die eine moralische Anschauung von allen Dingen zu verstärken . Durch diese Anschauung wurde er befähigt , schon im Beginn einer Bewegung nach ihren Mitteln und nach ihrer Natur die Hoffnung oder Furcht zu beschränken , die er auf sie zu setzen hatte , wie es einem besonnenen , freien Staats und Weltbürger geziemt . Es ist , nicht leider , sondern glücklicherweise , kein Gemeinplatz , sondern eine eiserne Wahrheit , daß in der Geschichte überall keine Hexerei , sondern das Sprüchlein ? Wie man ' s treibt , so geht ' s ! die lehrreichste Erklärung für alles ist . Der ruhige feste Gleichmut , welcher aus solcher Auffassung des Ganzen und Vergleichung des einzelnen hervorgeht , glücklich gemischt mit lebendigem Gefühl und Feuer für das nächst zu Ergreifende und Selbsterlebte , macht erst den guten und wohlgebildeten Weltbürger aus . Denn wenn er in diesen , in seinen eigenen Bestrebungen scheitert oder ein großes Mißlingen oder einen Untergang miterlebt , so gibt nur jene Ruhe ihm denjenigen Trost und Halt , ohne welchen kein selbstbewußtes menschliches Wesen denkbar ist und leben kann . Heinrich erwarb sich indessen nichts weniger als eine große Gelehrsamkeit oder gar die bloße Einbildung einer solchen ; lediglich schaute er sich um , von einem dringenden Instinkte getrieben , erhellte sein Bewußtsein von den Dingen , die da sind , gelehrt , gelernt und betrieben werden , und hatte an allem eine ungetrübte gleichmäßige Freude , ohne sich anzumaßen , sich selbst etwa hervortun zu wollen , oder sich für dies oder jenes selbsttätig entscheiden zu können . Alles , was gründlich und zweckmäßig betrieben wurde und echt menschlich war , erschien ihm jetzt gleich preiswürdig und wesentlich , und jeder schien ihm glücklich und beneidenswert , der , seinen Beruf recht begreifend , in Bewegung und Gesellschaft der Menschen , mit ihnen und für sie , unmittelbar wirken kann . Dies alles hatte die kleine Figur des borghesischen Fechters veranlaßt , und Heinrich trieb es wie etwa der Sohn eines wohlhabenden guten Hauses , welcher sich zu seiner Formierung im Auslande aufhält und einige allgemeine Studien treibt , von allem ein bißchen lernt , um dereinst einen wohlbestellten und unterrichteten Bürgersmann vorzustellen , welcher weiß , worum es sich handelt , und , ohne gelehrt zu sein , doch in manchem Falle , wo er nicht schon eine eigene Meinung hat , imstande ist , sich eine solche auf dem kürzesten Wege anzueignen . So verging die Zeit , und während Heinrich ohne freien Willen , denn er konnte gar nicht anders , rücksichtslos und gänzlich die Zeit verwendete , sich Zeug und Stoff für seinen freien Willen zu verschaffen , nämlich Einsicht , wußte er bereits nicht mehr , wovon er leben sollte , und sah sich plötzlich zu seinem großen Erstaunen von Not und Sorge umgeben , so daß er kaum wußte , wie ihm geschah . Viertes Kapitel Als er vor nun bald vier Jahren sein Vaterhaus und seine Heimat verließ , war zu seinem Eintritt in die Welt die mäßige Barsumme bestimmt , welche seine Mutter während ihres Witwenstandes , trotz ihrer beschränkten Verhältnisse und ungeachtet sie zu gleicher Zeit einen Sohn erzog , doch unbemerkt erspart hatte . Diese Summe war bei bescheidener Lebensweise für etwa ein Jahr hinreichend , nach dessen Ablauf sich ernähren und zugleich weiterbilden zu können Heinrich nicht zweifelte und seine Mutter ebenso sicher hoffte , da es geschehen mußte und sie ihrer ganzen Lebensart nach selbst von nichts anderm wußte , als dem Notwendigen sich zu fügen und ihm gerecht zu werden . Sie nannte dies » sich nach der Decke strecken « und verzierte jeden ihrer Briefe , die sie an den Sohn schrieb , sorgfältigst am Eingang und am Schlusse mit dieser Metapher , und der Sohn nannte dieselbe scherzweise das Prokrustesbette seiner Mutter . Indessen , um für alle Fälle das Ihrige zu tun , veränderte sie sogleich am Tage nach seiner Abreise ihre Wirtschaft und verwandelte dieselbe beinahe vollständig in die Kunst , von nichts zu leben . Sie erfand ein eigentümliches Gericht , eine Art schwarzer Suppe , welches sie jahraus , jahrein , einen Tag wie den andern um die Mittagszeit kochte , auf einem Feuerchen , welches ebenfalls beinahe von nichts brannte und ein Klafter Holz ewig dauern ließ . Sie deckte während der Woche nicht mehr den Tisch , da sie nun ganz allein aß , nicht um die Mühe , sondern die Kosten der Wäsche zu ersparen , und setzte ihr Schüsselchen auf ein einfaches Strohmättchen , welches immer sauber blieb , und indem sie ihren abgeschliffenen Dreiviertelslöffel in die Suppe steckte , rief sie pünktlich den lieben Gott an , denselben für alle Leute um das tägliche Brot bittend , besonders aber für ihren Sohn . Nur an den Sonn- und Festtagen deckte sie den Tisch förmlich und setzte ein Pfündchen Rindfleisch darauf , welches sie am Sonnabend eingekauft . Diesen Einkauf selber machte sie weniger aus Bedürfnis - denn sie hätte sich für ihre Person auch am Sonntage noch mit der lakonischen Suppe begnügt , wenn es hätte sein müssen - als vielmehr , um noch , einen Zusammenhang mit der Welt und Gelegenheit zu haben , wenigstens einmal die Woche auf dem alten Markt zu erscheinen und den Weltlauf zu sehen . So marschierte sie denn still und eifrig , ein kleines Körbchen am Arm , erst nach den Fleischbänken , und während sie dort klug und bescheiden hinter dem Gedränge der großen Hausfrauen und Mägde stand , welche lärmend und stolz ihre großen Körbe füllen ließen , machte sie höchst kritische Betrachtungen über das Behaben der Leute und ärgerte sich besonders über die munteren leichtsinnigen Dienstmägde , welche sich von den lustigen Metzgerknechten also betören ließen , daß sie , während sie mit ihnen scherzten und lachten , ihnen unversehens eine ungeheure Menge Knochen und Luftröhrenfragmente in die Waagschale warfen , so daß es die Frau Elisabeth Lee fast