, “ sagte Ernestine zu sich selbst und sah brütend durch die blinden Scheiben des kleinen Fensters , an dem sie saß , auf die nahen Dächer der Hofgebäude , die ihre Aussicht bildeten . Sie lagen voll Schnee , auch das äußere Gesims war weiß . Ernestine kauerte sich zusammen und wickelte die Hände in die baumwollene Schürze , die sie trug . „ Nun , ich wollte ja Alles kennen , warum nicht auch die Not , den Hunger , die Kälte — diese großen Feinde , mit denen das Menschengeschlecht zu ringen hat ? Ich hätte soviel über die Enthaltsamkeit philosophiert , da ich noch in der warmen Stube am gedeckten Tische saß — und sollte nun verzagen ? Nein , der muß erst geboren werden , der mich um Hilfe rufen hört . “ Sie stand auf und ging festen Schrittes in dem engen Raum auf und nieder . Es war eine finstere Mansarde , eine Art Küche , wenigstens stand ein Kochofen und ein Schrankchen mit etwas Geschirr darin . Der Boden war mit Steinen gepflastert . Ernestine fror an den Füßen . „ Was mag die Uhr sein ? “ dachte sie . „ Der Briefträger muß doch bald kommen . Es ist schrecklich , so ganz ohne Zeiteinteilung leben zu müssen . “ Sie horchte , ob sie keine Kirchenuhr schlagen höre . Sie trat zu dem Zweck an das Fenster und ihr Auge irrte über die weißen Dächer hin nach einer ferne aufragenden Turmspitze . Nicht einmal die Sonne war zu sehen durch die dichte Schneeluft . Es war ein echter Wintertag . Geradeüber hauchte ein kleiner Junge runde Gucklöcher in die gefrorenen Scheiben und ein paar blaue Kinderaugen lugten hindurch zu ihr herüber . Sie nickte ihm , sie kannte den herzigen Nachbarsbuben gar wohl . Das Köpfchen hinter den aufgetauten Löchern nickte gleichfalls . Sie dachte an den kleinen Kay und an ihre nordischen Winter.118 — Da fing der Schnee vor dem Fenster sich an zu heben , wie eine weiße Wolke . Er verschleierte ihr den Ausblick , er formte sich allmählich zu einer menschlichen Gestalt , er bildete ein weites , wallendes Kleid ; da begann zu funkeln und zu glitzern wie von silbergefaßten Diamanten übersät und ein Schleier wehte in den Lüften von gefrorenen Spinnenfäden gewoben . Unter dem Schleier aber schaute ein weißes Antlitz zu ihr herein , mit starren durchsichtigen Augen wie von Kristall und ein Diadem von Eistropfen glänzte auf dem schönen Haupte , das waren die Tränen Aller , die in Schnee und Eis umkamen , seit die Welt besteht und aller der Armen , die hungern und frieren zur Winterszeit ; ein Diadem , wie es reicher an Perlen kein Monarch der Erde aufzuweisen hat . Einen Schild trug die mächtige Gestalt in der Hand , das war eine der Eisschollen , an denen die unzähligen Schiffe der Forscher scheiterten , die sich hinaufgewagt zum Nordpol in das unwirtliche Reich der Schneekönigin . Mit der andern Hand aber führte sie den kleinen Knaben von drüben , denn es gelüstete sie nach ein paar roten Korallen zu ihrem farblosen Ge ­ schmeide , nach ein paar Tropfen warmen Herzblutes . Das war die Schneekönigin aus den Märchenträumen von Ernestinens Kindheit . Aber sie war noch majestätischer , noch finsterer , als damals , und sie sprach eine andere Sprache zu ihr : „ Ich kenne Dich , Du hast mich nie so gefürchtet wie jetzt , da Dich kein warmes Dach , keine feste Mauer mehr vor meinem kalten Atem schützt . Aber ich tu ’ Dir kein Leid , denn Du gehörst zu Denen , die an die Zukunft meines Reiches glauben , die da wissen , daß es sich in tausend und aber tausend Jahren über die ganze Erde verbreiten wird , wenn all ’ die kreisende Kraft umgesetzt und alles Leben in ein anderes umgelebt ist ! Ja , dann ist meine Zeit da — dann ist Ruhe , ewige Eisesruhe hier unten und ich lache der alten , ausgebrannten Sonne , wenn sie da oben hängen wird , eine verglühte Kohle und mich beneiden um den Schimmer meiner diamantenen Palläste , die sie nun nicht mehr schmelzen kann . “ So sprach die Schneekönigin zu der sinnenden Gelehrten und ein stiller Schmerz legte sich wie ein kalter Reif um ihr Herz , der Schmerz um das Ende alles Seins hienieden , der Schmerz um das „ jüngste Gericht einer ewigen Eiszeit , “ wie du Bois sagt . Die Schneekönigin war verschwunden und der kleine Kay mit ihr . Ein dichtes Schneegestöber verhüllte den Weg , den sie nahm . Langsam und schwach , als wären sie eingefroren , und könnten nur schwer lostauen , fielen zwölf Schlage von der Turmglocke hernieder . Ernestine hörte es nicht . Sie saß gebeugten Hauptes am Fenster . Da war es , als riefe die Stimme der entschwundenen Schneekönigin zu ihr herab : „ Tu ’ die Augen auf und siehe ! “ Und Ernestine schlug die Augen auf und sah — sah über Billionen Jahre hinaus . — Da stand die verglühende , licht- und kraftlose Sonne am Himmel , wie eine blutige Scheibe ; die dichten , niederhängenden Wolken waren mit schmutzigem Rot angehaucht und trübe Dämmerung lag über der kalten Erde . Auf der starren Rinde krochen nur noch wenige elende , vertierte Geschöpfe zwischen unwirtlichen Schollen umher und suchten ihr Dasein von den spärlichen Resten einer verkümmerten Vegetation zu fristen . Ernestine wandte schwermütig den Blick ab von dem unsäglich trostlosen Bilde . Aber wieder mußte sie schauen , wie ihr befohlen war . — Wieder zogen Jahrtausende an ihr vorüber . Und immer dunkler wurde es und immer kälter . Die rote Scheibe verblaßte und alle Farbe mit ihr . Ernestine sah Alles nur noch Grau in Grau . Müde vom vergeblichen Kampf hauchte das letzte organische Leben den Todesseufzer aus und legte sich nieder zur ewigen