standen , an , und ging die glatte , schöne Treppe hinunter . Als ich in die Mitte derselben gekommen war , wo sich der breite Absatz befindet , hielt ich an ; denn das war das Ziel meiner Wanderung gewesen . Ich wollte die altertümliche Marmorgestalt betrachten . Selbst heute in dem bleiernen Lichte , das durch die Glaswölbung , welche noch dazu durch das auf ihr rinnende Wasser getrübt war , gleichsam träge nieder fiel , war die Erscheinung eine gewaltige und erhebende . Die hehre Jungfrau , sonst immer sanft und hoch , stand heute in den flüssigen Schleiern des dumpferen Lichtes zwar trüb , aber mild da , und der Ernst des Tages legte sich auch als Ernst auf ihre unaussprechlich anmutigen Glieder . Ich sah die Gestalt lange an , sie war mir wie bei jedem erneuerten Anblicke wieder neu . Wie sehr mir auch die blendend weiße Gestalt der Brunnennymphe im Sternenhofe nach der jüngsten Vergangenheit als liebes Bild in die Seele geprägt worden war , so war sie doch ein Bild aus unserer Zeit , und war mit unseren Kräften zu fassen : hier stand das Altertum in seiner Größe und Herrlichkeit . Was ist der Mensch , und wie hoch wird er , wenn er in solcher Umgebung , und zwar in solcher Umgebung von größerer Fülle weilen darf . Ich ging langsam die Treppe wieder hinan , und ging in den Marmorsaal . Seine Größe , seine Leerheit , der , wenn ein solches Wort erlaubt ist , dunkle Glanz , der von dem dunkeln und mit ungewissen und zweideutigen Lichtern wechselnden Tage auf seinen Wänden lag und wechselte , ließ sich nach dem Anblicke der Gestalt des Altertums tragen und ertragen . Ja der Saal erschien mir in dem finstern Tage noch größer und ernster als sonst , und ich weilte gerne in ihm , fast so gerne wie an jenem Abende , an welchem ich mit meinem Gastfreunde unter dem sanften Blitzen eines Gewitterhimmels in ihm auf und ab gegangen war . Ich ging auch jetzt wieder in demselben hin und wider , und ließ den Sturm draußen mit seinen trüben Lichtern , die Wände herinnen mit ihrem matten Glanze und die Erinnerung der eben gesehenen Gestalt in mir wirken . Nach einer Zeit trat ich durch die Tür , welche in das Bilderzimmer führt . Die Bilder hingen in dem düsteren Glanze des Tages da und konnten selbst dort , wo der Künstler die kraftvollsten Mittel des Lichtes und Schattens angewendet hatte , nicht zur vollen Wirksamkeit gelangen , weil das , was die Bilder erst recht malen hilft , fehlte , die Macht eines sonnigen und heiteren Tages . Selbst als ich zu einigen , die ich besonders liebte , näher getreten war , selbst als ich vor einem Guido , der auf der Staffelei stand , die nahe an das Fenster und in das beste Licht gerückt worden war , niedersaß , um ihn zu betrachten , konnte die Empfindung , die sonst diese Werke in mir erregten , nicht emporkeimen . Ich erkannte bald die Ursache , welche darin bestand , daß ohnehin eine viel höhere in meinem Gemüte waltete , welche durch die Gestalt des Altertums in mir hervorgerufen worden war . Die Gemälde erschienen mir beinahe klein . Ich ging in das Bücherzimmer , nahm mir Odysseus aus seinem Schreine , begab mich in das Lesezimmer , in welchem die gesellige Flamme , die Freundin des Menschen , die ihm in der Finsternis Licht und im Winter des Nordens Wärme gibt , hinter dem feinen Gitter eines Kamines freundlich loderte , und in welchem alles auf das reinlichste geordnet war , setzte mich in einiger Entfernung von dem Fenster in einen weichen Sitz , und begann unter dem Prasseln des Regens an den Fenstern von der ersten Zeile an zu lesen . Die fremden Worte , die als lebendig gesprochen einer fernen Zeit angehörten , die Gestalten , welche durch diese Worte in unsere Zeit mit all ihrer ihnen einstens angehörigen Eigentümlichkeit heraufgeführt wurden , schlossen sich an die Jungfrau an , welche ich auf der Treppe hatte stehen gesehen . Als Nausikae kam , war es mir wieder , wie es mir bei der ersten richtigen Betrachtung der Marmorgestalt gewesen war , die Gewänder des harten Stoffes löseten sich zu leichter Milde , die Glieder bewegten sich , das Angesicht erhielt wandelbares Leben , und die Gestalt trat als Nausikae zu mir . Es war auch die Erinnerung jenes Abends gewesen , die heute meine Hand , als ich von der Treppe in den Marmorsaal und in das Bilderzimmer herauf gekommen war und in diesen keine Befriedigung gefunden hatte , zu den Worten Homers im Odysseus greifen ließ . Als die Helden das Mahl in dem Saale genossen hatten , als der Sänger gerufen worden war , als die Worte jenes Liedes vernommen worden waren , dessen Ruhm damals bis zu dem Himmel reichte , als Odysseus das Haupt verhüllt hatte , damit man die Tränen nicht sähe , welche ihm aus den Augen flossen , als endlich Nausikae schlicht und mit tiefem Gefühle an den Säulen der Pforte des Saales stand : da gesellte sich auch lächelnd das schöne Bild Nataliens zu mir ; sie war die Nausikae von jetzt , so wahr , so einfach , nicht prunkend mit ihrem Gefühle und es nicht verhehlend . Beide Gestalten verschmolzen in einander , und ich las und dachte zugleich , und bald las ich , und bald dachte ich , und als ich endlich sehr lange bloß allein gedacht hatte , nahm ich das Buch , das vor mir auf dem Tische lag , wieder auf , trug es in das Bücherzimmer auf seinen Platz , und ging durch den Marmorsaal und den Gang der Gastzimmer in meine Wohnung zurück . Das Werk des Vormittages war abgetan . Am Mittagtische fanden sich wieder dieselben Personen ein , welche bei dem Frühmahle