Rast . — Da war es endlich Nacht . Der Erdball drehte sich noch immer in blinder Gesetzlichkeit um die verkohlte Masse , die ihm einst Sonne war . Doch das nächtige Firmament war klar und wolkenlos , denn der abgestorbenen Erde entstiegen keine Dünste mehr , die sich verdichten und den Strahl der Sterne hemmen konnten . Und Ernestine sah bei ihrem Schein die tote Erde mit ihren unermeßlichen Bergen und Tälern von Eis , den gefrorenen Flüssen und Meeren — und der ewigen Stille und Ruhe , ein riesiges Grabmal alles Lebens . — „ Aber wo , wie , in welcher Gestalt regen sich nun die verwandelten Kräfte dieser verbrauchten Welt , “ fragte Ernestine , „ denn verloren geht ja nichts im All ? ! “ „ Ach Du lieber Gott , da sitzt sie in der kalten Küche und träumt , “ ertönte plötzlich eine frische , helle Stimme . „ Kein Feuer auf dem Herd , keine Suppe gekocht — oder doch ? Ja , aber wie : ganz verbrannt ! Gute Ernestine , was hast Du denn wieder gemacht ? “ Ernestine war aufgesprungen und starrte die Sprecherin an , als käme sie aus einer andern Welt . Gretchen , denn diese war es , legte ein paar Schulbücher weg , die es unter dem Arm hatte , warf Kapuze und Mantel ab und machte sich über den verwahrlosten Suppentopf her . „ Richtig , da hast Du zuerst ein furchtbares Feuer angezündet und Dich dann nicht mehr darum gekümmert . Die Brühe ist nicht abgeschäumt , das Rindfleisch angebrannt und doch noch halb roh . Du hast seit wenigstens einer Stunde nichts mehr nachgelegt . “ „ Ach , es ist aber auch schlimm , daß wir noch meine Uhr verkaufen mußten , “ entschuldigte sich Ernestine . „ Nun weiß ich gar nicht mehr , wie ich daran bin . “ „ Ach geh , “ schalt Gretchen , „ Du siehst doch , ob die Suppe kocht oder nicht , und ob das Feuer brennt oder nicht . Dazu brauchst Du keine Uhr ! Wenn man recht will , geht Alles ! Du hast mir oft genug bewiesen , daß Du schon ganz ordentlich kochen kannst , wenn Du Dir Mühe gibst . Aber man kann Dir nicht einmal Suppe und Rindfleisch anvertrauen , weil Du Alles vergißt , wenn Dir was durch den Kopf geht . “ „ Gretchen , sei nicht böse , “ bat Ernestine . „ Ach ’ s ist ja wahr , nun ist wieder das liebe , sauer verdiente Gut verdorben , wir haben keinen Groschen mehr im Haus und ich bekomme morgen erst mein Stundengeld . “ Gretchen traten vor Unmut die Tränen in die Augen : „ Es ist mir ja mehr um Dich als um mich , — ich bin stark und brauche kein Fleisch , — aber Du , Du hättest doch an Dich denken sollen , wenn nicht an mich ! “ Ernestine sah verlegen bald in die Kasserole bald auf Gretchen . „ Du hast Recht , “ sagte sie , „ es ist erbärmlich von mir , nicht einmal dafür zu sorgen , daß Du armes Kind , wenn Du ermüdet von dem schweren Tagewerk heimkehrst , womit Du Deinen und meinen Unterhalt bestreitest , einen warmen , genießbaren Bissen findest . Ich bin wirklich ein recht unnützes Geschöpf . “ Gretchen war durch diese Entschuldigung schnell versöhnt , sie lachte schon wieder und schlang ihre Arme um Ernestinens Hals : „ Ach meine schöne , große , geistvolle Schwester , ich bin recht häßlich , Dich zu schelten . Da steht sie nun , diese königliche Ernestine und bittet um Verzeihung wie ein armes Aschenbrödel wegen einer verbrannten Suppe . Beruhige Dich , meine Seele , Du weißt es nicht , wie rührend , wie verehrungswürdig Du mir in dieser Demut erscheinst . Schau , niederknien möcht ’ ich vor Dir , wenn Du ’ s nur leiden wolltest . “ Sie drückte einen Kuß auf Ernestinens Lippen : „ Ach Gott , das arme , verlegene , bekümmerte Gesichtchen . Glaub , süße Ernestine , den Anblick dieses Gesichtchens gebe ich nicht her um alle Mahlzeiten der Welt , “ und sie brach in ein reizendes , kindliches Lachen aus . Ernestine umschlang sie : „ Du verziehst mich , “ sagte sie weich . „ O nein , das muß ich mir sehr verbitten , “ rief Gretchen , „ ich erziehe Dich . Aber nun ist genug geschwatzt . Gehandelt muß werden und zwar rasch , denn ich muß um zwei Uhr wieder in meine Schule . Nüchtern können wir heute nicht bleiben . Das Fleisch müssen wir für heute Abend ausheben , es wird bis zwei Uhr nicht mehr gar . Es hilft nichts , wir müssen uns einen Eierkuchen erlauben . “ „ Aber den laß mich machen , “ rief Ernestine , „ setze Dich ruhig hin und raste , denn Du bist ermüdet . “ „ O , Dich soll ich ihn machen lassen ? “ fragte Gretchen . „ Das wäre schön , wenn Du ihn auch noch verdirbst , dann haben wir gar nichts mehr zu essen , denn sieh “ — sie zog die Mehlschublade auf , „ wir haben gerade noch Mehl für einen einzigen Eierkuchen , „ entrönne dieser kraftlos meinen Händen , ich hätte keinen zweiten zu versenden , “ sagt Schiller . “ „ Gretchen , “ bat Ernestine , „ ich verderbe ihn gewiß nicht , ich möchte so gerne meine Ehre vor Dir herstellen , laß mich ’ s nur versuchen . “ „ Liebste , beste Ernestine , “ klagte Gretchen , „ glaub mir nur , zum Experimentieren reicht es nicht mehr bei uns . So lange wir noch Geld hatten , kam es mir auf ein verpfuschtes Gericht mehr oder weniger gewiß nicht an , aber jetzt