nicht schmeckt . “ „ O , laß mich nur , Gretchen . Ich halte es schon aus bis zum Abend , wo wir ja das Fleisch haben , “ versicherte Ernestine und nahm ihre Näherei wieder auf . „ Ach Gott , wenn Du mir nur erlauben wolltest , hin und wieder eine kleine Unterstützung von meinem Vormunde anzunehmen . Er ist ja so gut , er würde uns so gerne etwas geben ! “ „ Gretchen , was er Dir gibt , das geht mich nichts an , “ sagte Ernestine streng , „ aber über meine Lippen kommt kein Bissen , der mir von ihm geschenkt wäre ; sowenig wie ich eines der beiden Kleider ange ­ nommen hätte , die er Dir schickte . Gretchen , es ist wohl hart von mir , denn ich zwinge Dich dadurch , mit mir zu darben , aber so Gott will , “ sie sprach den Namen Gottes mit mehr Ehrfurcht aus , als An ­ dere , die ihn zu nennen gewöhnt sind — „ so Gott will , wird es ja nicht mehr lange dauern . Ich werde doch endlich eine Stelle bekommen — und dann , Du armes , treues Kind , bist Du erlöst , kannst zurückkehren zu Möllners oder wohin Du sonst willst und Dein junges Leben genießen . Ich will Dir ’ s nur gestehen , Gretchen , ich habe vorgestern wieder an den Agenten nach Frankfurt geschrieben und ihn bestürmt , doch Alles für mich aufzubieten . Sollte sich denn in dieser großen , weiten Welt gar kein Platz für mich finden ? “ Sie fädelte mühsam eine Nadel ein und nähte emsig , aber schwerfällig weiter . Ein paar große Tränen fielen ihr auf die Arbeit nieder , sie wischte sie heimlich ab , Gretchen sollte sie nicht sehen . Es sah sie auch nicht , denn es räumte die Teller weg . „ Liebe Ernestine , “ sagte es , als es wieder hereinkam , „ ich muß nun fort , denn es hat halb Zwei geschlagen . Nähe nicht zu lang in die Dämmerung hinein und mach Dir keine trüben Gedanken . Es wird Dich schon Jemand haben wollen . Freilich wär ’ s besser gewesen , wir hätten in Frankfurt leben können , statt hier heraus nach Röthelheim zu ziehen . Dann hättest Du immer gleich selbst mit den Leuten sprechen können . Aber in Frankfurt war es zu teuer und hier hatte ich doch gleich eine sichere Stelle . Ach , wenn Dich die Menschen kennten , wie ich , sie würden sich um Dich reißen . Brächte ich nur meine gute Direktrice dazu , Dich einmal zu sehen , sie könnte Dir nicht widerstehen ! Nun lebe wohl , Liebste , Beste , — alle guten Geister seien mit Dir , daß Du Dich nicht fürchtest im Dunkeln , denn — Du weißt ja , wir haben heute Abend kein Licht ! “ „ Das tut nichts , Gretchen , da werde ich recht an Vater Leonhardt denken , der hat nie Licht , uns aber geht doch wieder die Sonne auf . “ „ Ja wohl , Ernestine , daran halte fest : Uns geht doch wieder die Sonne auf , “ rief Gretchen noch unter der Tür . „ In diesem Sinne ? Wer weiß ? “ dachte Ernestine schwermütig . Sie sah einen Augenblick unschlüssig nach dem kleinen , hochbeinigen Tisch hinüber , der ihr und Gretchen als Eß- und Schreibtisch diente . Sie hätte so gerne an Walter geschrieben . Es waren schon acht Tage her , seit sie einen Brief von ihm hatte und diese harmlose , wissenschaftliche Korrespondenz mit dem talentvollen , jungen Freunde war ihre einzige Freude , das einzige Band , das sie noch mit ihrem einstmaligen Beruf verknüpfte . Er gab ihr in jedem Briefe Rechenschaft über seine Fortschritte , forderte über Manches ihre Meinung zu hören und glühte stets für ihren Genius mit der gleichen Begeisterung . Sie konnte kaum der Versuchung widerstehen , so lange es noch hell war , an ihn zu schreiben , denn das Herz war ihr so voll von den wunderbaren Träumen dieses Morgens . Sie sehnte sich heraus aus der Prosa , die ihr wieder für Stunden alle Geister vertrieben hatte , wie man sich aus einer schmutzigen Umgebung sehnt . Aber ihr Blick fiel auf das so notwendige Kleid zurück , das fertig werden mußte : „ Nein , ich war heute morgen leichtsinnig und habe geträumt statt zu kochen . Ich will heute Nachmittag gewissenhaft sein und arbeiten . “ Sie setzte sich mit einem schweren Seufzer an das Fenster — und nähte so mühsam weiter , als habe sie mit der Nadel Worte für die Ewigkeit in eine Erzplatte zu stechen . „ Übung macht den Meister , “ so hatte sie in der Schrift gesagt , welche ihr die Aufnahme unter die Hörer der Universität in N * * verschaffen sollte . Damals ahnte sie noch nicht , welch traurige Nutzanwendung sie einst davon zu machen haben werde . Wenn sie nur die Schrift noch besäße , dachte sie . Die war in Möllners Händen geblieben und sie hatte versäumt , sie zurückzufordern . Was hatte er wohl damit angefangen ? Sollte sie ihn darum bitten ? O gewiß nicht . Er hatte ihr seit ihrer Flucht aus Hochstetten nur ein einziges Mal geschrieben und ihr später das Geld für ihr versteigertes Mobiliar geschickt , ohne ein Wort der Freundschaft , nur Geschäftssachen erörternd , die er mit einer Unbekannten ebenso verhandelt hätte ! — Und welch ein Brief war der erste nach ihrer Flucht gewesen ! Sie suchte ihn hervor , sie mußte ihn einmal wieder lesen , obgleich er so oft gelesen war , daß er kaum noch zusammenhing : Ich verstehe Dich , Ernestine . Ich habe es von Dir nicht anders erwartet . Es wäre ein Unrecht an unserer Zukunft , Deinen