immer noch mit dem entscheidenden Wort zurückhielt , trotzdem jede Woche , die ungenutzt verstrich , ein unwiderbringlicher Verlust war . Aber vielleicht war Niemand ungeduldiger und unzufriedener als ich . Ich hatte die glänzende , junge Geschichte der Eisenbahnen in England , in Belgien sorgfältig studirt und war überzeugt , daß das Eisenbahnwesen sich auch bei uns in ungeahnten , colossalen Dimensionen entwickeln , mithin der Bedarf an Locomotiven in ' s Ungeheure wachsen würde . Dazu kam , daß die Locomotive die Lieblingsmaschine meines theuren Lehrers gewesen war , der in seiner genialen Weise mit seinen beschränkten Mitteln manche kühne Erfindung , welche die Zeit nachträglich bestätigte , vorausgeahnt und in seinen Modellen dargestellt hatte . Mir war das Glück zu Theil geworden , ihm bei seinen theoretischen Arbeiten , bei dem Construiren seiner Modelle helfen zu dürfen , und mir glühte der Kopf jetzt , wo ich sah , daß in ' s Leben treten mußte und wollte , was in der stillen Zelle des Denkers bereits zur Wahrheit geworden . So mag einem Rennpferd zu Muthe sein , das die Bahn , die es durchfliegen soll , vor sich sieht und noch immer zurückgehalten wird , wie es auch in das Gebiß knirscht und mit den Hufen scharrt . Ich sann und sann , wie es möglich sei , den verhängnißvollen Widerstand zu durchbrechen . Endlich erschien mir dies das Beste : ich wollte ein Promemoria aufsetzen , in welchem ich ausführlich die Gründe entwickelte , die eine Erweiterung der Fabrik unabweislich machten , zugleich den Plan , wie diese Erweiterung ausgeführt werden könne . Dieses Schriftstück sollte dem Commerzienrath geschickt werden , für den eine solche Mahnung doch hoffentlich nicht vergeblich sein würde . Der Doctor , dem ich meinen Plan mittheilte , mißbilligte denselben nicht geradezu , ging aber keineswegs mit der Wärme darauf ein , auf die ich gehofft hatte . Allerdings war er nicht im Stande , sich die theoretische Nothwendigkeit klar zu machen , auch theilte er natürlich meine Leidenschaft für die Locomotive nicht ; aber es konnte ihm unmöglich entgehen , daß auf dem von mir angebahnten Wege hunderten und aber hunderten von Arbeitern Brod verschafft werden würde , und das war ihm doch sonst die Hauptsache . Dafür drang er abermals in mich , sein Anerbieten zu acceptiren , und selbst mit seinem Gelde ein Etablissement zu errichten , und es wäre fast wieder zwischen uns zum Bruche gekommen , als ich zum zweiten Male mich weigern zu müssen glaubte , von seiner Großmuth Gebrauch zu machen . Aber wie durfte ich ihn , dessen ganzes Leben ein einziges Opfer für die Armen und Elenden war , der Mittel berauben , welche er so zweckmäßig verwendete ? Wenn mein Unternehmen fehl schlug - und es konnte doch fehl schlagen - nein ! es mußte anderes Geld sein , mit welchem ich meine Pläne in ' s Werk setzte . Aber , woher es nehmen , ohne es zu stehlen , oder auf die Ankunft der javanesischen Tante zu warten , deren baldige Ankunft für Klaus und Christel ein Artikel unbedingten Glaubens war ? Da mußten sich denn freilich meine Gedanken immer wieder auf den Commerzienrath lenken , und eines Abends fing ich an , mein Promemoria zu schreiben , und vollendete es in sechs aufeinanderfolgenden Nächten . Aber als es fertig war , kam mir ein neues , schweres Bedenken . Unterzeichnete ich den Aufsatz mit meinem Namen , so war es mit meinem Incognito vorbei ; und die Sache stand kaum anders , wenn ich ihn nicht unterzeichnete . Das Schriftchen konnte nur Jemand verfaßt haben , der in der Streber ' schen Fabrik vollkommen Bescheid wußte . Der Commerzienrath würde jedenfalls sich nach dem Autor erkundigen ; es würde ein Hin- und Herreden geben , das schließlich doch wohl auf den Autor führte , der dann ganz unnöthiger Weise und vielleicht nur zum Schaden der Sache Versteck gespielt hatte . Es war ein verzweifelter Fall und ich ging Tage lang wie im Traume umher , immer nur an den unglücklichen Aufsatz denkend , der fertig in meiner Stube auf dem Tische lag , und der nun eben so gut hätte ungeschrieben bleiben können . » Aber Du mußt Dich wirklich entscheiden , « sagte Paula ; » und hier kann eigentlich gar keine Frage sein , wie Du Dich entscheiden mußt . « Ich hatte , aus einer erklärlichen Scheu , was mich jetzt so sehr bedrückte , Paula gegenüber nicht erwähnt , aber vor Kurt , der jetzt unter Klaus ' Leitung in der Fabrik arbeitete , und fast jeden Abend , wenn er von der Arbeit kam , eine Stunde bei mir zubrachte , hatte mein Vorhaben kein Geheimniß bleiben können , und er hatte es der Schwester mitgetheilt . » Du darfst deshalb nicht böse auf Kurt sein , « sagte Paula ; » er kann sich nicht denken , daß Du dergleichen vor Deiner Schwester geheim hältst . « » Und hast Du denn keine Geheimnisse vor mir ? « erwiederte ich . » Wie meinst Du , « antwortete Paula , indem sie mir nicht ohne einige Unsicherheit in die Augen blickte . Ich mochte nicht weiter gehen , denn ich hätte sonst auf den bedenklichen Punkt kommen müssen , um welchen ich bis jetzt immer sogfältig herumgegangen war : ob die Correspondenz Paula ' s und Herminens sich zeitweilig auch mit mir beschäftigte . So murmelte ich denn eine unverständliche Erwiederung und brachte das Gespräch auf meine Pläne , meine Hoffnungen und Wünsche in Bezug der Fabrik zurück . » Du hast mir in letzterer Zeit so wenig von dem , was in Deiner Welt vorgeht , mitgetheilt , ich bin gar nicht mehr orientirt . Laß mich doch Deine Abhandlung lesen ; gieb sie Kurt heute Abend mit . « Das war an einem Sonntag gewesen ; in der folgenden Woche hatte es viel Arbeit in der Fabrik und besonders