Ja , diese Landschaft kannte ich ; jetzt mußte ich dem Ziel meiner Reise nahe sein ! » Wie weit ist Thornfield noch von hier ? « fragte ich den Hausknecht . » Gerade noch zwei Meilen , Madam , wenn Sie den Weg über die Felder nehmen wollen . « » Meine Reise ist nun zu Ende , « dachte ich in meinem Sinne . Ich stieg aus dem Postwagen , übertrug die Sorge für mein Gepäck dem Hausknecht , daß er es aufbewahre , bis es abgeholt würde ; bezahlte den Fahrpreis , gab dem Postillon ein Trinkgeld und ging . Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen auf das Schild des Wirtshauses , und ich las in vergoldeten Buchstaben die Inschrift : » Zum Wappenschilde der Rochesters « . Mein Herz pochte heftig ; ich war also schon auf dem Grund und Boden meines Herrn . Dann stand es plötzlich still , denn nun kam mir der Gedanke : » Dein Herr und Gebieter selbst mag jenseit des brittischen Kanals sein ! Was weißt du ! Und dann , wenn er in Thornfield-Hall ist , dem du entgegeneilst – wer ist außerdem noch dort ? Seine wahnsinnige Gattin ! Und du hast nichts mit ihm zu schaffen ; du darfst nicht mit ihm sprechen , dich nicht in seine Nähe wagen . All deine Mühe und Anstrengung sind umsonst gewesen – es wäre besser , wenn du nicht weitergingst , « sprach eine warnende , mahnende Stimme . » Bitte die Leute in der Schenke um Auskunft ; sie können dir alles sagen , was du zu wissen brauchst , sie können all deine Zweifel mit einem Worte lösen . Geh hin zu jenem Manne und frag , ob Mr. Rochester daheim ist . « Der Rat war vernünftig , und doch konnte ich es nicht über mich gewinnen , danach zu handeln . Ich fürchtete eine Antwort , die mich in Verzweiflung treiben würde . Den Zweifel verlängern hieß die Hoffnung verlängern . Ich mußte die Halle noch einmal unter dem Strahl ihres Sterns wiedersehen . Dort vor mir lag der Fußpfad . Das waren dieselben Felder , durch welche ich am Morgen meiner Flucht von Thornfield gelaufen war , blind , taub , wahnsinnig , mit einer rachsüchtigen Wut , die mich peitschte und verfolgte im Herzen . Ehe ich noch wohl wußte , welche Richtung ich am besten einschlüge , war ich schon mitten zwischen den Feldern . Wie schnell ich ging ! Wie ich zuweilen sogar lief ! Wie ich vorwärts blickte , um die ersten Wipfel des wohlbekannten Parks zu erspähen ! Mit welchem Gefühl ich einzelne Bäume bewillkommte , die ich kannte : liebgewordene Aussichten auf Wiesen und Hügel ! Endlich erhoben der Park und das Gehölz sich vor mir . Düster lag der Krähenhorst da : ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Morgens . Ein seltsames Entzücken kam über mich : ich eilte vorwärts . Noch ein Feld zu durchkreuzen – einer gewundenen Heckengasse nachzugehen – und da lagen die Mauern des Hofes , die Wirtschaftsgebäude . Das Haus selbst war noch hinter dem Krähenhorst verborgen . » Zuerst will ich es an der Vorderseite wiedersehen , « beschloß ich , » wo die kühnen Zinnen sofort einen erhabenen Eindruck auf das Auge machen , und wo ich das Fenster meines Herrn sehen kann . Vielleicht steht er an demselben – er pflegt früh aufzustehen . Vielleicht ergeht er sich jetzt auch im Obstgarten , oder auf der Terrasse vor dem Hause . Wenn ich ihn nur erblicken könnte ! Nur für einen Augenblick ! Wahrlich , wenn das wäre – könnte ich so wahnsinnig sein , zu ihm zu laufen ? Ich kann es nicht sagen – ich bin meiner nicht sicher . Und wenn ich es thäte – was weiter ? Gott segne ihn ! – Was weiter ? Wem geschähe ein Unrecht damit , wenn ich noch einmal für einen kurzen Augenblick die Lebenswonne kostete , die sein Blick in meine Adern gießt ? – Ich bin wahnsinnig ! Ich phantasiere ! Vielleicht sieht er in diesem Moment die Sonne von einem Gipfel der Pyrenäen oder auf der stillen Südsee aufgehen . « Ich war an der niederen Mauer des Obstgartens entlang gegangen , – jetzt wandte ich mich um die Ecke ; gerade hier war eine Pforte , welche auf die Wiese hinausging zwischen zwei steinernen Pfeilern , welche von großen Steinkugeln gekrönt waren . Hinter einem Pfeiler hervor würde ich ruhig auf die volle Front des Herrenhauses blicken können . Mit großer Vorsicht streckte ich meinen Kopf vor , weil ich mich vergewissern wollte , ob die Vorhänge der Schlafzimmerfenster bereits zur Seite gezogen seien . Von diesem geschützten Standpunkt aus beherrschte ich sowohl die lange Vorderseite , wie die Fensterreihen und die Zinnen . Vielleicht beobachteten mich die Krähen , welche ruhig durch die blauen Lüfte über mir segelten . Ich möchte wissen , was sie dachten ! Sie müssen mich für sehr besorgt und scheu im Anfang , und dann nach und nach für sehr kühn und unbekümmert gehalten haben . Ein flüchtiger Blick – dann ein langes Hinstarren ; nun ein Verlassen meines Winkels und ein Gang hinaus auf die Wiese . Darauf ein plötzliches Innehalten gerade vor der Front des Hauses , und ein kühner , langer Blick in jener Richtung . » Welche affektierte Scheu im Anfang ! « mögen die alten Raben gefragt haben und » welche dumme Dreistigkeit jetzt ? « » Höre eine Erklärung , Leser ! « Ein Liebender findet seine Geliebte auf einer moosigen Bank eingeschlafen ; er wünscht einen Blick auf ihr süßes Gesicht zu thun , ohne sie zu wecken . Leise schleicht er über das Gras , besorgt ein Geräusch zu machen ; er hält inne – glaubend , daß sie eine Bewegung gemacht hat . Nicht um eine Welt möchte er von ihr gesehen sein : er zieht sich zurück