Gott ! Welche Täuschung hat sich meiner bemächtigt ? welch süßer Wahnsinn hat mich erfaßt ? « » Keine Täuschung – kein Wahnsinn , Sir ! Ihr Geist ist zu stark , um Täuschungen zu verfallen ; ihre Gesundheit zu kräftig für den Wahnsinn . « » Und wo ist die Sprecherin ? Ist es nur eine Stimme ? O ! ich kann nicht sehen , aber ich muß fühlen , oder mein Herz hört auf zu schlagen und mein Hirn zerspringt . Was – wer du auch sein magst – berühre mich oder ich kann nicht leben ! « Er tastete umher . Ich faßte seine unsichere Hand uud umschloß sie mit den meinen . » Es sind ihre Finger ! « rief er aus , » ihre kleinen , feinen Finger ! Und wenn sie es sind , so muß doch noch mehr von ihr da sein . « Die muskulöse Hand entzog sich meiner Umklammerung ; er faßte meinen Arm – meine Schulter – meinen Hals – meine Taille – er zog mich an sich und hielt mich umschlungen . » Ist es Jane ? Oder was ist es ? Dies ist ihre Gestalt – dies ihre Größe – « » Und dies ist ihre Stimme , « fügte ich hinzu . » Sie ist hier , ganz und gar hier , und ihr Herz auch . Gott segne Sie , Sir ! Ich bin so glücklich , Ihnen noch einmal wieder nahe zu sein ! « » Jane Eyre ! – Jane Eyre ! « das war alles , was er sagte . » Mein teurer Herr , « sagte ich , » ich bin Jane Eyre ; ich habe Sie wieder gefunden – ich bin zu Ihnen zurückgekehrt ! « » In Wahrheit ? Nicht nur dein Geist ? Sondern auch dein Körper ? Du bist meine lebende Jane ? « » Sie halten mich , Sir – Sie halten mich ja , und fest obendrein . Ich bin nicht kalt wie eine Tote , nicht durchsichtig wie Luft , nicht wahr ? « » Mein Liebling am Leben ! Dies sind ihre Glieder . Dies ihr Gesicht ! Aber so glücklich kann ich nicht werden nach all meinem Elend . Es ist ein Traum ! Wie ich ihn so oft während der trostlosen Nächte hatte , wenn ich sie noch einmal an mein Herz drückte , wie ich es jetzt thue ; und sie küßte – wie jetzt , und fühlte , daß sie mich liebte , und hoffte , daß sie mich nicht verlassen würde . « » Und das werde ich von heute an auch nicht mehr thun , Sir . « » Nicht mehr thun , sagt die Vision ? Aber ich erwachte stets und fand , daß es bittere Täuschung gewesen ; und ich war einsam und verlassen – mein Leben dunkel , trübe , hoffnungslos – meine Seele dürstete , und niemand reichte ihr einen erquickenden Trunk – mein Herz hungerte , und die Nahrung blieb ihm versagt . Du sanfter , süßer Traum , der du mir jetzt im Arm ruhst , du wirst wiederum entfliehen , wie all deine Brüder vor dir entflohen sind . Aber küsse mich bevor du gehst ! Küß mich , Jane , Geliebte ! « » Ja Sir , einmal – und noch einmal ! « Ich preßte meine Lippen auf seine einst so strahlenden , und jetzt völlig glanzlosen Augen – ich strich ihm das Haar aus der Stirn und küßte auch diese . Plötzlich schien er sich aufzuraffen ; er wurde sich der Wirklichkeit dessen , was geschah , bewußt ! » Bist du es , Jane ? – bist du es wirklich – wirklich ? Bist du zu mir zurückgekehrt ? « » Das bin ich ! « » Und du liegst nicht tot in irgend einem Graben oder einem Flusse ? Du weilst nicht traurig und einsam und ausgestoßen unter fremden Menschen ? « » Nein Sir , ich bin jetzt völlig unabhängig . « » Unabhängig ? Was heißt das , Jane ? « » Mein Onkel auf Madeira ist gestorben und hinterließ mir fünftausend Pfund ! « » Ah ! dies ist praktisch ! Jetzt sind wir in der Wirklichkeit ! « rief er aus , » das hätte ich mir niemals träumen lassen ! Ich höre wieder ihre eigenartige Stimme , so belebend , so reizend , so pikant und doch so sanft . Es erfrischt mein krankes Herz sie zu hören ; sie flößt mir neues Leben ein . – Was , Janet ! du bist jetzt unabhängig ? am Ende gar reich ? « » Beinahe reich , Sir . Wenn Sie mich nicht hier wohnen lassen wollen , so kann ich mir ein Haus ganz nahe bei Ihrer Thür bauen , und dann können Sie zu mir kommen und bei mir im Wohnzimmer sitzen , wenn Sie sich des Abends nach Gesellschaft sehnen . « » Da du nun aber reich bist , Jane , so wirst du ohne Zweifel Freunde haben , die sich um dich bekümmern und nicht dulden werden , daß du dich ganz und gar einem armen , blinden Jeremias widmest . « » Ich sagte Ihnen ja , daß ich unabhängig bin , Sir , und reich obendrein ; ich bin jetzt meine eigene Herrin . « » Und du willst bei mir bleiben ? « » Gewiß – wenn Sie nichts dagegen haben . Ich werde Ihre Nachbarin , Ihre Pflegerin , Ihre Haushälterin sein . Ich finde Sie hier einsam und traurig : ich werde Ihre Gesellschafterin sein . Ich will Ihnen vorlesen , mit Ihnen spazieren gehen , bei Ihnen sein , Ihnen aufwarten und Sie bedienen , Augen und Hand für Sie sein . Mein teurer Herr , jetzt dürfen Sie nicht mehr so traurig aussehen ; so lange ich lebe , werden Sie nicht mehr einsam sein . « Er entgegnete nichts