in seiner Heimath richtig abgegeben worden sei , ging aus der Nennung Schlenkers hervor , der in seiner gutmüthigen Gefälligkeit trotz Schnee und Kälte doch einen Weg von mehr als zwei Stunden zurückgelegt hatte , um das Eile heischende Schreiben sobald wie möglich in die Hände des Adressaten zu bringen . Erst nach Durchlesung des Briefes sprang die Gleichgiltigkeit des Maulwurffängers in die lebhafteste Theilnahme über . Seine kleinen grauen Augen mit verschmitztem Blinzeln zu Aurel aufschlagend , sagte er : » Herr Kapitän , ich wette so viel Thaler , als ich in meinem ruhelosen Leben Maulwürfe gefangen habe , daß dieser ungeleckte Brief eine Tonne Goldes werth ist ! Halten Sie die Wette ? « » Ernsthaft , ernsthaft , alter Freund ! Jetzt ist gar keine Zeit zu unnützen Scherzen ! « » Sie kennen den alten Pink-Heinrich noch lange nicht aus , gnädiger Herr ! - Sonst ermahnten Sie ihn nicht zum Ernste , wo er es von Grund der Seele schon durch und durch ist ! « » Aber was steht denn in dem Briefe ? « forschte der ungeduldige Aurel . » Viel und nichts , wenn Sie wollen , Herr Kapitän ! Es kommt Alles darauf an , ob Einer richtig lesen gelernt hat . Denn der Landmann ist just bei den wichtigsten Dingen am kürzesten . Und eigentlich geht mich der Brief auch gar nichts an , sondern Sie und Ihre Familie , oder , um auf ebener Straße zu bleiben , den alten Jan ! « » Ihr werdet mich noch ganz ärgerlich machen mit Euerm peinlichen Zögern . « » Gut Ding will Weile haben , mein bester Herr Kapitän , und gut geschmierte Räder laufen am besten ! Darum übereile ich mich nie und nirgend . Es ist das so Sitte bei uns Lausitzern von undenklichen Zeiten her . Aber wieder auf das Brieflein zu kommen , so schreibt der Haidekretschamwirth Jürge , daß es ihm ein grausam lieber Gefallen sein würde und eine särgliche1 Ehre , wenn ich den Jan Sloboda mit seinem Enkel Paul zu ihm schicken könne ! Der Friede , vielleicht die ewige Seligkeit seiner alten sterbenskranken Mutter hinge davon ab . Sie hätte dem alten Wenden eine Entdeckung von äußerster Wichtigkeit zu machen und seufze nach dem Augenblicke , wo Sloboda oder sein Enkelsohn an ihr Schmerzenslager treten und ihr die abgemagerte Hand zum letzten Lebewohl vergebend und vergessend drücken werde ! « » Was haltet Ihr davon ? Glaubt Ihr , daß Sloboda der Aufforderung Folge zu leisten habe ? « » Solche Bitten eines schlichten Landmannes haben jederzeit Grund , Herr Kapitän ! Und obschon ich nicht ahnen kann , was eine alte sterbende Mutter dem Wenden zu offenbaren hat , bleibe ich doch bei meinem Satze und bestehe , wenn Sie wollen , auf meiner Wette . « » Ihr seid gewiß ein guter Freund des Haidekretschamwirthes ? « » Wird nicht gar arg sein , Herr Kapitän ! Kennen mag ich ihn wohl , denn wen kennte ich nicht im Umkreise von zehn Meilen ! Aber so recht besinnen kann ich mich zur Zeit noch nicht . Indeß wird sich das Gedächtniß schon wieder ermuntern , wenn ich ihn erst sehe , und ich rechne , das muß unverweilt geschehen . Begleiten Sie uns , Herr Kapitän ? « » Wenn Ihr glaubt , daß ich nicht störe , bin ich dabei . « » Ein Wort ein Mann ! « rief Heinrich , seine schwielige Rechte dem Grafen darhaltend . » Jetzt gehe ich zum Sloboda , und Morgen nach dem zweiten Hahnschrei sausen wir allesammt im Galopp durch die Haide ! « Aurel schlug ein , und am nächsten Tage verließen zwei sogenannte Rennschlitten den Zeiselhof . Der Kapitän und der Maulwurffänger saßen in dem ersten , den zweiten nahmen Sloboda und Paul ein . Fußnoten 1 särglich . Lausitzisch für : schrecklich . Zweites Kapitel . Ein Sterbebett . Unsere Leser werden sich erinnern , daß Jan Sloboda und sein Enkelsohn bei ihrer Rückkehr aus Polen in einem einsam gelegenen Haidekretscham übernachteten und von dem Wirthe desselben die ersten Erkundigungen über den Maulwurffänger einzogen . Sie werden ferner noch der greisen blödsinnigen Spinnerin gedenken , die mehrmals das Gespräch der Männer durch Absingung von Volksliedern unterbrach , die keinerlei Zusammenhang unter einander hatten . Diese hochbejahrte Frau , die Mutter des gegenwärtigen Kretschamhalters , war seit Wochen schon krank und bettlägrig . Wie es jedoch unter den Landleuten zu gehen pflegt , wenn nicht augenfällige Todesgefahr vorhanden ist , daß sich die Angehörigen wenig in ihren täglichen Geschäften dadurch stören lassen , so ging es auch hier . Man bebalf sich mit Hausmitteln oder bekümmerte sich auch zuweilen gar nicht um die Kranke . An übermäßige Pflege nicht gewöhnt , fühlte sich die alte Maja durch solche scheinbare Vernachlässigung keineswegs beleidigt . Sie vertrieb sich die langen endlosen Stunden mit Absingung ihrer Liederbruchstücke oder mit Hersagung von Volksmährchen , die sie sich unermüdlich selbst vorerzählte und sich dabei vortrefflich unterhielt . Da sie außerdem keine Schmerzen litt , sondern eigentlich blos in Folge langsam hinschwindender Körperkräfte nicht mehr aufdauern konnte , so war ihr Zustand weder für sie selbst , noch für die Hausgenossen störend . Auf die wunderlichen Reden , auf das heimliche , nicht selten unheimliche Lachen und auf das heftige Gezänk , das sie mit Personen führte , die sie gegenwärtig glaubte , achtete Niemand , da man die Wunderlichkeiten der alten Mutter sattsam kannte und ihre Worte für eben so schuldlos als verworrenen Einbildungen entsprungen hielt , und so konnte denn Maja Tage und Nächte lang nach Herzenslust die tollsten Geschichten erzählen und die entsetzlichsten Schmäh-und Schimpfreden ausstoßen , ohne daß es Jemandem einfiel , sie mit Bitten zur Ruhe zu verweisen . Jürge , Maja ' s Sohn , hatte die Mutter immer tiefsinnig , zu stiller Melancholie hinneigend , gekannt . Später nach seines Vaters Tode war sie geistesschwach , endlich