. Der Künstler soll Partei nehmen , wie es die Alten thaten . Die Alten malten im Glauben . Der Glaube war ihnen Partei . Der Zweifel konnte nichts malen , er sah nur auf Effecte , wie es seit Guido Reni , Carlo Dolce und meinem sonst prächtigen , theatralischen Guercino Mode wurde . Die Neuen haben keinen Glauben und auch keinen rechten Zweifel ; gut ! sie sollen nur gerecht sein und geschichtlich und wahr . Sie mögen eine Thatsache einfach hinstellen , aber dann doch so gruppirt , daß sie verrathen , sie hätten selbst darüber nachgedacht und empfänden etwas über ihr Bild , irgend eine warme Überzeugung . Wie kommt mir nun hier , bester Wildungen , die Erbärmlichkeit dieses Nicodemus zur Anschauung , der nur bei Nacht den Muth hat , ein Christ zu sein ? Zeigen Sie mir diese seine Erbärmlichkeit ! Diesen Augenspiegel unserer ganzen Gegenwart ! Ich weiß zunächst nicht , antwortete Siegbert , die ästhetische Tendenzfrage fast vermeidend , soll ich ihn sehr reich oder recht arm kleiden ? Das Erstere würde im Einklang zu seinen Dienern und den geschmückten Kameelen stehen , das Letztere aber gerade durch den Contrast mit diesen Umgebungen andeuten , daß er demüthig und voll Reue ist und seines Prunkes sich begeben will . Jesus sagt ihm ohnehin , es könne Niemand selig werden , der nicht in den Schoos seiner Mutter zurückkehre und von neuem geboren würde . Arm aber oder reich gekleidet denk ' ich doch , daß hier die einfache Thatsache ihre Auslegung in sich selber trägt . Wie sollt ' ich hier mein Urtheil anbringen , ohne nicht in Gefahr zu gerathen , den Frieden der Situation zu stören ? Sie möchten den Nicodemus mit dem Pinsel gern geißeln , Leidenfrost ! Geht Das ? O ! rief dieser , prügeln möcht ' ich ihn und nicht blos mit dem Pinsel ! O nein ! fuhr Wildungen lachend fort , bleiben wir in der Welt meines Tuschkastens ! Liegt nicht in des Heilands ernstem Blicke schon die ganze versöhnende Kritik seines nächtlichen Besuches ? Wird Nicodemus nicht demüthig zur Erde schauen müssen und sich verneigen mit gekreuzten Armen , wie der Andächtige vor dem Crucifix ? Versöhnt Das nicht ? Und er kommt ja doch ! Er folgt ja doch zu irgend einer Stunde dem innern Rufe , wenn auch nur bei Nacht ! Er büßt doch seinen Fehler dadurch , daß .. er ihn büßt ! Mehr als das bloße » Doch kommen « , » doch dem innern Drange Erliegen « mehr würde Strafe sein , unmöglich vorauszusetzen in der Absicht des Erlösers . Ich theile wie Sie den Zorn über die täglich uns begegnenden Menschen , die nicht den Muth ihrer Überzeugung haben , aber ich gestehe , ich habe mit der schwierigen Lebensstellung eines Pharisäers , wie Nicodemus , soviel Mitleid , daß ich ihn liebe , voll Wehmuth liebe , liebe seiner Schwäche wegen . Und gestehen Sie doch , wenn ein reicher Mann und gefeierter Schriftgelehrter zum Herrn kommt , ist ' s doch wol etwas mehr , als wenn arme Fischer und Handwerker von vornherein sich gleich zu ihm hielten ? Hm ! brummte Leidenfrost . Zumal wenn man bedenkt , daß die Tausende von Müssiggängern , die diesem galiläischen Wanderprediger nachliefen , sich manchmal , um satt zu werden , mit fünf Broten und zween gebacknen Fischen begnügen mußten ... Gut ! Gut , Wildungen ! Malen Sie Ihren Nicodemus , zu deutsch : Ihren Herrn von Volksbezwinger so , wie er für die fromme , weichmüthige Welt paßt und im Gethsemane gewiß bei Hofe großen Effect machen wird .. schon der Fackelbeleuchtung wegen .. Aber , wenn ein Anderer einmal den Gegenstand ergriffe ... Schweigen Sie endlich ! rief Heinrichson nicht ganz im Scherz . Ihre verdammte Ideenfülle , Leidenfrost , macht uns noch Alle confus ! Wenn wir einen guten Gedanken zu haben glauben , so setzen Sie immer noch einen Trumpf darauf und bringen uns in Verwirrung ... Reichmeyer stimmte dieser Bemerkung kräftigst bei und wünschte die Kritik zu allen tausend Teufeln ... Malt was Ihr wollt ! sagte Leidenfrost kurz und bündig und kehrte zu seiner Staffelei zurück , auf der er architektonische Prospecte angefangen hatte . Siegbert aber fuhr ungestört und nicht im geringsten zürnend in seiner Bleistiftskizze fort . Wie kann Euch aber , sagte er , nachdem Alle wieder an ihre Arbeiten gegangen waren , zu den beiden zürnenden Genossen , wie kann Euch eine fremde Auffassung nur irre machen ! Ihr wißt , daß ich mit dem Namen des Künstlers nicht so oft um mich werfe , wie so viele Pfuscher unserer Kunst ; aber darin hab ' ich mich wirklich doch als Künstler weg , daß ich nicht von jedes Andern Idee so rasch ergriffen werde , um aus meiner eignen Anschauung , aus dem mir nothwendigen Leben des Gemüths und den Grenzen meiner Phantasie herauszukommen . Ich wünschte gerade , daß Leidenfrost aufrichtig sagte , wie er diesen Stoff behandeln würde ! Was thut Das ? Ich müßte mir vorkommen , als wäre meine Malerei mein Elend und Jammer , wenn ich vor der Ideenwelt der Andern immer gleich erschräke ! Diese Meinung theil ' ich nicht , sagte Reichmeyer . Hat man von einer andern Auffassung den Effect erkannt , so bin ich der unglücklichste Mensch , wenn ich bei meiner eignen , die vielleicht nüchterner ist , bleiben muß ... Diese Empfindung , antwortete Siegbert , haben Sie nicht aus Italien , sondern aus Paris mitgebracht . Sie Glücklicher , Sie hatten die Mittel , auf Reisen zu gehen und wählen Paris für Rom und Florenz ! Was haben Sie bei Vernet und Delaroche gelernt ? Vortreffliche Farbenzusammenstellungen , rasche Pinselführung , aber auch eine knechtische Verehrung vor dem Götzen Effect , den Ihnen unser guter treuer Eckart der Kunst , Professor Berg , nicht wieder austreiben kann . Ihr seid die