf ihr Herz gelegt , um seinen Schlag zu prüfen . Und sie hätte sie nur zu halten gebraucht , diese schützende , pflegende Hand , so säße sie jetzt nicht einsam im Finstern ! — „ O Johannes ! “ rang sich ’ s aus ihrer Brust hervor und sie streckte die Arme aus mit schmerzlicher In ­ brunst . — Da stolperte etwas die Treppe herauf , das konnte nicht Gretchen sein . Es klopfte an die Tür . „ Wer ist da ? “ rief Ernestine erschrocken . „ Briefträger , “ ertönte von Außen eine rauhe Stimme . „ Ach , das ist eine Nachricht vom Agenten . “ Ernestine öffnete hastig . „ Vier Kreuzer ! “ sagte der Mann , ihr den Brief übergebend . Ernestine stand ratlos . „ Hat er nicht frankiert ? „ Mein Gott — ich , ich habe nicht einen Kreuzer bei mir . Wir bekommen erst morgen wieder Geld . “ — „ Nicht einmal vier Kreuzer und kein Licht ? Hm , hm ! Solch schöne Damen und keinen Kreuzer in der Tasche ? Na , wissen Sie — Sie können mir ’ s morgen zahlen . Ich gebe Ihnen schon so lange Kredit . “ „ Ich danke Ihnen , — Sie sind sehr freundlich ! “ stammelte Ernestine in tiefster Beschämung . Soweit war sie gekommen , daß sie dem Postboten das Porto schuldig bleiben mußte . „ Haben Sie denn nicht einmal ein Licht , daß Sie mir hinunter leuchten könnten ? Man bricht ja auf der steilen Treppe Hals und Bein . “ „ Kommen Sie , ich führe Sie hinab . Ich kenne den Weg — und ich muß doch hinunter und meinen Brief bei einer Laterne lesen . “ „ Du lieber Gott , was für eine Armut . Gehen Sie doch zu den Hausleuten hinein , die werden Ihnen schon ein altes Stümpchen geben . “ „ Nein , das will ich nicht . Es sind keine anständigen Leute da unten , ich mag mit ihnen nichts zu tun haben . Je ärmer man ist , desto stolzer muß man sein ; sonst sinkt man zu tief ! Sie sind ein braver Mann , Herr Bittner , Sie werden es Niemanden erzählen , wie Sie es bei mir gefunden . “ „ I nu , nein ! Aber geholfen sollte Ihnen doch wohl ein Bischen werden , “ meinte der Mann im Hinuntersteigen , „ ich sehe ja , seit Sie hier sind , wie schwer Sie sich durchbringen . Na , mich geht ’ s nichts an . Ich kann nur wünschen , daß was Gutes in den Briefen steht , die ich bringe und das wünsche ich Ihnen recht von Herzen . Guten Abend ! “ „ Gott geb ’ s ! “ sagte Ernestine und trat auf die Straße heraus , um beim Schein einer Gasflamme den Brief zu lesen . Wieder rieselte feiner Schnee herab . Die unsicher vorbeigleitenden Menschen sahen sie verwundert an . Das Blut stieg ihr vor Scham in die Stirn , aber sie konnte es nicht erwarten , den Inhalt kennen zu lernen , sie wußte ja , daß dieser Brief ihr Schicksal enthielt . Er war von dem Agenten in Frankfurt , der ihr eine Stelle verschaffen sollte und lautete kurz und bündig : Mein Fräulein ! Sie wollen von mir reinen Wein eingeschenkt haben , wie es kommt , daß ich keine Stelle für Sie ausfindig machen kann . Sie sollen ihn haben , denn ich lese sehr wohl zwischen Ihren Zeilen , daß Sie eine Lässigkeit bei mir voraussetzen , deren ich mich noch Niemandem , aber am wenigsten Ihnen gegenüber schuldig gemacht . Sie , mein Fräulein , sind lediglich selbst Ursache , wenn es mir schwer fällt , Sie zu plazieren . Eine Dame , die in einem so unvorteilhaften Rufe steht wie Sie , wird kein Agent der Welt in einem guten Hause unterbringen können . Niemand will das Wohl seiner Kinder den Händen einer Erzieherin anvertrauen , die gegen die Religion und für die Frauenemanzipation geschrieben hat wie Sie . Sie versichern mir freilich , Sie hätten Ihren Sinn ge ­ ändert und verwürfen diese Schriften jetzt selbst . Aber wer wird an ein solches von der Not abgezwungenes Bekenntnis glauben ? Außerdem haben Sie sich in Ihrer Zeitungsannonce auf den Prorektor der Universität in N * * berufen , ohne einen Namen zu nennen . Ich kann nur annehmen , daß Sie sich in der Person des Betreffenden geirrt haben , denn der jetzige Prorektor ist ein Professor Herbert , der Ihnen das allerschlechteste Zeugnis gibt und Ihnen schon drei gute Aussichten vernichtet hat , indem er die Leute ohne Weiteres auf Ihre atheistischen Schriften aufmerksam machte , nach deren Lektüre Sie dann Keiner mehr wollte . Ernestine ließ erschrocken die Arme sinken . Sie hatte aus Zartgefühl Möllners Namen in den Zeitungen nicht nennen wollen — aber gar nicht bedacht , daß in diese Zeit