Deiner Lehre ! “ Sie reichte Walter unter Tränen die Hand : „ Ihnen danke ich , daß Sie mir noch für einen Augenblick die Genugtuung gewährten , mich als < < große Frau > > zu empfinden . Es war ein schmerzliches , aber doch ein Glück ! “ Walter betrachtete sie mit Begeisterung : „ O glauben Sie mir , die Wissenschaft , nach der ich strebe , wird mir immer in Ihnen verkörpert bleiben , wird immer nur Ihre Züge tragen . Und wenn etwas aus mir wird , — dann haben Sie es aus mir gemacht . Wie Sie mir äußerlich die Utensilien liehen , ohne die ich meine Studien nie fortsetzen gekonnt hätte , so streuten Sie mit Ihrem schöpferischen Geist tausend Gedankenkeime in mir aus , die , wie ich hoffe , mit der Zeit zur Reife kommen sollen , und Ihr Beispiel lehrte mich das Glück der Arbeit erst erkennen . Wer soviel für einen Menschen getan , der darf sich dreist als das empfinden , was Sie mir ewig bleiben werden : eine Vorsehung . “ „ Walter , dies Wort aus einem Munde , der berufen ist , die Wahrheit zu verkünden , wie selten einer — dieses Wort lohnt ein ganzes Leben der Mühe ! — Sie haben eine große Zukunft , Walter ; wenn ich denken darf , daß ich in meiner Art etwas dazu beigetragen , Sie Ihrer Bestimmung näher zu bringen , dann will ich getrost herniedersteigen aus meiner geträumten Höhe , denn dann habe ich nicht umsonst gearbeitet und gestrebt ! — Ich muß nun fort . “ Sie sah sich im Zimmer um , wo ihr Blick hinfiel , lag und stand einer ihrer Apparate , sie faltete die Hände : „ Diese Sachen , Walter , bewahren Sie mir treulich auf — vielleicht kommt einmal der Augenblick , wo ich sie zurückverlange “ — sie kämpfte eine Träne hinunter — sie wußte , daß dieser Augenblick nie kommen werde : „ Bis dahin , “ fuhr sie fort , „ betrachten Sie Alles als Ihr Eigentum . “ — Ihre Augen ruhten wehmütig auf den Gegenständen , die so lange ihre einzige Freude , die treuen Gefährten ihres Fleißes waren . „ So fahrt denn hin ! Ich entlasse Euch , Ihr dienenden Geister , die in jenen Geräten hausen und mir bald die Sterne nahe brachten , bald das Innere der Erde vor mir auftaten , ich kann Euch nicht mehr brauchen , denn ich muß zurück in die Prosa der Alltäglichkeit ! Ich muß werden wie die Andern , — der Zauber ist aus , ich bin nicht wissend , nicht sehend mehr ! “ Sie verließ geräuschlos das Zimmer . Walter warf sich Leonhardt , der ihr folgen wollte , in die Arme . „ Du weinst , mein Sohn ? “ „ O , Vater , ich weiß selbst nicht warum . “ „ Ich verstehe Dich , mein Sohn : Du weinst um die verlorene Poesie des Lebens . Wem von uns wäre in seiner Jugend eine solche Träne erspart gewesen ? ! “ Eine Viertelstunde später flog der Wagen mit Ernestine und Gretchen durch das Dorf dem Schlosse zu und noch lange stand der alte Leonhardt unter der Haustür und lauschte dem sich entfernenden Rollen der Räder , da er dem Wagen nicht nachblicken konnte . Ernestine saß in sich gekehrt , schmerzversunken da . Plötzlich klopfte sie dem Kutscher , er hielt die Pferde an . Sie waren vor der Kirche angelangt . „ Bleib hier und erwarte mich , “ befahl sie Gretchen , „ ich will einen Augenblick da hineintreten . “ Sie stieg hinaus und näherte sich der Tür . Diese war nur angelehnt . Ihre Hand zögerte beim Öffnen . Was trieb sie so unwiderstehlich in die kleine , armselige Dorfkirche ? Die Erinnerung ! — Wie ein gemalter Vorhang , so schoben sich vor dieser engen Pforte die Erlebnisse , Gedanken und Gefühle der letzten zwölf Jahre zurück . Und es war wieder die Kirchtür in ihrer nördlichen Heimat , vor der sie stand zagend und verlangend , ein zweifelndes , verzweifelndes Kind . „ Tritt hinein und lerne Dich beugen , “ sprach es in ihr wie damals . Und sie trat leise und schüchtern ein . Es war leer und still darin , denn es war Werktag und die Leute an der Arbeit . Die Wege zwischen den Stühlen waren mit grünem Buchs bestreut vom letzten Feiertage her und starker Weihrauchduft erfüllte den Raum . Durch die gemalten Fenster warf die Sonne bunte Lichter auf ein Marienbild . Eine aufgestörte Schwalbe , die den Sommer durch in dem Bogen der Kuppel genistet hatte , flog kreisend über Ernestinens Haupt hin , wie die Taube des heiligen Geistes . Ernestine schritt langsam an den stummen Beichtstühlen vorüber , wo so manches schwere Herz sich in brünstigen Bekenntnissen entlastet und Vergebung im Namen des Herrn empfing . Ernestine dachte mitleidig der Umwege , auf denen die irrende Seele hier zu Gott gelangen will . „ Geradeaus zu ihm ! “ rief es in ihr . Sie eilte rascher weiter auf dem weichen , grünen Boden dem Altar zu . War es derselbe , wo sie vor zwölf Jahren gekniet und geweint ? Ob er es war — ob nicht — es war derselbe Gott , dessen Abbild hier wie dort von seinem Kreuze herabblickte und ihre Seele rührte wie einst ! Sie stand vor ihm wie einst und sah , daß sie nur einen Kreislauf vollzogen , daß sie da wieder angekommen , von wo sie vor zwölf Jahren ausgegangen war . Und sie breitete die Arme aus und warf sich auf die Knie nieder : „ Vater , “ rief sie , „ ich kehre zurück , nimm mich auf ! “ Sechstes Kapitel „ Ums tägliche Brot ! “ „ Daß es auch gerade ein so harter Winter werden mußte