Gefühlen Zwang anzutun . — Gott wird mir auch in diesem Dilemma einen Ausweg zeigen ! Bis dahin lebe in Frieden und genüge einem Stolze , den nichts zu brechen vermag , davon habe ich mich überzeugt . Ich muß es der Zeit überlassen , ob er sich nicht in sich selbst verzehrt , ob ihm die Liebe nicht allmählich die Nahrung entzieht . Ich werde mich gedulden , wie ich es mußte , seit ich Dich kenne . Du trägst eine Macht in Dir , die ich bei keinem Weibe vorausgesetzt , mit der ich erst lernen mußte , zu rechnen . Ich gönne Dir den Triumph , den Dir dies offene Geständnis bereitet . Es ist eine armselige Freude im Vergleich zu dem Glück , das Dir die Liebe bereiten könnte , wenn Du sie nicht verschmähtest . Ach , Ernestine , wenn ich Dich aus Deinem Elend hätte an meine Brust , an meinen Herd nehmen dürfen , da wäre ich mir erschienen wie ein Gott . Ein dankbares Lächeln von Dir wäre mein höchster Lohn gewesen . Doch Du willst es anders , Du willst , nachdem Du es verschmäht , mir Opfer zu bringen — nun auch keine Opfer von mir annehmen . Du willst Deinem Gatten als ebenbürtig gegenüberstehen in jeder Hinsicht , es ist Dir unerträglich , eines Menschen Schuldnerin zu sein ! — Ich vergebe Dir diesen Stolz , denn er entspringt im Grunde nur aus übertriebener Bescheidenheit . Weil Du Dich selbst unterschätzest — weil Du keine Ahnung hast von dem mächtigen Reiz Deiner Persönlichkeit , von der beglückenden Kraft Deines Wesens — deshalb glaubst Du nicht , daß Du einen Schatz mitbringst , gegen den alle Reichtümer der Welt zu Nichts verschwinden . Ich bin vielleicht selbst Schuld daran , ich habe in meiner strengen Grundsätzlichkeit manche Gelegenheit versäumt , wo ich Dir diesen Glauben einflößen konnte . Aber Ernestine , das wahrhaft demütige Weib fragt nicht : wie viel empfange ich und wie viel kann ich vergelten ? Es nimmt liebend hin , was ihm liebend ge ­ boten wird , und findet ein Glück darin , dem Manne , der ihm Alles ist , auch Alles zu verdanken ! — Es gibt ihm , so viel es kann dafür und schmälert ihm nicht die edelsten Freuden : die , für sein Weib arbeiten und sorgen zu dürfen mit eigener Hand . Es trägt die Fessel der Abhängigkeit gerne , die eine solche Stellung ihm auferlegt , denn es empfindet sie nur als ein Band , durch das es um so fester mit dem Gatten verknüpft ist . Du kannst nicht so empfinden , Ernestine , es wäre unrecht , es von Dir zu fordern — und Du täuschtest Dich , wenn Du fürchtetest , ich würde Dich mit Gewalt zurückhalten . Gewalt brauchte ich nur so lange es galt , Dich einer Gefahr zu entreißen . Aber von nun an sind Deine Wege sicher ; die Welt wird Dir , wohin Du kommst , nur eine Schule sein und einer solchen bedarfst Du ! So lenke Deinen Schritt , wohin Du willst und erprobe das Recht der freien Selbstbestimmung , um das Du Dich so hartnäckig wehrtest . Ich will nichts er ­ zwingen , was nur beglücken kann , wenn es freiwillig gegeben wird . Du hattest daher nicht zu fliehen und meiner Mutter , die Dich so treu gepflegt , nicht den Abschiedsgruß zu weigern gebraucht . Es tat ihr weh , daß Du sie so verlassen konntest , die es so gut mit Dir vorhatte ! Von dem , was ich gefühlt , als ich statt Deiner die wenigen Zeilen in Deiner verlassenen Wohnung vorfand , will ich schweigen , es gehört nicht hierher , Du mußt die Würde Deines Geschlechtes wahren — und bei einer so wichtigen Aufgabe kommt ein zerstörtes Lebensglück nicht in Betracht ! Lebe in Frieden ! Und kann ich Dir in irgend etwas förderlich sein , so gebiete über mich . Johannes Sie war Gretchen ohnmächtig in die Arme gesunken nach Empfang dieses Briefes . Dann kam der Name Möllners nicht mehr über ihre Lippen — und es waren seitdem fast fünf Monate verstrichen . Vor sich selbst hatte sie ihn nicht erwähnt , als wenn sie einen besonderen Anlaß dazu hatte , wie soeben , wo es sich um ihre Schrift handelte . Aber auch dann strafte sie sich dafür , indem sie ihre Gedanken schnell auf etwas Anderes lenkte . Woher die Tränen kamen , die ihr dann immer über die Wangen rieselten ? Die starre Hülle , die sie um ihr Herz gezogen , hatte doch irgend einen verborgenen Riß und der Schmerz sickerte durch , ohne daß sie es wußte , bis er ihr in schweren Tropfen vom Auge fiel . — Ihre steifen , kalten Hände zitterten , da sie sich mit dem Tuche abwischte . Sie würgte standhaft die Tränen hinunter , die immer reicher quollen , sie dachte , es sei nicht geweint , wenn man die Tränen hinunterschlucke , die das Herz vergießt . Sie wußte nicht , daß das ein doppelt bitteres Weinen sei ! So kam die Dämmerung mit ihren Schatten . Ernestine sah nicht mehr zur Arbeit . Sie hatte noch ein Endchen von einer Kerze und zündete es an , aber es brannte kaum eine halbe Stunde . Dann verlosch es und tiefes Dunkel umgab sie . Sie fing an , die schmalen Betten abzudecken , die an der Rückwand des Zimmers standen . Sie erinnerte sich dabei der guten Willmers . Es war doch edel von Möllners , daß sie die treue Frau in ihre Dienste genommen hatten . Da war sie schon wieder mit ihren Gedanken bei ihm ! Welche Schwäche ! Es wurde immer dunkler in dem engen Raume . Die Scheiben begannen zu frieren und die Eisblumen glitzerten in Regenbogenfarben im Scheine eines Lämpchens , das drüben bei den Nachbarn angezündet ward . Die