nicht ungern , als er , empfindlich darüber , nicht mehr der alleinige Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit zu sein , gegen das erste Frühjahr hin den sardinischen Hof verließ , um sich nach Florenz zu begeben . Und in Florenz also hat Ihr Vater sich so lange aufgehalten ? erkundigte sich Seba , die eben mit diesen kleinen Unterbrechungen dem jungen Manne ein Zeichen ihrer Theilnahme und eine Ermunterung gewähren wollte , in seinen Mittheilungen nach seines Herzens Bedürfen fortzufahren . Er ließ sich wenigstens am toskanischen Hofe für einige Jahre nieder , antwortete Renatus . Schon sein Aufenthalt am sardinischen Hofe hatte ihn von dem Vorhaben abgebracht , mit dem er Richten verlassen . Es war auch für einen Mann unseres Standes und von seiner persönlichen Bedeutung nicht wohl möglich , als Privatmann aufzutreten . Er miethete also in Florenz ein Haus , möblirte es , legte sich Dienerschaft zu .... Aber welche Ausgaben mußte ihm das verursachen ! rief Seba - und Sie haben mir gesagt , daß der Freiherr auf und mit dieser Reise Ersparnisse zu machen wünschte ! Renatus zuckte die Schultern und sagte mit einem Ernste und mit einer Gewichtigkeit , die ihn bei seiner Jugend fast komisch erscheinen ließen : Ersparnisse zu machen ist eben nicht in allen Lebenslagen möglich , liebste Flies ! Unser Rang legt uns Pflichten gegen uns selbst und gegen die Gesellschaft auf , deren wir uns nicht entschlagen können ! Allerdings hörte ich es meinen Erzieher und den neuen Amtmann , welcher Adam Steinert bei uns ersetzt hatte , beklagen , daß meines Vaters Aufenthalt in der Fremde so kostbar sei , aber das Reiseleben muß doch wohl etwas sehr Bestrickendes haben ! Gewiß , versetzte Seba , denn es täuscht uns mit dem Wechsel unserer Umgebung über jenen andern Wechsel , der sich an und in uns selber vollzieht . Wer immer an demselben Orte , immer in demselben Menschenkreise lebt , wird diesem zur Gewohnheit , und wie man diese Gewohnheit des Beisammenseins auch lieben und hochhalten mag , entzieht sie uns doch den Reiz , den das Fremde immer für die Menschen hat und den man als ein Fremder auf Fremde , als ein Kommender und Gehender auf diejenigen ausübt , denen wir werth sind und denen unsere Anwesenheit erfreulich ist . Wo wir erscheinen , werden wir als etwas Neues begrüßt ; kein Altersgenosse , kein Jugendfreund erinnert uns in der Fremde durch sein Altern , durch seine wankenden Kräfte daran , daß auch an uns die Jahre nicht spurlos vorübergehen , und ich glaube , daß man in solchem Wanderleben seinen Lebensabend erreichen kann , ohne es , wenn man sonst leidlich bei Kräften ist , gewahr zu werden , daß man sich dem Niedergange nähert . Ach , rief Renatus , wenn Sie meinen Vater heute sehen würden , so würden Sie ihn doch gealtert finden ! Freilich hat er noch immer seine gebietende Gestalt , sein Auge hat auch noch immer etwas Mächtiges , seine kräftige Farbe bildet sogar einen anziehenden Gegensatz zu seinem grauen Haare , aber als er damals aus Italien wiederkehrte , war er doch noch ein Anderer ! Er schien mir völlig wie verjüngt . Die lästigen Geschäfte hatten ihn dort nicht gedrückt , die leichtere , freiere Lebensweise der Südländer , die man ja von allen Seiten rühmt , hatte ihm immer eben so sehr zugesagt , als das Licht und die Luft Italiens , und wenn mein Vater während seiner langen Abwesenheit auch , so oft der Frühling kam oder wenn der Herbst sich nahte , von seiner Heimkehr gesprochen hatte , so hatte die Scheu vor unserem rauhen Klima und vor unserem einsamen Schlosse ihn doch immer wieder in Italien festgehalten . Aber hat er sich denn nicht nach Ihnen , nach seinem Sohne gesehnt ? erkundigte sich Seba . Renatus gab ihr keine Antwort . Indeß sie bemerkte , daß seine Stirn sich verdüsterte und daß sein Auge den schwermüthigen Ausdruck annahm , der , so lange sie seine Mutter gekannt , das Antlitz derselben fast niemals verlassen hatte . Er glich überhaupt vollständig der verstorbenen Baronin , und gerade das gewann ihm Seba ' s Gunst . Nichts in des jungen Mannes Gestalt und Wesen erinnerte an seinen Vater , und es rührte Seba , als er mit seinem melancholischen Blicke die Bemerkung hinwarf : der Freiherr sei wohl nicht im Stande , sein Herz an Kinder zu hängen , wie manche andere Männer es bisweilen thäten , und obendrein sei er leider seinem Vater nicht nach dessen Sinne . Noch als meine Mutter lebte , äußerte mein Vater oftmals , ich sei nicht fröhlich genug , ich sei zu ernsthaft . Hätte mein Vater mehrere Söhne gehabt , ich glaube , er würde mich dem Dienste der Kirche gewidmet haben , sagte der junge Mann . Und es ist traurig , zu sagen , mein kleiner Bruder , der voller Leben und Schalkheit ist , trägt Scheu vor unserem Vater , so daß dieser ihn deshalb nicht gern um sich leidet und mir Valerio ' s Zärtlichkeit mißgönnt . Renatus hielt abermals inne . Er kämpfte offenbar eine peinliche Empfindung in sich nieder , und Seba bedauerte es , daß der Tod seiner Mutter ihn frühzeitig so ernst gemacht habe . Daran trägt , wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte , wohl vor Allem die Abgeschiedenheit Schuld , in der ich von meinem achten Jahre bis zur Wiederverheirathung meines Vaters erzogen worden bin . Denken Sie nur , daß der Caplan meine einzige Gesellschaft und - Renatus lächelte , was ihn sehr hübsch erscheinen ließ - und Mamsell Marianne mit ihren feierlichen Mienen und altväterischen Knixen das einzige weibliche Geschöpf gewesen ist , mit dem ich Jahr aus Jahr ein zu verkehren hatte . Weil mein Vater so lange in Italien blieb , entließ mein Erzieher , der zugleich sein Bevollmächtigter war , die ganze französische Dienerschaft und überhaupt alle entbehrlichen Leute ,