können ? Es entstand eine Pause . Der junge Mann schien sich nur mit Mühe von einer Antwort , von weiteren Mittheilungen zurückzuhalten , und Seba , die schon öfter bemerkt hatte , wie sehr er Neigung fühlte , ihr sein Herz zu erschließen , trug doch Bedenken , ihn dazu zu ermuntern , weil sie es nur allzu wohl wußte , daß man im Leben nichts häufiger bereut , als unnöthig bewiesenes Vertrauen , auch wenn man es würdigen Personen gewährt hat , bei denen es wohl aufgehoben scheinen durfte ; denn man giebt mit seinem Vertrauen immer einen Theil seiner künftigen freien Entschließungen hinweg . Andererseits wußte sie aber genugsam , welch ein Genuß und welche Erleichterung es zu Zeiten für den Menschen sein kann , von sich und von denjenigen Personen sprechen zu dürfen , mit denen er sich verbunden fühlt , und Renatus es völlig überlassend , was er thun wolle , bemerkte sie also nur , daß sie Vittoria nicht gesehen habe , als der Freiherr mit ihr aus Italien heimgekehrt sei , daß Herr Flies sich damals aber sehr gewundert habe , sie so überaus jung und der verstorbenen Baronin Angelika so völlig ungleich zu finden . Es ist mir gerade so gegangen , sagte Renatus , indeß meine Ueberraschung war eine sehr angenehme ; denn Sie können sich gar nicht vorstellen , wie traurig meine Kindheit und meine Jugend gewesen sind , ehe Vittoria nach Richten kam , und wie bange man mich vor ihrer Ankunft gemacht hatte . Er hielt abermals inne und hob dann , als sei er mit sich zu Rathe gegangen , ob er schweigen oder reden solle , und habe sich nun zu dem Letzteren entschlossen , in jenem ruhig ausholenden Tone zu sprechen an , mit welchem man sich zu einer längeren Erzählung anschickt . Wie Sie wissen , war ich erst acht Jahre alt , als meine arme Mutter starb , aber ich hatte doch bereits Verstand genug , die Größe eines solchen Verlustes zu begreifen und zu empfinden , und auch von ihrem traurigen Loose , von der unglücklichen Ehe meiner Eltern , von dem übeln Einflusse , den die Herzogin von Duras in unserem Hause ausgeübt , hatte ich sehr früh eine Ahnung gehabt . Meine Mutter jemals recht heiter , meinen Vater herzlich mit ihr oder fröhlich mit mir gesehen zu haben , kann ich mich kaum erinnern . Die Schwermuth meiner Mutter warf ihren Schatten denn auch bald auf mich ; ich war nicht gern bei ihr , nicht gern bei meinem Vater , und noch weniger mochte ich in der Nähe der Herzogin sein . Ich fürchtete mich vor jedem von diesen Dreien auf eine besondere Weise , und als dann meine Mutter starb , sehnte ich mich - daß ich es Ihnen ehrlich gestehe - recht nach Ihnen . Nach mir ? fragte Seba mit der Theilnahme , die sich in guten Herzen augenblicklich für denjenigen erzeugt , dem sie etwas leisten zu können glauben . Ja , nach Ihnen ! wiederholte Renatus . Sie hatten meine Mutter sehr geliebt , waren immer freundlich mit mir , ich war in Ihrem Hause immer fröhlich gewesen , und bei uns in Richten war es in dem Herbste äußerst traurig . Mein Vater hielt es dort auch nicht lange aus . Er vermißte die Herzogin meine Mutter fehlte ihm wohl auch , der kurze Beileidsbesuch , den mein Großvater , der Graf Berka , ihm machte , entfernte die beiden Männer nur noch weiter von einander , und die Streitigkeiten , in die mein Vater sich durch unsern alten Neudorfer Pastor mit dem protestantischen Consistorium und mit der Regierung verwickelt fand , verleideten ihm das Leben auf unseren Gütern vollends . Dazu schrieb die Herzogin beständig , wie glücklich sie sich am sardinischen Hofe fühle , und da mein Vater der Ansicht war , daß er eine zweckmäßige ökonomische Maßregel treffe , wenn er , wie er sich ausdrückte , als schlichter Privatmann , nur von seinem Kammerdiener begleitet , für einige Zeit ins Ausland gehe , so rieth der Pfarrer - Sie wissen , ich meine damit unseren guten , trefflichen Caplan , der Pfarrer geworden war , sei er unsere Kirche in Rothenfeld verwaltete - meinem Vater selbst dazu , seiner neu erwachten Reiselust zu folgen . Man dachte dabei , so viel ich mich erinnere , von beiden Seiten nur an einen Winteraufenthalt im Süden , und an die Rückkunft , wein das Frühjahr der nordischen Gegend wieder seinen Schmuck verliehen haben würde ; aber das ganze Trauerjahr und das ihm folgende gingen zu Ende , ohne daß auch nur von der Heimkelr meines Vaters die Rede gewesen wäre . Und hielt Ihr Herr Vater sich während desser beständig am sardinischen Hofe auf ? fragte Seba . Nein , entgegnete Renatus ; er blieb allerdings den ganzen ersten Winter dort , kehrte auch immer wieder an derselben zurück , indeß seine Beziehungen zu der Herzogin waren doch nicht mehr die alten . - Der junge Mann unterbrach sich selber , sah , wie in eigenem Rückerinnern , vor sich nieder und meinte dann : Sie haben ja die Herzogin gekannt und seiner Zeit auch meinen Vater kennen lernen , als wir alle eigentlich in Ihres Vaters Hause lebten . Mein Vater hatte Freude an der Gesellschaft der Herzogin , aber ich glaube , noch mehr Freude an der ausschließlichen Achtsamkeit , welche die Herzogin ihm zu gewähren damals für gut befand , denn ihr war es , wie ich mir ihr Bild aus der Erinnerung ausgestaltet habe , nur um Herrschaft und Erreichung ihrer Absichten zu thun . In Italien hielt ihr Hofamt sie beschäftigt ; sie hatte neue Plane für sich und für ihren Bruder , der ihr nach dem Süden gefolgt war , und wenn sie auch klug und tactvoll genug war , meinem Vater immer die gebührende Rücksicht zu beweisen , so sah sie es gewiß