zu vergleichen , welche nie von der gefährlichen Linie abglitschte , auf der sie sich , im Aufstreben nach einem solchen Ideal , unverwandt bewegen müßte . Uebrigens können und wollen wir uns nicht verbergen , daß sie ( wie es zu gehen pflegt , wenn man einmal zu glitschen angefangen hat ) unvermerkt weiter von ihrem Ziele abgekommen ist als sie wohl anfangs für möglich hielt . Vielleicht ist gerade das erwachte lebhaftere Gefühl der Mißtöne in der schönen Melodie ihres Lebens die wahre Ursache dieser Abstimmung , die du an ihr bemerkt hast . Wenn dieß , wie ich hoffe , der Fall ist , so möchte ich ihr dazu Glück wünschen . Denn die Scham vor unserm bessern Selbst ist bei edlern Naturen das wirksamste Mittel das gehemmte innere Leben wieder frei zu machen ; und die Eingezogenheit , wozu sie sich , mit Verachtung der schiefen Urtheile der Welt , zu entschließen den Muth hatte , kann ihrer Wiederherstellung nicht anders als beförderlich seyn . Ein Freund wie Learch ist in dieser Lage wahres Bedürfniß für sie ; aber auch alles , was sie bedarf ; und , so wie ich sie kenne , würde ein Versuch , ihr Einverständniß mit ihm stören zu wollen ( wofern du eines solchen Gedanken auch fähig wärest ) , nie zur ungelegenern Zeit gemacht werden können als jetzt , da sie der Achtung und des Zutrauens eines solchen Mannes nöthig hat , um sich wieder mit sich selbst auszusöhnen . Lebe wohl , lieber Antipater . Ich brauche dir nicht zu sagen , wie angenehm uns deine Briefe immer seyn werden , und mit wie vielem Vergnügen deine hiesigen Freunde den Zeitpunkt deiner Wiederkunft näher rücken sehen . 53. Learch an Aristipp . Der Antheil , den du , mit Kleonidas und Musarion , vermuthlich nie aufhören wirst an den Schicksalen der schönen Lais zu nehmen , macht es mir als einem gemeinschaftlichen Freunde zur Pflicht , euch von ihrer dermaligen Lage ausführlich zu unterrichten , da euch vielleicht Gerüchte oder Nachrichten aus minder lautern Quellen zukommen möchten , die euch ihrentwegen mehr beunruhigen könnten , als , vor der Hand wenigstens , nöthig seyn möchte . Du kennst sie zu gut , lieber Aristipp , um dich nach diesem Eingang nicht auf einen von den wunderlichen Streichen gefaßt zu halten , deren ihre Phantasie und Laune ihr schon mehrere gespielt haben : aber des Abenteuers , worin sie dermalen verwickelt ist , dürftest du dich doch schwerlich versehen haben . Ich will euch mit keinem langen Vorbericht aufhalten ; aber der Vollständigkeit wegen werde ich dennoch etwas weit ausholen müssen , und nicht vermeiden können , des Antheils , den ich selbst an dieser Geschichte habe , umständliche Erwähnung zu thun . Antipater hat dir schon vor geraumer Zeit von der Veränderung Nachricht gegeben , welche sie bald nach ihrer Zurückkunft aus Thessalien in ihrer Lebensweise vorzunehmen nöthig fand . Es wurde in und außerhalb Korinth viel Schiefes darüber geschwatzt , vermuthet und gefabelt : das Wahre ist , daß diese Veränderung nicht plötzlich sondern stufenweise vorging , und daß die immer zunehmende Menge und die unbescheidene Zudringlichkeit ihrer öffentlich erklärten Liebhaber diese Maßregel schlechterdings nöthig machte . Unter jenen Beschwerlichen befanden sich mehrere Auswärtige , welche die Reise nach Korinth nicht vergebens gemacht haben wollten , da sie bloß der schönen Lais wegen gekommen waren . Ueberhaupt schienen die Herren durch die letzte Wanderung unsrer Freundin sich berechtigt zu glauben , ihren Ansprüchen einen Nachdruck zu geben , der dem Stolz und dem Zartgefühl einer Frau von so seltnen Vorzügen gleich anstößig seyn mußte . Die Reichsten ( meist Einheimische ) glaubten sich durch die prächtigen Feste , die sie ihr gaben , ein Recht an ihre Dankbarkeit zu erwerben . Andere hingegen spielten geradezu die Freier der Penelope , und nahmen von ihrem nur allzu gastfreien Hause Besitz , als ob sie immer da zu bleiben gedächten ; in Hoffnung , sie werde sich durch die unverschämte Art , wie sie darin schalteten , genöthiget sehen , sich desto bälder mit ihnen abzufinden . Die Sache hörte in der That bald genug auf kurzweilig für sie zu seyn ; wie sie aber gewohnt ist alles mit guter Art zu thun , so fing sie damit an , sich den Festen und Aufwartungen meiner Korinthischen Mitbrüder nach und nach zu entziehen , und immer seltener große Gastmahle in ihrem eigenen Hause zu geben . Die Fremden , welche auf allerlei Wegen Mittel gefunden hatten Empfehlungen an sie zu erhalten , wurden zwar noch immerfort aufs beste bewirthet ; aber sie selbst erschien , unter mancherlei Entschuldigungen , selten bei Tische und im Gesellschaftssale , und wurde zuletzt , einer vorgeblichen Unpäßlichkeit wegen , gänzlich unsichtbar : und weil die Herren auf den Einfall kommen konnten , die Freier der Penelopeia auch in den Entschädigungen , welche diese sich zu verschaffen wußten , nachzuahmen , so wurde allen ihren Gesellschafterinnen und Sklavinnen aufs schärfste untersagt , sich vor keinem von ihnen sehen zu lassen , geschweige das Geringste zu ihrer Unterhaltung beizutragen . Dieses Mittel konnte seine Wirkung nicht verfehlen ; und da sie sich vollends auf einige Zeit Geschäfte halber von Korinth entfernte , so mußten die Beschwerlichen endlich das Feld räumen , und Lais war nun nach ihrer Zurückkunft für niemand mehr zu Hause , als für etliche Freunde vom engeren Ausschuß , die durch einige persönliche Eigenschaften und ein gehöriges Betragen diese Unterscheidung verdienten . Ich glaube nicht daß Lais einen ältern Bekannten hat als mich . Die vertraute Freundschaft , welche zwischen meinem Vater und dem Eupatriden Leontides statt hatte , gab mir schon in meiner frühen Jugend Gelegenheit , im Hause des letztern ein- und auszugehen , und ich erinnere mich noch sehr wohl , die kleine Lais als ein Mädchen von eilf oder zwölf Jahren gesehen zu haben . Der Alte fand großes Vergnügen daran , seinen kleinen Liebling loben zu hören