Er wohnte in der Bendlerstraße . Es wurde schon hell . Noch brannten einige verspätete Laternen . Ihr Licht sah röthlich aus , offenbar durch den umrahmenden Gegensatz des dünnen weißen Morgennebels , der über allen Bäumen hing . Auf dem Teich der sogenannten Rousseauinsel schwammen einige Schilfpflanzen hin und her in der dunklen Tiefe . Der Dichter verselte unwillkürlich , er konnte nichts dafür . Ihr liebt o , Wasserrosen , Zu schmücken die dunkle Flut , Ein Garten bleicher Blüthen Ueber der Tiefe ruht . Bis meine dunkle Seele Wollustberauscht erbebt , Ueber ihr duftend und leuchtend Meiner Lieder Fülle schwebt . Schneeiger Mondstrahl fluthet In die schneeigen Kelche hinein - Da zuckt vom Himmel hernieder Gespenstiger Wetterschein . Es wirbelt aus tückischer Tiefe Unheimlich mit dunkler Gewalt - Und alle Blumen versinken Und alles ist todt und kalt . Oben in seiner Kammer ( er wohnte natürlich nahe dem Himmel ) hatte sich ein Nachtfalter verfangen , der lärmend herumrumorte . Draußen rauschte plötzlich ein Regenguß hernieder und klopfte eintönig auf das Fensterbrett . Wie der eisige Griff des Todes schauerte es den Einsamen an , und ehe ihn der Bruder des Todes mit seinen weichen Armen umfing , quoll ihm die Frage von den bebenden Lippen : Die Astern draußen verkümmern Einsam im Regensturm . Im morschen Holzgetäfel Pocht der bohrende Wurm . Eine Motte einsam flattert , Wo die Kerze einsam loht . Wer ist hier das Leben ? Wer ist hier der Tod ? In seinen unruhigen Schlummer drängte sich ein Bild der Vergangenheit , aber in seltsamer Gestaltung , die er sich wachend nicht zu erklären vermochte . Das linke Auge lag blutroth wie eine Wunde in dem zarten Haupt . Aber mit rührender engelgleicher Geduld schwebte die zarte Gestalt hin und her , und plauderte wehmüthig freundlich . Eine unsägliche Zärtlichkeit durchströmte sein Herz , als er auf das süße liebliche Antlitz herniederschaute . Immer noch litt er an der Krankheit , sich um das Urtheil der Andern zu kümmern , während er sie doch tief verachtete . Auch schwankte seine Menschenkenntniß krankhaft hin und her . Sprach er grade mit den Leuten , so ließ er sich dupiren ; waren sie ihm ferngerückt und überdachte er ihr Wesen , so durchschaute er ihre Motive wie dünnes Glas . Andrerseits konnte er Menschen antipathisch im ersten Augenblick betrachten , um im nächsten bei seiner überzarten Gerechtigkeitsliebe , sobald dem persönlichen unangenehmen Eindruck entrückt , versöhnlich und milde zu denken . Ihm mangelte gänzlich jener letzte eingeborene Instinkt der Selbstsucht , der keine andre Rücksicht als das persönliche Interesse kennt und alles nur unter diesem Gesichtspunkt beurtheilt , fremd allen sonstigen Einflüssen . Auch seine Eitelkeit blieb immer noch zu reizbar und vergab keinem Dummkopf seine Albernheiten . Er dachte an sein Erstlingswerk , das er in frühster Jugend veröffentlichte . Darin gab es bei aller Unreife der Form schon Stellen , welche einen scharfsichtigen Kritiker mehr als überraschen , welche befremden mußten . Es klang darin , wie das unbeholfene Lallen eines großen Dichters . Wer aber unter den elenden Kritikastrirten hatte das erkannt ! Ueber die schwerfällige Form , das Aeußerliche , konnte das Verständniß der Mehrzahl kaum hinwegkommen . Das war seine erste Erfahrung gewesen und wie zahllose sollten noch folgen ! Nun hat ja freilich alles seine Vorzüge und alles seine Fehler . Es liegt also in der Natur der Sache , daß wir an unseren Sachen nur die Vorzüge , die Feinde nur die Fehler sehn . Man warf ihm vor , daß er sich zersplittere . Allein , sein umfassender Geist hatte seine Wurzeln so weit verzweigt , daß ihm Vielseitigkeit eine Lebensbedingung wurde . Vielseitigkeit ist an sich noch kein Merkmal des Genies , aber Genie im höheren Sinne ist ohne Vielseitigkeit kaum denkbar . Fortwährend verplemperte er sich und blieb selten ganz correct . Die » Correcten « sind übertünchte Gräber , deren lackirte Charakterlosigkeit alsbald sich offenbart , sobald man den Firniß ihrer » Grundsätze « abkratzt . » Wahrlich , wir sind zu jung noch ! « Diesen Macbeth ' schen Ausruf sollte sich Jeder täglich wiederholen , wenn ihn Gleichgültiges reizt . Aber zarte Sensitivität ist die Achillesferse jeder feineren Natur . Schrieb er Briefe , so gab er sich regelmäßig Blößen , weil ihm die Fleisch und Blut gewordene Verlogenheit der Andern mangelte . » Der Mann , der so seltsame Briefe schreibt , « nannte ihn Einer seiner Judasse , nachdem er lange die Vertrauensseligkeit des jovialen übersprudelnden Wahrheitsdranges ausgenutzt , und drohte Leonhart zu denunciren , weil er einen hochgestellten Staatsmann privatim verdächtigt hätte . Leonhart fand zuletzt nur eine Rettung : daß er überhaupt alle Briefschreiberei mit Unbedeutenden unterließ . Ein hoher Gedanke in seinen Werken zeigte ja sein wahres Wesen besser , als alle mündliche und schriftliche Konversation . Wer sein ganzes geistiges Vermögen in seine Schöpfungen gießt , kann zuletzt , todtmatt und mit aufgezehrten Nervensäften , für seine Correspondenz nichts mehr erübrigen . Werfen doch philiströse beschränkte Geister einem Ungewöhnlichen so leicht haltlose Unruhe vor , weil man bei ihnen unberechnende Aufrichtigkeit höchstens erzielen kann , wenn man ihre Eitelkeit verletzt ! Wie einen Schmoller sein schlechtes Gewissen zu dem Argwohn trieb , daß andere über ihn noch schlimmer dächten , als es der begründeten Wahrheit entsprach , - so litt Leonhart umgekehrt an dem Wahne , daß Andere viel freundlicher über ihn dächten , als sie thaten . Daher warf er sich selber oft vor , daß er zu hart urtheile , wenn er die selbstsüchtigen Motive der Anderen durchschaute . » Gemüth « ist meist nur ein Zeichen physischer Schwäche . Freilich , wie oft nutzt andrerseits der physisch Schwache das Mitleid der Gutmüthigen aus ! Schon hierin befand sich Leonhart in stetem Nachtheil , daß gerade er die Dinge nie persönlich , sondern objectiv auffaßte , da er allein wahre Liebe zur Muse besaß . Ist es nicht schon an sich ein