. Alles ist still ; er nähert sich ihr wiederum , er beugt sich über sie , ein luftiger Schleier ist über sie gebreitet ; er hebt ihn auf , beugt sich tiefer hinab ; jetzt genießen seine Augen die Vision der Schönheit im voraus – der warmen , blühenden , lieblichen , ruhenden Schönheit . Wie flüchtig war ihr erster Blick ! Aber wie starr sie jetzt sind ! Wie er zusammenschrickt ! Wie er jetzt plötzlich und stürmisch die ganze Gestalt , die er vor einem kurzen Augenblick nicht mit einem einzigen Finger zu berühren wagte , mit beiden Armen umschlingt ! Wie laut er einen Namen ruft , seine Last wieder sinken läßt und sie wild anstarrt ! So packt und schreit und starrt er , weil er nicht länger zu fürchten braucht , die Geliebte durch einen Schrei , den er ausstößt , durch eine Bewegung , die er macht , zu wecken . Er glaubte , daß sie ruhig und friedlich schliefe – aber sie ist kalt und tot ! Mit zitternder Freude hatte ich den Blick auf ein stattliches Haus gerichtet : ich sah nur von Rauch geschwärzte Ruinen . Es war nicht mehr nötig , mich hinter einem Thorpfeiler zusammen zu kauern ! scheu nach den Fenstern der Schlafzimmer emporzublicken , aus Furcht , daß es beginnen könne sich hinter denselben zu regen ! Es war nicht mehr nötig , dem Öffnen und Schließen von Thüren zu lauschen – mir einzubilden , daß ich menschliche Tritte auf der Terrasse oder den Kieswegen vernähme . Der Garten , der Park waren niedergetreten und verwüstet ; das Portal gähnte mir in fürchterlicher Leere entgegen . Die Vorderseite des Hauses war so , wie ich sie einst im Traum gesehen , nur eine hohle Mauer , hoch und zerbrechlich aussehend , hier und da durch leere Fensterhöhlen unterbrochen . Kein Dach , keine Zinnen , keine Schornsteine – alles war in Trümmer gefallen . Und überall herrschte die Ruhe des Todes , die Stille einer öden Wildnis ! Kein Wunder , daß auf Briefe , welche an Personen hierher gerichtet gewesen , niemals eine Antwort gekommen war ; ebensogut hätte man Episteln nach dem Grabgewölbe einer Kirche senden können . Die rauchige Schwärze sagte mir , welchem Schicksal das Herrenhaus zum Opfer gefallen – durch Feuersbrunst war es vernichtet . Wie aber war diese entstanden ? Welche Geschichte knüpfte sich an dieses Unglück ? Welcher Verlust war außer dem von Mörtel und Marmor und Holz noch zu beklagen ? Waren auch Menschenleben zerstört sowohl wie Eigentum ? Und wenn – wessen Leben war zu beklagen ? Furchtbare Frage ! Hier war niemand , der mir hätte Antwort geben können . Kein Laut ! kein stummes Zeichen ! Als ich zwischen den geborstenen Mauern und dem zerstörten Inneren des Hauses umher wanderte , wurde es mir klar , daß das unglückselige Ereignis nicht jüngeren Datums sein könne . Es schien mir , daß durch den hohlen Thorbogen bereits der Schnee eines Winters geweht sei ; eisiger Winterregen war durch die leeren Fensterhöhlen gedrungen , denn zwischen den Trümmerhaufen zerstörten Hausrats schoß schon die Vegetation eines Frühlings empor ; hier und dort wucherte Gras und Unkraut gar üppig zwischen den Steinen und herabgestürzten Balken . Und oh ! wo war inzwischen der unglückliche Besitzer dieser Ruine ? In welchem Lande ? Unter welchen Verhältnissen ? Unwillkürlich wanderten meine Blicke zu dem altersgrauen Kirchturm dicht hinter dem großen Einfahrtsthor , und ich fragte : Liegt er neben Damer de Nochester und teilt mit ihm die Ruhe seines engen Marmorhauses ? « Und doch mußte ich irgendwo Antwort auf diese Fragen erhalten . Nirgends konnte ich eine solche erhalten als in dem Wirtshause und dorthin begab ich mich denn nach einiger Zeit zurück . Der Wirt selbst brachte mir das bestellte Frühstück ins Wohnzimmer . Ich bat ihn , die Thür zu schließen und Platz zu nehmen . Nachdem er dies gethan , wußte ich aber kaum , wie ich beginnen sollte , ein solches Entsetzen empfand ich vor den möglichen Antworten , Und doch hatte das Schauspiel des Grauens , welches ich soeben verlassen , mich schon auf eine jammervolle Geschichte vorbereitet . Der Wirt war ein anständig aussehender Mann in mittleren Jahren . » Sie kennen Thornfield-Hall natürlich ? « gelang es mir endlich hervorzubringen . » Ja , Madam , ich habe mich dort einmal aufgehalten . « » In der That ? « Aber nicht zu meiner Zeit , dachte ich , denn mir bist du ein Fremder . » Ich war der Kellermeister des verstorbenen Mr. Rochester . « Des verstorbenen ! Mit voller Wucht war der Schlag auf mich gefallen , dem ich solange ausgewichen war . » Des verstorbenen ! « stieß ich endlich mühsam hervor . » Ist er denn tot ? « » Ich meine den Vater des jetzigen Mr. Edward , « erklärte er . Ich atmete wieder auf . Mein Blut begann wieder zu cirkulieren . Diese Worte hatten mir doch die Gewißheit gegeben , daß Mr. Edward – mein Mr. Rochester ( Gott segne ihn , wo er auch sein mochte ! ) am Leben war , kurzum , daß er der » jetzige Herr « war . Belebende Worte ! Mir war , als könne ich alles mit anhören , was jetzt noch kommen sollte – wie furchtbar die Enthüllungen auch sein mochten . Jetzt war ich verhältnismäßig wieder ruhig geworden . Er lag nicht im Grabe ! Nun hätte ich es ertragen , wenn man mir erzählt hatte , daß er auf den Antipoden sei . » Wohnt Mr. Rochester jetzt auch in Thornfield-Hall ? « fragte ich , obgleich ich im voraus wußte , welcher Art die Antwort sein müsse . Ich wünschte aber eine direkte Frage in Bezug auf seinen Aufenthalt zu vermeiden . » Nein , Madam , ach nein ! Dort wohnt jetzt niemand . Ich vermute , daß Sie in dieser