verehrten Eltern , meiner angebeteten Emilie und meinem geliebten Knaben ein makelloses Leben schuldig sei , und daß ich keine Handlung begehen dürfe , worüber mir so theure Wesen jemals erröthen müßten . So , in täglich zunehmender Noth , hatten wir die Ostseeprovinzen erreicht , und mehrere der unglücklichen Gefangenen waren so entkräftet , daß sie auf Schlitten fortgebracht werden mußten , um in der nächsten Stadt , wo Lazarethe eingerichtet waren , zur Pflege abgegeben zu werden . Die Furcht vor einem ähnlichen Schicksale vermochte mich alle Kräfte aufzubieten , um meinen Weg zu Fuß fortsetzen zu können , und das Unglück der Kranken erleichterte selbst ein wenig den Zustand der Gesunden , denn das Bedürfniß Pferde zu haben , um die Hülflosen fortzuschaffen , hatte die Einrichtung nothwendig gemacht , daß die an der Straße wohnenden Edelleute die nöthigen Pferde zu stellen verpflichtet wurden , und so zogen wir von einem Edelhofe zum andern , indem in jedem neue Pferde bereit gehalten wurden , die die Kranken wieder bis zum nächsten brachten , und ich muß es dankend rühmen , wie bereitwillig die Menschenliebe die Noth des Augenblicks zu lindern strebte . Freilich war der wohlthätige Beistand mehr meinen Gefährten als mir zu Theil geworden , denn ich konnte mich nicht hinzudrängen , um meinen Theil von den Lebensmitteln , die uns gereicht wurden , zu erhalten . Da mich die Gefangenen selbst für einen gemeinen Soldaten hielten , so glaubten sie mir keine Rücksicht schuldig zu sein , und da die Noth den von Natur selbstsüchtigen Menschen noch selbstsüchtiger macht , so rafften die Andern Alles an sich , ohne daran zu denken , daß ich beinah verschmachtete . Trotz dieser großen Noth hatte ich oft Gelegenheit zu bemerken , daß das im Allgemeinen feine und gebildete Aussehen der meisten Edelleute einen seltsamen Gegensatz zu der Rohheit bildet , in die die ursprünglichen Bewohner des Landes , die jetzigen Bauern , versenkt sind , so daß man sich weit weg aus Europa versetzt fühlt , wenn man sie betrachtet , und seltsam überrascht wird , wenn man in dieser Umgebung zierliche Frauen , schöne Fräulein und gebildete Männer , die sämmtlich französisch reden , sich bewegen sieht . Mir wurde später dieses Räthsel gelöst , denn ich hatte Gelegenheit zu bemerken , wie viel eine jede Familie für die Erziehung ihrer Kinder thut , und wie jeder Vater , der es irgend vermag , seine Söhne auf Reisen sendet , um ihnen eine Wohlthat zu gewähren , die er auch selbst genossen hat . Dadurch ist ein gewisser Anstand im Betragen fast allen Familien eigen , der den Fremden angenehm anspricht . Die Ursache dieses anständigen , milden Betragens war mir zur Zeit meiner traurigen Wanderung nicht klar , aber ich sollte die wohlthätigen Wirkungen desselben erfahren . Ich hatte durch fast übermenschliche Anstrengung mich immer aufrecht erhalten ; aber meine Kräfte waren durch lange Entbehrungen aller Art so geschwächt , daß ich mit mir kämpfte , ob ich mich nicht sollte sinken und fühllos , besinnungslos dem neuen Elende eines Lazareths entgegenschleppen lassen , als wir auf einem Edelhofe aufgestellt wurden und hier warten sollten , bis die nöthigen Pferde herbeigeschafft würden . Der Besitzer des Gutes , ein Mann von mittleren Jahren , näherte sich uns mit seinem Verwalter und betrachtete unser Elend mit mitleidigen Blicken . Er sagte dem Verwalter einige Worte , der darauf in ' s Haus ging , und redete die nächsten Gefangenen französisch an , und als er die Italiener bemerkte , diese auch italienisch . Mit lärmender Freude ward er sogleich von denen umringt , die die laute ihres schönen Vaterlandes in so weiter Ferne vernahmen . Indeß war die Gemahlin des Gutsbesitzers auch herab gekommen ; sie redete uns freundlich an , und eine Magd trug ihr einen Korb voll wollener Strümpfe nach , die sie unter uns vertheilte , denn das mitleidige Auge dieser Frau hatte sogleich unsere höchst mangelhafte Fußbekleidung bemerkt . Schöne Kinder umringten das würdige Paar , in dessen Augen Thränen des Mitgefühls glänzten . Die Italiener besonders drängten sich stürmisch heran , um die Gaben den schönen Händen zu entreißen . Ich lehnte mich seitwärts an die kalte Mauer , denn ich konnte mich beinahe nicht mehr aufrecht erhalten . Die Dame bemerkte mich , und vielleicht durch mein bleiches Ansehen gerührt , näherte sie sich mir , um mir ihre Gabe zu reichen , die ich dankbar empfing . Der Verwalter erschien nun wieder und der Herr des Guts lud uns ein in ' s Haus zu treten , um uns zu erwärmen und uns durch eine einfache Mahlzeit zu erquicken . Alle drängten sich herbei und so auch ich , den die äußerste Noth dazu trieb , so gut ich es vermochte . O ! meine theuersten Eltern , wie köstlich dünkte mir nach so langer Entbehrung reinlich bereitete Suppe , die ein mürrischer Koch in Schüsseln von grobem Thon vor uns hinstellte , indem er uns hölzerne Löffel dazu reichte . Er zählte , indem er mit seinem großen Messer Jeden berührte , laut seine ihm unwillkommenen Gäste und theilte das uns bestimmte Fleisch , ohne Rücksicht auf einladende Sauberkeit , in eben so viele Theile , als Personen vorhanden waren . Die Wirthschafterin reichte Jedem mit verdrießlicher Miene ein Glas Branntwein aus demselben Glase . Alles das störte nicht die Lust des Genusses , und hätte ich nach der Mahlzeit meine ermüdeten Glieder zum erquickenden Schlummer ausstrecken dürfen , so würde ich mich in dem Augenblicke glücklich gefühlt haben . Doch die Pferde waren bereit und wir mußten scheiden . Ich hatte bemerkt , daß der Gutsbesitzer vor unserer Mahlzeit ernsthaft mit seiner Gemahlin sprach , wobei mich Beide betrachteten . Jetzt näherte er sich mir wieder und fragte , wo wir gefangen genommen wären . Nachdem ich auf seine Frage geantwortet , nahm ich die Gelegenheit wahr , ihm für die Güte , die er uns bewiesen