zurück ; nennst Du das treulos sein ? « Corona barg ihr Gesicht in den Händen , so grenzenlos fühlte sie sich niedergebeugt und beschämt , daß Orest zu einer solchen Gesinnung habe herabsinken - so ganz aus dem Gnadenleben habe heraustreten können . Aber wo kein Glaube ist , da ist auch keine Gnade ; da ist der Mensch der sündigen Macht seines von Gott abgelösten und dem Wirbelwind der Leidenschaften preisgegebenen Herzens elend unterworfen ; da wird er für alles höhere und namentlich für die Pflichterfüllung , die ja immer mehr oder minder ein Opfer ist , dermaßen abgestumpft , daß er keine andere Pflicht mehr anerkennt , als die - der Selbsterhaltung , wenn nicht leiblicher , so doch geistiger Weise , und auf deren Rechnung die Befriedigung all ' seiner Neigungen schreibt ; da heißt sein Programm fürs Leben kurz und bündig : mein Ich soll glücklich sein ! Corona fragte mit mühsam erzwungener Fassung : » Lieber Orest , solltest Du wirklich so abgestumpft sein , um keine Ahnung von der Schmach zu haben , welche Du auf Dich , auf Deine Familie , auf Deinen Namen herabziehst , wenn Du einer jüdischen Sängerin zuliebe die heiligsten Bande mit Füßen trittst und Dich zugleich vom Glauben und von Weib und Kind lossagst ? « » Für den Augenblick wird die Sache allerdings einiges Aufsehen machen und für ein Jahr oder zwei wird meine oder Judiths Stellung in der Gesellschaft nicht eben angenehm sein . Das hab ' ich wohl erwogen und deshalb beschlossen , mich mit ihr für einige Zeit in weiter Ferne niederzulassen . Aber die Welt vergißt schnell und ist zur Nachsicht geneigt für alles , was Liebesverhältnisse betrifft ; denn sie besteht aus Individuen , die sehr wohl wissen , daß ihnen in der Vergangenheit , der Gegenwart oder der Zukunft ähnliche Nachsicht willkommen war , ist , oder sein wird . Deshalb ist nach einigen Jahren alles vergessen und vergeben und meine Stellung in der Welt ganz die alte . Auch meine Familie wird sich versöhnen lassen ; denn wozu wäret Ihr alle so enorm fromm , wenn Ihr Euch nicht mit dem Gedanken vertraut machen könntet , daß Gott mir andere Wege zugewiesen hat als Euch . « » Keine Gotteslästerung , Orest ! die will ich nicht hören ! « rief Corona lebhaft . » Du hast , was wir haben : Gottes Gnade und Deinen freien Willen . Stürzest Du Dich ins ewige Verderben , indem Du göttliche Gesetze verachtest , um den Gesetzen Deiner sündhaften Natur zu folgen , so ist das nicht Gottes Fügung , sondern Dein Widerspruch gegen seine Fügungen , sondern derselbe Ungehorsam , der einst Luzifer aus dem Himmel und Adam aus dem Paradiese stürzte . Und mit der entsetzlichen Vorstellung , Dich in der Feindschaft Gottes , Dich auf dem Wege zum ewigen Tode , Dich ausgeschlossen von Gottes Gnade und Herrlichkeit zu wissen , darf und wird Deine Familie sich nie versöhnen . Sie muß darüber untröstlich sein und bleiben . Was die Gesellschaft betrifft , und ob sie die niedrigen Ansichten hat , die Du ihr zuschreibst - bleibe dahingestellt . Eines aber weiß ich : hat sie allzu große Nachsicht mit sträflichen Liebesverhältnissen , so ist sie doch unerbittlich in Bezug auf diejenigen Ehebündnisse , welche nur geschlossen werden konnten , indem ein Teil oder beide vom katholischen Glauben abfielen . Diese sind für immer von der Gesellschaft - ich spreche von der katholischen - ausgeschlossen und tragen das Brandmal der Bigamie . Bei jedem strafbaren Liebesverhältnis darf man die Hoffnung hegen , daß die Beteiligten zur Besinnung kommen , von ihrer Schwäche sich aufraffen und die entsetzliche Gottesbeleidigung , die sie sich zu Schulden kommen lassen , erkennen , bereuen und sich zu ihrer Pflicht bekehren werden . Ist aber der Abfall vom Glauben geschehen , um das Eheband , das sie als ein unauflösliches kennen , scheinbar zu beseitigen und scheinbar ein neues zu knüpfen , so beweist dieser Schritt , daß sie sich mit Besonnenheit und Überlegung entschlossen haben , für ' s Leben der Zeit und der Ewigkeit in der Trennung von Gott , welche durch die Todsünde bewirkt wird , zu verharren . « » Die protestantische Welt ist vernünftiger ! « erwiederte Orest gelassen . » Hast Du Achtung vor ihrer Auffassung der Ehe ? « » O , das ist gar nicht nötig ! ich will , daß sie vor mir Achtung habe und Judith als meine rechtmäßige Frau anerkenne . Und das tut sie , wenn ich protestantisch werde . Mehr verlang ' ich nicht . Sie öffnet mir die Arme ; Ihr sprecht Bann und Interdikt wider mich : da ist es ganz natürlich , wenn ich mich dahin wende , wo ich liebevoll aufgenommen werde . « » Ja ! « sagte Corona grenzenlos traurig , » so macht es die gefallene Natur : sie wendet sich dahin , wo ihr geschmeichelt , wo ihr der herbe Kampf der Selbstverläugnung erspart wird . Das ist gerade so , wie wenn ein Kind das Vaterhaus verließe , um sich leichtsinnigen Kameraden anzuschließen , und dann behauptete , diese meinten es besser mit ihm , als seine Eltern , denn sie hießen seine Torheiten gut , hingegen wollten die Eltern sie nicht dulden . « » Es gibt unter den Protestanten höchst rechtschaffene und vortreffliche Menschen , « sagte Orest . » Das ist kein Grund , um vom Glauben abzufallen , « entgegnete Corona , » denn wenn er gültig wäre , so könnte man auf denselben Grund hin ein Renegat des Christentums werden : es soll unter den Muhamedanern ebenfalls sehr rechtschaffene Menschen geben . « » Daraus geht hervor , daß alle Religionsformen vollkommen gleichgültig sind , « sagte Orest . » Da der Christ nichts voraus hat vor dem Muselman und dem Buddhisten - wie könnte dann wohl im Christentum selbst die eine Konfession sich über die