vollkommen blödsinnig geworden , wenigstens nannte man sie so , da sie seitdem aus ihrer schauerlichen Schweigsamkeit erwachte und die erwähnten Lieder zu singen begann . Wir wissen , daß Jürge diesen betrübenden Zustand seiner Mutter dem Herzeleid zuschrieb , welches ihr eine unglückliche Tochter zugefügt hatte . Landleute sind selten empfindsam , obwohl sie häufig mehr Herz besitzen , als die höchstgebildeten Bewohner der Städte . Fromm und strenggläubig wissen sie sich mit stiller Ergebenheit in alles Unabänderliche und Nothwendige zu fügen . Zu dem Unabwendbarsten aber rechnen sie den Tod bejahrter Personen . Wo dieser späte und ernste Gast an einem Hause anklopft , da empfängt man ihn eben so ernst und pflegt sich männlich zu fassen . Zuweilen kommt es wohl auch vor , daß man der Stunde des Abscheidens einer geliebten Person erwartungs- , ja sehnsuchtsvoll entgegen sieht und kein Hehl daraus macht , weil man sich in vollkommener Ruhe gestehen muß , daß der Tod eine Wohlthat für den Sterbenden wie für die Ueberlebenden sein würde . In diesem Falle war Jürge . Maja ' s hohes Alter erlaubte nicht die Annahme , daß sie wieder genesen werde , und die Geistesnacht , in die versunken sie nur noch vegetirte , mußte eine baldige Auflösung wünschenswerth machen . Als ein umsichtiger , praktischer Hausvater von unverwüstlich derber , aber durchaus gutmüthiger Natur , sorgte er für Alles , was zu einer stattlichen Beerdigung nöthig war , im Voraus . Er bestellte nicht nur in Zeiten den Sarg , sondern er ging sogar so weit , zu den bereits vorräthigen zwei Schweinen , die in seinem Koben grunzten , noch ein fettes dickes , eine » Bachune « zu erhandeln , so genannt , weil sie von Viehhändlern aus dem Bakonyer Walde in Ungarn bis in diese Haidestrecken in kleinen Heerden herumgetrieben werden . Es wird Leute geben , die ein solches durchweg prosaisches Verfahren herzlos finden , diese werden aber ihr vorschnelles Urtheil zurücknehmen , wenn sie erwägen , daß dem Gebrauche , dem uralten Herkommen und der Sitte huldigen , dem biederben Landmanne ein eben so heiliges und unantastbares Gesetz ist , als dem gebildeten und ängstlichen Culturmenschen die strenge Beobachtung dessen , was er mit dem Namen Convenienz bezeichnet . Ueberdies wußte Jürge voraus , daß sich bei dem Leichenbegängniß seiner alten Mutter die Bevölkerung der halben Haide einfinden würde , und eine solche Anzahl Leidtragender war nicht leicht zufrieden zu stellen . Man kann sich nun die Ueberraschung Jürge ' s denken , als er eines Morgens die greise Mutter aufrecht auf ihrem Lager sitzen fand und Worte von ihr vernahm , die klar und verständig lauteten und ihn anmutheten , als würden sie im Traume gesprochen ! Maja ' s Geistesnacht war plötzlich gewichen , die volle Vernunft war ihr zurückgekehrt und sie kündigte dem Sohne ruhig an , daß sie ihr Ende nahen fühle und nicht mehr über vier Tage werde leben können . Jürge wollte ihr zureden und wagte es , ihre Behauptung zu bestreiten , die alte Mutter ward aber darüber aufgebracht , hieß ihn schweigen und befahl , daß er thun solle , was sie von ihm verlangen werde . Nach dieser wunderlichen Einleitung nannte die lebensmüde Greisin Namen , die Jürge nie von ihr vernommen hatte , und richtete Fragen an ihn , vor denen er erschrak . Sie wollte vor Allem wissen , ob Jan Sloboda noch am Leben sei oder Einer seiner vertrauten Freunde . Als Jürge dies bejahen mußte , trug sie ihm mit befehlshaberischem Tone und mit dem unheimlichen glänzenden Auge einer Sterbenden auf , daß er diesen Mann sogleich zu ihr rufen solle . Ehe dies nicht geschehe , ehe sie den alten Wenden nicht gesprochen habe , erklärte sie mit wahrhaft entsetzlichem Nachdruck nicht sterben zu können und zu wollen , da ihr Gott die große Gnade erwiesen und ihr den so lange Jahre umnachteten Verstand am Ende ihres sündigen Lebens wieder geschenkt habe . Sie wollte die Stimme des Weltenrichters laut in sich vernehmen , die sie aufrief zu einer Unterredung mit dem Wenden ! Anfangs glaubte Jürge in diesem wunderlichen Verlangen ein abermaliges Verlöschen der geistigen Kräfte zu erblicken , allein Maja sprach so zusammenhängend , so ruhig und besonnen auch von andern Dingen , daß diese Annahme an Wahrscheinlichkeit verlor , und gehorsam eilte er , ihrem Verlangen zu entsprechen . So schrieb denn der bestüzte Kretschamhalter jenen Brief an den Maulwurffänger , der unsere alten Freunde zu raschem Aufbruch in die abgelegene Haideschenke veranlaßte . Drei Tage waren seitdem vergangen und die Kranke wurde sichtlich schwächer und unruhiger . Mit Einbruch der Nacht verwandelte sich ihr Gesicht und nahm jenen eigenthümlichen Ausdruck an , der ein sicheres Zeichen des nahenden Todes zu sein pflegt . Das unruhig flackernde Auge sank tief in die schwarzen Höhlen zurück und leuchtete wie ein Irrlicht auf finsterm Moor . Die Lippen verkürzten sich und entblösten die wenigen verbrochenen Zähne der Sterbenden . Matter und immer matter schlugen die Pulse , und in kurzen Pausen stellte sich ein lebhaftes , ja wildes Phantasiren ein . Jürge und Lene , die rüstige Hausmagd , saßen wachend an dem Lager der Kranken , die in dunkle Gewänder gehüllt gleich einem Gespenst sich häufig krampfhaft aufrichtete , das Auge durch die kleine Kammer schweifen ließ , die Hände seltsam bewegte und wiederholt eine lauschende Stellung annahm , als horche sie auf ein fernes Geräusch . Entfesselt hingen ihr die langen weißen Haare um die fahlen Wangen , über die runzelvolle Stirn . So verging eine bange Stunde nach der andern . Mitternacht kam heran und noch immer vernahm man keinen andern Laut , als das monotone Rauschen der schneebelasteten Haide . Mit jedem Stundenschlag der alten schwarzwälder Uhr , die tickend an der braunen Holzwand hing , vermehrte sich die Unruhe der Alten . Sie wimmerte bald wie von körperlichem Schmerz gepeinigt , bald murmelte sie Gebete vor sich hin . Zuweilen fing sie