weiset es in ziemlich enge Schranken . Überspringen sie die gezognen Grenzen , so hat sich der , welcher den Fehltritt erkannte , da er ihn beging , über die schlimmen Folgen nicht zu beklagen , die früh oder spät eintreffen müssen . Nachschrift des Senators Hermann 1816 Du empfängst in diesen Briefen , mein Pflegesohn , ein verhängnisvolles Geschenk . Ich darf es Dir nicht vorenthalten , denn wenn Du nicht wüßtest , wer Du bist , und von wem Du abstammst , so könnten sich ja entsetzliche Dinge ereignen , unbewußt könntest Du Frevel begehn , vor denen die Natur zurückschaudert . Daß eine Schwester von Dir lebt , weiß ich mit Bestimmtheit , sie heißt Johanna , und wird auf dem Schlosse ihres Vaters erzogen . Gern hätte ich Dir sonst diese Entdeckungen erspart , welche Dein Herz zerreißen , und Dich vielleicht auf lange Zeit unglücklich machen werden . Nach meinem Willen sollst Du die Briefe , welche wir damals wechselten , erst lesen , wenn Du Dein männliches Alter erreicht haben wirst . Du wirst dann die Stärke haben , der Eltern Schuld zu wissen , und doch an diesem Wissen nicht unterzugehn . Vor allem suche das Bild Deiner Mutter in Dir rein zu erhalten . Wir haben ein unglückliches Leben zusammen geführt , aber ich muß ihr das Zeugnis geben , daß sie die edelste und bravste Seele war , welche ich je gekannt . Was mich betrifft , so wird Dir hoffentlich Deine Erinnrung sagen , daß ich Dir ein treuer Pfleger gewesen bin . Ich habe mein Gelübde gehalten , und dieser Gedanke gibt mir eine gewisse Heiterkeit . Meine Tage sind gezählt , ich fühle das ; Melancholie hat meine Lebenskräfte verzehrt , und mich vor der Zeit zum Greise gemacht . Suche auch nach dieser Entdeckung ein freundliches Verhältnis mit meinem Bruder zu erhalten , der das Legat Deines Vaters Dir ausantworten wird . Er ist eigen und schroff , aber zuverlässig und wacker . Ich glaube , Du Armer , daß Dir verschlungne Lebensschicksale bevorstehn . Sobald Deine Eigenschaften sich zu entwickeln begannen , sah ich an Dir ein Gemisch von Deines Vaters Leichtsinn und Deiner Mutter Schmerzen . Mögen denn gute Geister sich Deiner annehmen , wenn die Sorge in das Grab sank , welche Deine Kinderjahre behütete ! Mit diesem Segenswunsche sei in das Leben entlassen . Fünfzehntes Kapitel Rasch war Hermanns Besserung vorwärtsgegangen . Neu war ihm die Welt geworden , er nahm von ihr zum zweiten Male Besitz , ausgerüstet mit allen Erfahrungen der früheren Zustände . Unglück und Glück hatten ihre , bis zum Überlaufen vollen Schalen auf seinem Haupte ausgeleert ; Stimmungen , wie sie durch solche Wechselfälle erzeugt werden , entziehn sich der Schilderung . Er fühlte , daß sein Geschick ihn jeder selbstsüchtigen Tätigkeit für immer entrückt habe , und daß er dennoch nur um so fester mit allen Fasern der Erde verwachsen sei . » Wir würden nicht glauben , daß dergleichen erlebt werden könnte , hätte es uns nicht selbst betroffen « , sagte er nach diesen Tagen einmal zu Wilhelmi . » Wie hat mich der Wahn in wechselnden Gestalten , lächerlichen und schrecklichen , verfolgt ! Als Zwanziger meinte ich fertig zu sein , und muß mich nun in den Dreißigen als Anfänger und jungen Schüler bekennen . « » Du bist hierin nur der Sohn deiner Zeit « , versetzte Wilhelm ! . » Sie duldet kein langsames , unmittelbar zur Frucht führendes Reifen , sondern wilde , unnütze Schößlinge werden anfangs von der Treibhaushitze , welche jetzt herrscht , hervorgedrängt , und diese müssen erst wieder verdorrt sein , um einem zweiten gesünderen Nachwuchse aus Wurzel und Schaft Platz zu machen . Wohl dem , der hiezu noch Kraft und Mark genug besitzt ! Ich sage dir , blicke fröhlich vor dich hin , denn du kannst es . « » Das tue ich auch « , erwiderte Hermann . » Mir ist fromm zu Sinne , obgleich ich nicht bete und den Kopf nicht hänge . « Auch er machte einen einsamen Gang nach dem Hünenborne . Dort nahm er die Decke von der Gruft des Kindes - seines Kindes - und stand lange in die Betrachtung dieser Überbleibsel eines Lebens versenkt , welches , ihm unbewußt , von ihm entsprungen , und , ihm unbewußt , auch schon wieder in die dunkle Nacht zurückgesunken war , aus welcher die Geburten der Erde auftauchen . Er legte den Ring zu dem Skelette , und ließ dann ein fest umschließendes Gewölbe aufmauern , die Hand und den Blick der Neugier für immer von diesen Gebeinen abzuwehren . - » Das ist gut « , sagte Wilhelmi , der davon hörte ; » nun sind die bösen Geister der Vergangenheit unter Salomos Siegel gelegt . Der Mensch bedarf solcher symbolischer Handlungen , um sich von einer Last gänzlich zu befreien . « Er selbst hatte die Alte zu guten Leuten an einen einsamen Ort geschickt , wo sie in gehöriger Kost und Pflege ihre noch übrigen Tage zubringen sollte . Unter den Angehörigen und Bekannten des Hauses herrschte die größte Freude . Alle nahmen den herzlichsten Anteil . Der gute Prediger und seine Frau , die Geschäftsleute , welche noch da waren , empfanden ein reines Behagen . Wilhelmi erhielt von seiner Frau unbeschränkten Urlaub , bei Hermann zu bleiben , bis dessen sämtliche Angelegenheiten geordnet wären . Der Arzt schickte einen Brief , der ein Dithyrambus war auf die Trüglichkeit medizinischer Prognose . Selbst die alte Nonne kam von ihrer Meierei herbeigewankt , dem Genesenen die Hand zu schütteln . Auch Theophilie hatte sich glückwünschend genaht . Ihr schien leicht und frei um das Herz zu sein , daß Hermann nun hier waltete . Sie sah verjüngt aus . Mit einem ihrer kecken Scherze stellte sie an ihn den Schlüssel zum Erbbegräbnis zurück . Neben solchem Lichte begann freilich auch der Schatten sich schon