ich deren Bruchstücke abgestreift habe , die ich vorderhand mit mir umherschleppen muß . Deshalb , Judith , wollen wir uns in nächster Zeit vor all ' dem Wirrwarr flüchten und in der Einsamkeit , fern von der Welt , unserer Liebe leben . Nach dem Orient wollen wir gehen , nach Damaskus ! da ist das Dasein leicht und lieblich , da verfliegt nicht die schönste Zeit im Tretrad europäischer Konvenienz und Langweil ! da wollen wir in ungestörter Ruhe das Glück genießen , nach dem wir uns schon so lange sehnen und das wir nur da finden können , wo uns keine Erinnerung an frühere Verhältnisse stört . O Judith , zu flüchtig ist die Jugend , zu kurz ist das Menschenleben , um Tag auf Tag mit nichts anderem auszufüllen , als mit der Hoffnung . « » Gerade so denke auch ich ! « entgegnete Judith . » Es muß im Dasein einen Inhalt , einen Kern , eine Wahrheit geben , welche Ersatz gewähren für die unsägliche Leere , welche die glänzendste Existenz elend macht , sobald sie eine liebelose ist . Ja , Orest , nach dem Orient wollen wir gehen und in dem paradiesesduftenden Damaskus - wie die orientalischen Dichter es nennen , in den Feenhäusern von Marmormosaik und vergoldetem Cedernholz , welche von den Reisenden so bezaubernd dargestellt werden , unter Citronenbäumen am plätschernden Springbrunnen , in süßen Gefühlen und großen Gedanken unser Leben zu seinem Ziel führen . « » O Geliebte ! « rief Orest beseligt , » laß uns fliehen , jetzt ! gleich ! O glaube mir , die verhaßte Kette wird leichter gesprengt durch einen so energischen Schritt , der zugleich eine unausfüllbare Kluft zwischen der Vergangenheit und Gegenwart reißt , als durch tausend Schritte , die wir hier unter zahllosen Hemmnissen und Störungen tun könnten . O komm ! o vertraue meiner Liebe ! « » So nahe dem Ziel - und die alte Torheit sollte uns besiegen ? « sagte Judith traurig . » Nein , Orest ! ich glaube , daß weder Ihre Empfindungen , noch Ihre Absichten hinsichtlich meiner dadurch eine Änderung erleiden würden . Aber ich kann diesen Schritt nicht tun ! Judith Miranes , die Jüdin , kann nicht den Grafen Orest Windeck auf seinen orientalischen Streifzug begleiten , ohne durch eine so verkehrte Nachgiebigkeit sich in seinen Augen herabzusetzen . Und merken Sie es wohl , Graf Orest : es mag nicht schwer sein , die Mißachtung einer Welt zu tragen , die durchaus keinen Maßstab hat und gibt für das , was zu achten und zu verachten ist und deren Beifall man ganz geschwind wieder erkaufen kann durch eine Gänseleberpastete und ein paar Flaschen Champagner . Aber schwer , ja unerträglich wäre es , die Mißachtung eines geliebten Mannes ertragen zu müssen . Sie wollen auffahren , Sie wollen Beteuerungen machen ! armer Orest , was sind Ihre gutgemeinten Worte gegen die Tatsache der Erfahrung ! Ich kenne das Menschenherz : es will eine Glorie um seine Liebe sehen . Je heller die - um desto seliger ist es , wenn es auch mit Schmerzen und Nöten zu kämpfen hat . « » Judith , meine Göttin , Du bist in der Glorie ! « rief Orest . » Nun so bleibe darin , Du unvergleichliches Geschöpf ! .... Ich will jetzt einen anderen energischen Schritt tun . « - Er stürmte fort und zu Corona . Sie war nicht daheim . Sie war nach St. Peter gefahren . - Es gibt Menschen - versteht sich , höchst selten , hie und da einmal einer ! die sind von so wundervoller Vollkommenheit , daß man dieselbe gar nicht recht gewahr wird und ganz treuherzig wähnt , das sei ein Mensch wie unsereiner , bis man allmälig im näheren Umgang und nach längerer Beobachtung herausbringt , dem sei nicht so ; ihre Vollkommenheit falle nur nicht in ' s Auge , weil ein wunderschönes Gleichgewicht sie nach Innen harmonisch ordne und ihnen nach Außen das Gepräge friedlicher Einfachheit , ohne hervorstechende Züge , verleihe . So ungefähr ist es mit der St. Peterskirche zu Rom . Ihre Verhältnisse sind von so herrlicher Harmonie , daß man durch ihre ungeheuere Größe anfangs gar nicht frappiert wird und nur nach und nach , wenn man in ihr auf Entdeckungen ausgeht , das Riesenhafte des Baues erkennt , anstaunt und bewundert . Die Engelchen , welche die Weihwasserschalen halten , sind sechs Fuß lang ; der Hochaltar ist so hoch wie der Palast Farnese - einer der großartigsten in Rom ; die Gemälde über den Altären sind alle in Mosaik und über Lebensgröße ausgeführt , ohne daß man es bemerkt . Man muß manchen Besuch in St. Peter wiederholen , bis man sich in seiner Welt von Kunst und Schmuck , von Reichtum und Größe , von Grabmalen und historischen Erinnerungen heimisch fühlt . Wie immer und überall , so hat auch da die Andacht es am besten und leichtesten . Die geht vor bis zu der Balustrade , welche den Einblick in die Krypta umschließt , kniet nieder und betet . Denn da ruhen die Reliquien eines Menschen , an dem Gott die Wundertaten seiner Gnaden seit achtzehnhundert Jahren in einem Maß aufleuchten ließ und läßt , wie an keinem anderen Staubgeborenen : Petrus , der Fischersmann aus Galiläa , der Hirt , dem Christus Selbst die Führung seiner Heerde anvertraut hat , der Nachfolger des Gottessohnes in diesem heiligsten Amt , der Stammvater aller Stellvertreter des Herrn als Oberhaupt der Kirche auf Erden : Petrus ruht da . Corona ' s Lieblingsausflug war immer nach St. Peter und ihr Lieblingsplatz dort war am untersten Pfeiler des linken Seitenschiffes , nächst dem Eingang ; denn von dort blickt man gerade auf Rafaels Transfiguration , die in einer Mosaikkopie über dem Altar des Kreuzschiffes sich erhebt . Die hohe majestätische Marmorhalle bildet eine lange Perspektive vor dem großartigen Gemälde , in welchem Rafaels