. 7. Bis sechs Uhr hatte Bonaventura auf die Rückkehr des Mönchs gewartet und er hätte dann lieber wünschen mögen , er wäre nicht gekommen ... Der Pater kam in einer Aufregung , die ihm wahrhaft beängstigend wurde . Gleich die Art , wie er von den mit ins Grab genommenen Lesarten des Origines , dem wirklich erfolgten Tode des bewußten Domherrn , dann von Bonaventura ' s Aussichten auf dessen Stelle sprach , war für sein Gefühl verletzend ... Dann führte er ihn wie in blinder Wahl einem Thore zu ... Er versprach ihm den angenehmsten Eindruck von einer Promenade um die alten Wälle der Stadt . Einige der letztern waren zu öffentlichen Vergnügungen bestimmt . In mäßiger Entfernung von einem solchen , den man den Apostelgarten nannte , beredete er Bonaventura , sich mit ihm auf eine im Gebüsch versteckte Bank zu setzen und durch eine Oeffnung der Gesträuche dem Treiben in dem überfüllten Lokale zuzusehen . Da und dort standen Tische und Lauben , die immermehr sich besetzten und füllten ; Kellner und Kellnerinnen schritten hin und wieder von einem nach außen angebrachten Büffet eines einstöckigen langen Hauses . Rings hatte das Auge die Aussicht auf Häuser und Gärten , auf alte zerklüftete Mauerreste , hier auf einen wohlerhaltenen epheuumwundenen Thurm , dort auf eine baumbeschattete Kapelle , in weiterer Entfernung auf eine neue Ringmauer , Theile neuer Befestigungen , dann über sie hinweg auf die Kette der Sieben Berge - alles das vermochte auf einige Zeit zu fesseln ... Sogar eine Nachtigall schlug plötzlich und der Mönch lachte über seinen Begleiter , der nicht sogleich entdeckte , daß dieser nach der Jahreszeit völlig unmögliche Ruf von einem Künstler kam , der drüben die Vogelstimmen nachahmte . Hören Sie nur ! rief der Pater , als Bonaventura die Kunst des Mannes bewundern mußte , der bald auch die Lerche steigen und die Amsel singen ließ , die halbe , nicht fertig gewordene Nachtigall , wie Sebastus sie nannte . Sehen Sie nur den Menschen ! fuhr er fort . Ist es nicht ganz ein Affe ! Und doch hat er so sein Ohr erzogen ! Wie er den kleinen Nachschleifer trifft , wenn Hans Kanarienvogel mit der Roulade fertig ist und ganz armselig hintennach noch ein kindisch Tönchen gibt , als wäre der große , mächtige Triller vorher gar nicht so majestätisch gemeint gewesen ! Wie dumm sieht der Mensch aus und alles das hat er belauscht im Walde und auf dem Vogelmarkt ! Auf Noten steht das nirgends geschrieben ! Ich wünschte , daß Sie ihm für diesen Blick in die Natur einen Groschen schenkten ; ich habe kein Geld ... Der Vogelmensch kam jedoch nicht . Er sah die beiden Geistlichen , verbeugte sich in der Ferne und ging ... Nun spielten drei Mädchen zugleich mit einem Alten ein Concert . Eins spielte die Harfe , zwei die Geige , der Alte strich das Violoncell ... Bonaventura wollte gehen ; aber der Mönch , der sein geistlich Kleid ganz vergessen zu haben schien , sagte : Wie das toll ist , wenn Mädchen die Geige streichen ! Die Spielerinnen waren keine Kinder mehr . Aufgenestelten Haares , mit versilberten Pfeilen in den Flechten , in blauen Kleidern mit rothen Shawls , die sie vor ihrer Production abgelegt hatten , strichen sie die Geige , herausfordernd , sicher und trotzig . Vorher hatten sie Handschuhe ausgezogen ... In alten Tagen , sagte der Mönch , konnt ' ich nun einer solchen Vagabunden-Romantik nicht widerstehen ! An solches Volk mußt ' ich herantreten , mußt ' es nach seiner Heimat fragen und aus ihm heraus mir Poesie des Lebens locken ... Nur hölzerne und lackirte Sirenenköpfe sind ' s ! Ganz , wie sie auf der hamburger Rhede auf die Brust der Dreidecker gestellt werden ! Und als weilte des Mönches Phantasie jetzt auf dem Hamburger Berge , so fummte er für sich hin und sinnend im Heine ' schen Tone : Es kichern und lachen die Geigen Wie Mädchen , trunken vom Wein , Die Clarinetten meckern Wie Böcke und Satyrn hinein ; Die Flöte schluchzt , wie wenn dem Monde Des Schneiders Herz klagt , was es litt ! Der Baß und die Pauke , die Alten , Die reiten zum Blocksberg mit ! Bonaventura erhob sich . Der Mönch folgte wie in taumelndem Schritte ... Wol eine halbe Stunde gingen beide völlig lautlos nebeneinander ... Bonaventura , erschreckt von der noch so offenbaren Unfertigkeit des neuen Gebäudes im Innern seines Begleiters , dessen Gerüst Pater Sebastus doch mit soviel weithin in die Welt hinausschallenden Axtschlägen gezimmert hatte ... Dieser selbst mit ersichtlich sich hebender Brust , kämpfend und ringend mit Dämonen der Erinnerung ... Ja , Sie Glücklicher ! sagte er nach einer Weile zu Bonaventura , obgleich kein Wort des Vorwurfs von dessen Lippen gekommen ... Wieder ein langes Schweigen ... Dann blieb in einer Straße , auf dem Römerwege , der Mönch stehen und sagte : Das da ist das Karmeliterinnenkloster ! Ich kann es nicht sehen , ohne zu ahnen , daß auch mein Lebensloos einst ... Du guter Pater Ivo ! ... Lang und hager schreitet unser Pater Ivo dahin , grüßt niemanden , ist immer nur mit sich selbst beschäftigt ... Morgens , Mittags , Abends vollführt er das Amt unseres Tafeldeckers ... Er hütet streng seinen alten Wandschrank , in dem unsere hölzernen Teller , unsere Krüge , unsere Brotmesser liegen ... Sorgsam deckt er den Tisch ... Nie wird er den Teller des einen mit dem des andern vertauschen ... redet man ihn aber an , so hört er nicht ... Tief ist er mit sich , mit seinen Tellern und mit seinen Geistern beschäftigt ... Früher waren es Fliegen , die er so in Gedanken haschte ... Ivo hatte ein schönes Schloß , in unsern Bergen ... er erklärte es verkaufen zu müssen , weil es von Fliegen wimmelte ... Niemand sah diese Fliegen ; nur