Traum , den ich jetzt hege , denn nicht eben so wohl wie der frühere in Erfüllung gehen können ? Sollten nicht beide Nationen , statt einander feindlich zu vertilgen , ihre gegenseitigen Vorzüge anerkennen ? Sollte nicht ein friedlicher Wetteifer eintreten können in der Ausbildung jeder Kunst und jeder Wissenschaft des Lebens ? Und sollten nicht beide statt einander feindlich zu berauben , nun lieber durch gegenseitigen Austausch zu gewinnen suchen ? Der Haß , der sich jetzt noch durch die aufgeregten Leidenschaften ausspricht , wird sich bald verlieren . Die Deutschen sind zu geneigt fremdes Verdienst anzuerkennen , als daß sie nicht bald wieder auch das französische gehörig würdigen sollten , und den Franzosen , erlaube es mir zu sagen , wird das erlebte Unglück eben so heilsam sein , wie einem in Reichthum , Glück und Gesundheit übermüthigen jungen Manne ein Schlag des Schicksals zuweilen wohlthut . Es wird Euch bescheidener machen und die Idee wird bei Euch Zugang finden , daß es auch außerhalb Frankreich noch etwas Bedeutendes und Wissenswerthes geben kann , daß auch die Bestrebungen anderer Nationen Achtung verdienen , und eine engere und edlere Verbindung wird sich so zwischen Euch und Euern Nachbaren bilden , als wenn Ihr sie durch die Gewalt der Waffen unterdrücktet . Der General war zu sehr mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt , als daß er die Worte des Freundes hätte genau beachten können . Er hörte nur im Allgemeinen die wohlwollende Gesinnung heraus , und mehr dem Gange seiner Gedanken folgend , als dem Grafen antwortend , sagte er : Es ist wahr , im Gefolge der Revolution waren empörende Gräuel . Das edelste Blut vergoß man , der Menschlichkeit Hohn sprechend , in Strömen , aber gestehe es , viele große Gedanken wurden auch ausgesprochen und faßten unmerklich Wurzel in jedes Menschen Brust , und wenn Du zurückblickst , wie weit alle Staaten sowohl , als einzelnen Menschen von der Stelle aus weiter geschritten sind , wo sie vor dieser Revolution standen , so wirst Du zugeben müssen , daß sie , wenn sie auch wie ein furchtbar zerstörendes Gewitter über die Länder schritt , doch auch wie dieses Spuren des Segens zurückgelassen hat . Napoleon bändigte dieses Ungeheuer , aber mit ungemessenem Ehrgeiz opferte er den kühnsten Plänen wieder das edelste Blut in Strömen , und doch fand Frankreich Trost in dem Ruhme , der seinen Namen unter den fernsten Himmelsstrichen verherrlichte . Jetzt hat nun wieder das strömende Blut vieler Tausende den Boden der Länder geröthet , um die Vergangenheit zurückzuführen , und welcher Segen wird uns für diese Opfer ? Die Segnungen des Friedens , sagte der Graf , den Euer schönes Frankreich sowohl bedarf , wie alle europäischen Länder . Wir müssen erst erwarten , erwiederte der General , was dieser Frieden für Folgen haben wird , ehe wir seine Segnungen preisen . Ich werde mich auf jeden Fall zurückziehen und in ruhiger Muße für die Erziehung meiner beiden Knaben sorgen . Armer Bertrand ! fuhr er seufzend fort , unser Napoleon und Eugen werden diese Namen nicht von Neuem verherrlichen , wie Du hofftest , denn Gott weiß , ob man ihnen nicht die Namen selbst als Verbrechen anrechnen wird . Wenige Tage nach dieser Unterredung schied der General von seinem Freunde , und Beide trennten sich nicht ohne Rührung , denn wie verschieden auch oft ihre Ansichten waren , so fand doch Jeder in dem Andern so viele Vorzüge anzuerkennen , daß die gegenseitige Achtung das in der Jugend geknüpfte Band der Freundschaft nur dauernder und fester machte , und schon den folgenden Tag , als der General französischen Boden berührte , dachte er : Sollte es denn nicht möglich sein , daß , wie ich Hohenthal liebe und achte , obgleich er ein Deutscher und von den Grillen dieser Nation nicht frei ist , und wie er mich liebt , obgleich er meine besten Eigenschaften für Thorheiten eines Franzosen hält , eben so einst beide Völker in aufrichtiger Freundschaft einander gegenüberständen ? Diese friedlichen Gesinnungen wurden jedoch bald aus der Brust des französischen Kriegers verscheucht , indem er den feindlichen Truppen begegnete , die so gleichgültig auf französischem Boden wandelten , als wäre es gar nichts Besonderes für sie , sich hier als Sieger zu bewegen , und es gereichte ihm nur dieß zu einigem Troste , daß alle wenigstens auf dem Wege waren Frankreich zu verlassen . Unter den rückkehrenden Kriegern war auch der Graf Robert und seine Freunde , und wenige Tage , nachdem der General das Haus des Grafen verlassen hatte , wurde dieser auf ' s Angenehmste durch die Ankunft seines Vetters überrascht , der dieß Mal in Begleitung aller seiner Freunde kam , denn auch Wertheim und der Baron Lehndorf kehrten nach Deutschland mit ihren Truppen zurück , und natürlich mit ihnen der Arzt und Gustav Thorfeld . Die Freude Aller wurde erhöht , als sie erfuhren , daß Evremont lebe , und daß man nun , da alle Kriegsgefangenen frei gegeben wurden , seine baldige Rückkehr erwarten dürfe . Der Graf bemerkte mit Wohlgefallen , daß das scheue , finstere Wesen Wertheims sich verloren hatte , und daß seine Sitten milder , als sonst erschienen . Der Graf Robert löste dem Oheim dieß Räthsel , indem er ihm die glückliche Veränderung mittheilte , die in der ganzen Lage des jungen Mannes eingetreten sei . Durch eine weitläuftige Verwandte war ihm eine Erbschaft zugefallen , und zwar hatte ihn diese zum einzigen Erben eingesetzt und die entlaufene Schwester gänzlich ausgeschlossen . Dieß Vermögen setzte ihn in den Stand , das kleine Gut kaufen zu können , welches der Graf früher dem Obristen Thalheim eingeräumt hatte ; und wenn er sich nun dazu entschließen wolle , dieß dem jungen Manne zu überlassen , so könne er , bemerkte der Graf Robert , dessen Lebensglück begründen , denn alsdann sei er entschlossen , sich dort niederzulassen und sich mit der ältesten Schwester des Grafen zu verbinden ,