andere erheben wollen ? « » Lieber Orest , « sagte Corona , » bedenk ' es wohl ! Es ist jetzt mit Dir dahin gekommen , daß Du die göttliche Offenbarung der christlichen Glaubenslehre , auf welcher die christliche Sittenlehre beruht , verwirfst - und zwar deshalb , weil dies himmlische Sittengesetz , das den Menschen zur Heiligkeit führen soll , in der katholischen Kirche gelehrt und aufrecht gehalten wird , während sie zugleich die Mittel der Gnade aufbewahrt und spendet , die den Fortschritt zu diesem Ziel ermöglichen . Du hast Dich von demselben abgewendet ; Du entsagst dem Streben nach himmlischen Gütern , dem Kampf für Pflicht und Tugend ; Du verwirfst die erhabene Glaubenslehre , welche Dir in dem Streit zwischen Gutem und Bösem , der in keiner Menschenbrust rastet , übernatürliche Waffen bietet ; Du läßt Dich besiegen von irdischer Leidenschaft ; und dann sprichst Du von rechtschaffenen Menschen außerhalb der Kirche , als ob Du nach einer Vortrefflichkeit strebtest , die innerhalb derselben nicht zu finden wäre - und fast in einem Atem von der Gleichgültigkeit aller Regionen . Kannst Du bei einer solchen inneren Verwirrung denn überhaupt einen Entschluß fassen wollen ? « » Du machst mich verwirrt mit Deinen Widersprüchen und Einwürfen ! « rief Orest zürnend . » Ich weiß , was ich tun will und Du weißt es jetzt auch . Hättest Du mir die Hand geboten zur friedlichen Lösung unseres traurigen Verhältnisses , so hättest Du mir einen Gewaltschritt erspart . Der komme auf Dein Gewissen . Du treibst mich in die Arme des Protestantismus ! « » Gerade so , wie Gott Dich auf den Weg des Verderbens führt - nicht wahr ? « sagte Corona mit trübem Lächeln . » Das gehört zusammen ! Gott und der Nächste müssen unsere Schuld tragen , wenn wir anders nicht mit ihr fertig werden können . « » Willst Du die Verantwortung nicht übernehmen , « rief er , » wohlan ! so bleibe sie mir ! Ich fürchte mich nicht davor . All ' diesen kirchlichen Gesetzen gegenüber hat das Menschenherz seine unverlierbaren Rechte ; die nehme ich in Anspruch - und mit ihnen werde ich mich vor Himmel und Erde ohne Scheu verantworten . « » Orest ! « rief Corona flehend , » erbarme Dich Deiner Seele ! Du wirfst die Religion von Dir , wie eine lästige Kette , weil sie Deine bösen Leidenschaften in Fesseln halten will . Ach , Orest ! Du wirst untergehen als das Opfer dieser Leidenschaften , denen Du den Zügel schießen lassen willst . « » Bah ! untergehen ! .... Das könnte mir in dem verzweiflungsvollen Druck der Gegenwart geschehen ; aber nie in meiner Freiheit ! « rief Orest . Plötzlich setzte er hinzu : » Adieu ! « sprang über den Wagenschlag hinweg , ohne sich Zeit zu nehmen halten zu lassen , und eilte einem Seitenwege zu , weil er in der einsamen Frauengestalt , die dort wandelte - Judith zu erkennen glaubte . Corona erschauerte vor einer solchen Gefangenschaft aller höheren Seelenkräfte . » Er ist ja willenlos gebannt an diese Judith ! « seufzte sie und ließ den Heimweg einschlagen . » Ob sie auch eine solche Leidenschaft für ihn hat ? ob sie sich aus Überzeugung taufen läßt ? und wenn das sein sollte - könnte sie nicht dahin gebracht werden , ihm als Christin zu entsagen ? « - Sonnenuntergang Uriel war noch immer zu Windeck . Er konnte sich nicht entschließen , Onkel Levin zu verlassen . Dankbarkeit , Verehrung und Liebe fesselten ihn an den Greis . Ihm war zu Sinn , als müsse er die ganze Familie in dem Ausdruck zärtlichster Ehrfurcht vertreten und als bleibe sie dennoch eine ewige Schuldnerin dieses Greises , der ihnen allen , seit vier Generationen , das schönste Beispiel in eindringlichster Weise gepredigt hatte : demütige Selbstverläugnung ; nie durch Worte , immer durch die Tat . Welch ' ein Opfergeist gehörte dazu , um ein ganzes , langes Leben freiwillig in der Abhängigkeit zuzubringen und in der untergeordneten Stellung zu verharren , welche der Weltgeist ihm anwies ! welch ' eine übernatürliche Liebe , um gerade von dieser Stellung aus , mit unerschütterlicher Energie einer in Gottes Langmut wurzelnden Geduld , den Weltgeist zu bekämpfen ! welch ' eine Kette von Seelenschmerzen , von Sorgen , Mühen und Arbeiten um und für Seelen wickelte sich aus jeder Stunde , jedem Tage , jedem Jahre dieses Lebens ab ! Und niemand hatte ein Auge für diese unvergleichliche Selbstverläugnung ! Keinem fiel es ein , daß dazu eine himmlische Tugend gehöre ! Daß die Glücklichen der Welt ihres Glückes überdrüssig und ihrer Freuden müde werden : man begreift es , man findet es in der Ordnung , denn der Mensch ist nun einmal so geschaffen , um den Wechsel zu lieben und im einerlei - selbst des Glückes - zu erschlaffen . Daß aber Onkel Levin je seiner Opfer , seiner Entsagung , seiner Verdemütigung hätte müde werden können , daran hatte man nie gedacht und daher war ihm auch nie die Anerkennung seiner Vollkommenheit zu Teil geworden . Man brauchte ihn zu Rat und Tat , dann vergaß man ihn , und er war so gleichgültig gegen sich selbst , daß er sich mild alle Vernachlässigung gefallen ließ , um stets , als stiller Schutzengel des Hauses , Gnadenstrahlen auf dasselbe herab zu ziehen durch das hochheiligste Opfer , durch das unermüdliche Gebet . Mehr und mehr erkannte Uriel , daß die demütige Seele die große Seele ist ; denn die Demut macht den Menschen leer von sich selbst und dadurch fähig , die Gnadenkraft , die von Gott kommt , die aufwärts hebt und groß und stark macht - in sich aufzunehmen . Und die Welt hält die christliche Demut für niedrige Gesinnung , seufzte Uriel bei sich selbst ; ach , sie ist ja die Grundlage der wahren Größe , der