ächten Würde ! ach , wie voll muß die Welt von sich selbst und wie leer von Gott sein , um in der Demut Kriecherei und Heuchelei zu sehen ! Vielleicht sind wir alle es dem heiligen Greise schuldig , seinem Opferleben , seiner Fürbitte , seinem Beispiel , seinen Lehren , daß wir nicht in die Gemeinheit solcher Gesinnungen und entsprechender Handlungen versunken sind . Und immer klarer sah Uriel ein , daß er sich nicht damit begnügen dürfe , ein solches Beispiel untätig zu bewundern . Immer deutlicher vernahm er eine innere Stimme , die ihm zusprach : Trinke du aus demselben Kelch ; dann hast du dein Genügen . - Mit tiefer Erschütterung hatte Levin Regina ' s Zustand erfahren . Mit ihm durfte Uriel ja darüber sprechen ; er konnte es aushalten . Dem Vater und der Schwester wollte Regina die herbe Mitteilung ersparen . » Sieh ! « sagte Levin , » das sind so recht die unergründlichen Schickungen Gottes , an denen der Unglaube solchen Anstoß nimmt und worin wir ein Geheimniß voll himmlischer Liebe ahnen . Wodurch belohnt er das freudige Opfer , das Regina ihm bringt ? durch ein schauerliches Leiden , durch einen martervollen Kreuzgang , dessen Ende der gewisse und nahe Tod ist . Er konnte sie leben und im Schatten seiner Gnade friedlich blühen lassen , wie eine Blume des Waldes , zu seiner Ehre und anderen zum Trost und zur Erbauung . Statt dessen wendet er ihr das volle Licht , ja die Flammenpfeile seiner Gnade zu - und kränzt sie mit grausamen Dornen . Das ist die ächte Braut Christi . « » Ja , « sagte Uriel , » den Eindruck hab ' ich für ' s Leben empfangen : denke ich an den gekreuzigten Heiland , blutüberströmt unter seiner Dornenkrone , so trägt er Regina ' s Züge . « » Sieh , wie gut Gott auch für Dich ist , « entgegnete Levin zärtlich ; » so lieblich zieht er Dich hin zum Kreuz ! « » Ich fühle es , « erwiderte Uriel , » ich weiß es . Der Opferstahl liegt auf dem Altar ; es ist das Kreuz . Aber die Natur erschauert bei dem Gedanken , es in solchem Maß umfassen zu müssen . « » Das Maß wird nicht jedem gleichförmig gemessen , nicht genau die eine Seele wie die andere behandelt . Es gibt Stufen in der Liebe , Stufen in der Prüfung . Wer hat den göttlichen Heiland mehr geliebt als Maria Magdalena ! mit welcher übernatürlichen Demut , mit welcher herzzerschmelzenden Selbstverläugnung nahet sie sich ihm bei jenem Gastmahle , wo sie beweist , daß ihr die Welt unter- und der Himmel aufgegangen ist . Und wie behandelt sie der Herr , der gütige , milde , zärtliche Heiland , der für den hochmütigen Pharisäer so liebevoll ist und die größten Sünder so tröstend behandelt ? Man sollte meinen , er werde die Magdalena mit der innigsten Liebe empfangen . Aber nein . Er schenkt ihr kein Wort , keinen Blick , keine Beachtung . Auf einen Akt der rührendsten Demut sieht er gar nicht hin , und wie einen wesenlosen Schatten läßt er sie vorüber gleiten . Dies Schweigen , diese abwehrende Nichtachtung hätten nicht alle ertragen . Magdalena aber ertrug es . Dafür steht sie denn unter dem Kreuz mit der Gottesmutter und dem Liebesjünger - und ihr zuerst erscheint der Auferstandene ! und sie ruft er bei ihrem Namen ! Jede Seele , die sich von der Welt zu Gott , von dem Irrtum zur Wahrheit bekehrt , gleicht der Magdalena , indem sie bis dahin Ungöttliches dem Göttlichen vorgezogen hat . Ach , wir alle gleichen ihr ; denn in uns allen ist Anhänglichkeit an unser so sehr ungöttliches Ich - und wir alle müssen deshalb darauf gefaßt sein , so vom Herren empfangen zu werden , wie sie . Allein der Empfang ist dennoch verschieden , weil wir nicht ihre welt- und totverachtende Liebe haben . « » O , hätte ich sie ! « rief Uriel . » So spricht wohl mancher , « entgegnete Levin lächelnd , » und macht doch nicht seine Anstalten dazu ! Die vollkommene Hingebung an den Willen Gottes , ohne Rückblick und Hinterhalt für uns selbst - ist eine Hauptbedingung . Unterwirf Dich ihm bedingungslos ; mache Dein Herz zu einem Reich , in welchem er nach seinem Wohlgefallen herrschen soll ; und siehe ! dann schickt er Dir die Liebe , als die Königin dieses Reiches zu , die wonnestrahlend Dich zur Huldigung ihres Herrn und Herrschers hinzieht . Sie kommt auf zwei Wegen , die Königin Liebe . Im heiligsten Sakramente des Altars sucht sie Deine Seele auf . Im Gebet sucht Deine Seele nach ihr . Das ist eine mystische Ebbe und Flut , sinkend und steigend im Wechsel der innersten Lebensbeziehung auf das ewige Gesetz , daß der Mensch selbsttätig zu seiner Heiligung mitwirken soll . Auf einige verfliegende Wünsche und Seufzer kann die ewige Liebe nicht hören . Sie ist Wahrheit , und darum begehrt sie Wahrheit . Hingebung , Unterwerfung - das ist Wahrheit , denn da hören alle Selbsttäuschungen alle Gefühlsschwelgereien , alle Phantasiegebilde urplötzlich auf . Das ist der unerbittliche Prüfstein , an dem der Wille als ächtes Gold oder als unedles Metall zum Vorschein kommt . Hingebung und Unterwerfung heiligen die Seele mehr und schneller , als die größten Taten für Gott getan ; und haben auch das noch für sich , daß man sie überall üben kann , während die großen Taten Zeit und Ort haben wollen . Fange nur an , Dich zu heiligen , Uriel , und Dich mit und aus allen Kräften Deiner Seele Gott als ein unbedingtes Werkzeug darzubieten , und die himmlische Liebe wird schon kommen und Wohnung bei Dir nehmen . « - Nicht Uriel ' s Kämpfe , nicht Regina ' s Leiden , nicht Corona '