Sie lächelte aber nur und bedankte sich für die gute Meinung . Es ist daher meine Ansicht , daß Sie nach Haus reisen sollten , je eher , je lieber ! Kommen Sie gleich mit uns ! « Ich schüttelte aber den Kopf ; denn ich konnte mich nicht entschließen , meinen Schiffbruch kundzutun und so aus der Schule zu laufen . Ich gedachte das Übel allein zu verwinden und mit geklärtem Schicksal , so oder anders , zur geeigneten Zeit zurückzukehren . Mit unbestimmten Reden , in denen ich weder ein zu großes Selbstvertrauen heuchelte noch meine wirkliche Lage eingestand , behalf ich mir den übrigen Teil des Tages , bis ich am späten Abend von den Landsleuten Abschied nahm , die am frühen Morgen wegreisen wollten . Dennoch hatte das Bild der in die Ferne schauenden Mutter ein starkes Gefühl von Heimweh wachgerufen , das mich bisher nur im Schlafe besuchte . Seit ich nämlich die Phantasie und ihr angewöhntes Gestaltungsvermögen nicht mehr am Tage beschäftigte , regten sich ihre Werkleute während des Schlafes mit selbständigem Gebaren und schufen mit anscheinender Vernunft und Folgerichtigkeit ein Traumgetümmel in den glühendsten Farben und buntesten Formen . Ganz wie es wiederum jener irrsinnige Meister und erfahrene Lehrer mir vorausgesagt , sah ich nun im Traume bald die Vaterstadt , bald das Dorf auf wunderbare Weise verklärt und verändert , ohne je hineingelangen zu können , oder , wenn ich endlich dort war , mit einem plötzlichen freudelosen Erwachen . Ich durchreiste die schönsten Gegenden des Vaterlandes , die ich in Wirklichkeit nie gesehen , schaute Gebirge , Täler und Ströme mit unerhörten und doch wohlbekannten Namen , die wie Musik klangen und doch etwas Lächerliches an sich hatten . Über den Mitteilungen des Landsmannes waren mir das Mädchen Hulda von gestern abend und die heutigen Morgenpläne aus dem Gedächtnisse geschwunden ; ermüdet eilte ich den Schlaf zu suchen und verfiel auch gleich wieder dem geschäftigen Traumleben . Ich näherte mich der Stadt , worin das Vaterhaus lag , auf merkwürdigen Wegen , am Rande breiter Ströme , auf denen jede Welle einen schwimmenden Rosenstock trug , so daß das Wasser kaum durch den ziehenden Rosenwald funkelte . Am Ufer pflügte ein Landmann mit milchweißen Ochsen und goldenem Pfluge , unter deren Tritten große Kornblumen sproßten . Die Furche füllte sich mit goldenen Körnern , welcher der Bauer , indem er mit der einen Hand den Pflug lenkte , mit der anderen aufschöpfte und weithin in die Luft warf , worauf sie als ein goldener Regen auf mich niederfielen . Ich fing ihrer mit dem Hute auf , soviel ich konnte , und sah mit Vergnügen , daß sie sich in lauter goldene Schaumünzen verwandelten , auf welchen ein alter Schweizer mit langem Barte und zweihändigem Schwerte geprägt war . Ich zählte sie eifrig und konnte sie doch nicht auszählen , füllte aber alle Taschen damit ; die ich nicht mehr hineinbrachte , warf ich wieder in die Luft . Da verwandelte sich der Goldregen in einen prächtigen Goldfuchs , der wiehernd an der Erde scharrte , aus welcher dann der schönste Hafer hervorquoll , den das Pferd mutwillig verschmähte . Jedes Haferkorn war ein süßer Mandelkern , eine Rosine und ein neuer Pfennig , die zusammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen Schweinsborste eingebunden waren , welches das Pferd angenehm kitzelte , als es sich darin wälzte , so daß es rief : » Der Hafer sticht mich ! « Ich jagte aber den Goldfuchs auf , bestieg ihn , da er schön gesattelt war , ritt beschaulich am Ufer hin und sah , wie der Bauersmann in die schwimmenden Rosen hineinpflügte und mit seinem Gespann darin versank . Die Rosen nahmen ein Ende , zogen sich zu dichten Scharen zusammen und schwammen in die Ferne , am Horizonte eine Röte ausbreitend ; der Fluß aber erschien jetzt als ein unermeßliches Band fließenden blauen Stahles . Der Pflug des Landmannes hatte sich inzwischen in ein Schiff verwandelt ; darin fahr derselbe , steuerte mit der goldenen Pflugschar und sang : » Das Alpenglühen rückt aus und geht um das Vaterland herum ! « Hierauf bohrte er ein Loch in den Schiffsboden ; darein steckte er das Mundstück einer Posaune , sog kräftig daran , worauf es mächtig erklang gleich einem Harsthorn und einen glänzenden Wasserstrahl ausstieß , der den herrlichsten Springbrunnen in dem fahrenden Schifflein bildete . Der Bauer nahm den Strahl , setzte sich auf den Rand des Schiffes und schmiedete auf seinen Knien und mit der rechten Faust ein mächtiges Schwert daraus , daß die Funken stoben . Als das Schwert fertig war , prüfte er dessen Schärfe an einem ausgerissenen Barthaare und überreichte es höflich sich selbst , indem er sich plötzlich in den Wilhelm Tell verwandelte , welchen jener beleibte Wirt im Tellenspiel vorgestellt hatte , zur Zeit meiner früheren Jugend . Dieser nahm das Schwert , schwang es und sang mächtig : » Heio , heio ! bin auch noch do Und immer meines Schießens froh ! Heio , heio ! die Zeit ist weit , Der Pfeil des Tellen fliegt noch heut ! Wo guckt ihr hin ? Seht ihr ihn nicht ? Dort oben tanzt er hoch im Licht ! Man weiß nicht , wo er steckenbleibt , Heio , ' s ist immer , wie man ' s treibt ! « Dann hieb der dicke Tell mit dem Schwerte von der Schiffswand , die nun eine Speckseite war , einen tüchtigen Span herunter und trat mit demselben feierlich in die Kajüte , einen Imbiß zu halten . Indessen ritt ich auf dem Goldfuchs weiter und befand mich unversehens mitten in dem Dorfe , darin der Oheim gewohnt . Ich erkannte es kaum wieder , da fast alle Häuser neu gebaut waren . Die Bewohner saßen alle hinter den hellen Fenstern um die Tische herum und aßen , und niemand blickte auf die menschenleere Straße . Dessen war ich aber höchlich froh