nicht mit ansehen konnte . Wenn sie die Herrin solcher Mädchen gewesen wäre , so hätten diese ihre Verliebtheit an den Fleischbänken teuer büßen und jedenfalls die Knorpel und Röhren der falschen trügerischen Gesellen selbst essen müssen . Allein es ist dafür gesorgt , daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen , und diejenige , welche von allen anwesenden Frauen vielleicht die böseste und strengste gewesen wäre , hatte dermalen nicht mehr Macht als über ihr eigenes Pfündlein Fleisch , das sie mit Umsicht und Ausdauer einkaufte . Sobald sie es im Körbchen hatte , richtete sie ihren Gang nach dem Gemüsemarkt am Wasser und erlabte ihre Augen an dem Grün , an den frischen Früchten , welche aus Gärten und Fluren hereingebracht waren . Sie wandelte von Korb zu Korb und über die schwanken Bretter von Schiff zu Schiff , das aufgehäufte Wachstum übersehend und an dessen Schönheit und Billigkeit die Wohlfahrt des Staates und dessen innewohnende Gerechtigkeit ermessend , und zugleich tauchten in ihrer Erinnerung die grünen Landstriche und die Gärten ihrer Jugend auf , in welchen sie einst selbst so gedeihlich gepflanzt hatte , daß sie zehnmal mehr wegzuschenken imstande war , als sie jetzt bedächtig und teuer einkaufen mußte . Hätte sie noch große Vorräte für eine zahlreiche Familie einzukaufen und zu ordnen gehabt , so würde das ein Ersatz gewesen sein für das Pflanzen und Graben ; aber auch dieser Beruf war ihr genommen , und daher war die Handvoll grüner Bohnen , Spinatblättchen oder junger Rübchen , welche sie endlich in ihr Körbchen tat , nachdem sie manchen scharfen Verweis und Zuspruch wegen Überteuerung ausgeteilt , ihr ein notdürftiges Pfand und Symbolum , samt dem Büschelchen Petersilie oder Schnittlauch , das sie gratis erkämpft . Dies war ihre Poesie , Elegie und Samstagstragödie . Das schöne weiße Stadtbrot , das bislang in ihrem Hause gegolten , schaffte sie nach Heinrichs Abreise sogleich ab und bezog alle vierzehn Tage ein billiges rauhes Landbrot , welches sie so sparsam aß , daß es zuletzt immer steinhart wurde , und dasselbe vergnüglich und zufrieden bewältigend , schwelgte sie ordentlich in ihrer freiwilligen Askese . Zugleich wurde sie karg und herb gegen jedermann , in ihrem gesellschaftlichen Leben vorsichtig und zurückhaltend , um alle Ausgaben zu vermeiden , und bewirtete niemanden , oder doch so knapp und ängstlich , daß sie bald für geizig und ungefällig gegolten hätte , wenn sie nicht durch eine verdoppelte Bereitwilligkeit mit dem , was sie durch die Mühe ihrer Hände , ohne andere Kosten , bewirken konnte , jene herbe Sparsamkeit aufgewogen hätte . Überall , wo sie mit Rat und Tat beistehen konnte , im ganzen Umkreise ihrer Nachbarschaft , war sie immer wach und rüstig bei der Hand , keine Mühe und Ausdauer vermeidend , insofern sie nur nichts kostete , und da sie für sich bald fertig war und sonst nichts zu tun hatte , so verwandte sie fast ihre ganze Zeit zu solchen Dienstleistungen , still und fleißig denselben obliegend , bald in diesem Hause , bald in jenem , wo Krankheit oder Tod die Menschen bedrängten . Aber überallhin brachte sie ihre strenge Einteilung und Sparsamkeit mit , so daß die unerfahrenen und behäbigen Weiber , während sie dankbar und rühmend ihre unermüdliche Hilfe sich gefallen ließen , doch hinter ihrem Rücken sagten , es wäre eigentlich doch eine Sünde von der Frau Lee , daß sie gar so ängstlich sei und spröde in sich verschlossen dem lieben Gott nichts überlassen könne oder wolle . Dies war aber durchaus nicht der Fall ; sie überließ der Vorsehung des Gottes alles , was sie nicht verstand , vorerst die Verwicklungen und Entwicklungen der moralischen Welt , mit denen sie nicht viel zu tun hatte , da sie sich nicht in Gefahr begab ; nichtsdestominder war Gott ihr auch der Grundpfeiler in der Viktualienfrage ; aber diese hielt sie für so wichtig , daß es für sie eine eigentliche Ehrensache war , sich zuerst selber mit Hand und Fuß zu wehren . Denn ein doppelter Strick halte besser , und wenn auf Erden und im Himmel zugleich gesorgt würde , so könne es um so weniger fehlen ! Und mit eiserner Treue hielt sie an ihrer Weise fest ; weder durch die Sonnenblicke der Fröhlichkeit noch durch düsteres Unbehagen , weder im Scherz noch im Ernst ließ sie sich verleiten und überrumpeln , auch die kleinste ungewohnte Ausgabe zu machen . Sie legte Groschen zu Groschen , und wo diese einmal lagen , waren sie so sicher aufgehoben wie im Kasten des eingefleischten Geizes . Mit der Ausdauer und Konsequenz des Geizes sammelte sie Geld , aber nicht zu ihrer Freude und zur Lust ihrer Augen , denn das Gesammelte beschaute sie niemals und überzählte es nie , und hiedurch unterschied sich ihr Tun und Lassen von demjenigen der Geizigen . Allein diese ihre Art , indem sie zurückhaltend , ängstlich und geizig erschien und zugleich dienstfertig , still , hilfereich und liebenswürdig war , verlieh ihr einen eigentümlichen und einsamen Charakter , so daß die Leute ihre freundliche und nützliche Seite annahmen und über ihr stilles , strenges Sorgen , Hoffen und Fürchten sie nicht befragten . Zudem würden sie dasselbe weder begriffen noch gebilligt haben ; denn alle verlangten von ihren eigenen Söhnen , wenn sie nicht Gelehrte wurden , daß sie sich zeitig selbst ernährten , und wenn je einmal eine ganz behagliche Familie ihrem in die Klemme geratenen Sohn Schreiner oder Schlosser einige Taler übersandte , so geschah dies mit einem erheblichen Aufwande von Lärm , und des Goldeinwechselns , Verpackens , Versiegelns , Versicherns auf der Post und des Sprechens von alledem war kein Ende ; daß aber Heinrich schon abgereist war , um förmlich im Auslande von einer bestimmten Summe zu leben , dazu hatten die Nachbaren schon die Köpfe geschüttelt und gemeint , er hätte doch schon genug gekostet und könnte nun sehen , etwas zu verdienen , wie anderer Leute