, mit Amors Bogen und Pfeilen das muthwilligste Spiel treiben konnte ? Daß sie dessen endlich überdrüssig werden mußte ; daß von allem , was das Glück ihr so verschwenderisch zugeworfen , ihr nichts mehr Vergnügen zu machen scheint ; daß sie nichts Neues mehr zu genießen sieht , nachdem sie alles , wofür sie Empfänglichkeit hat , im höchsten Grad und Maß schon so lange genossen hat , - alles dieß ist zu natürlich , als daß sie verlangen dürfte , es sollte anders seyn . Auf Vollgenuß folgt Sättigung , auf Ueberfüllung Ekel . Vor dem letztern hat sie sich immer klüglich zu hüten gewußt ; jener hilft Enthaltung ab . Im schlimmsten Fall müßte sie nun von der Erinnerung zehren ; und ist auch dieß nicht am Ende das gemeine Loos der Menschheit ? Ich besinne mich noch sehr lebhaft der ersten traulichen Unterredung , die ich mit ihr zu Aegina hatte , da sie , wie der junge Hercules des Prodikus , auf dem Scheideweg zu stehen schien , und von mir verlangte , daß ich ihr rathen sollte . Ich konnte deutlich genug sehen daß sie schon entschieden war , und rieth ihr also , zu thun was sie nicht lassen könne . Das Ideal eines Weibes , wie noch keines gewesen war , und vielleicht in tausend Jahren keines wieder kommt , schwebte ihr so reizend vor der Stirne , daß sie dem Verlangen nicht widerstehen konnte , es in ihrer Person darzustellen . In kurzem hatte sie sich dermaßen darein verliebt , daß Sokrates selbst , als sie sich ( unerkannt , wie sie glaubte ) unter dem alten Oelbaum der Athene Polias mit ihm unterhielt , aller seiner Ueberredungskunst vergebens aufbot , ihr ein anderes höheres Ideal an dessen Stelle in die Seele zu spielen . Sie fühlte sich geboren Lais zu seyn , wie sich einer zum Maler oder Flötenspieler , zum Dichter oder Heerführer geboren fühlt ; und wenn man das , wozu eine Person alle möglichen Anlagen , die entschiedenste Lust und die größten Aufmunterungen von außen hat , - das , was sie am besten kann , was ihr am besten ansteht , und worin sie von niemand übertroffen wird , wenn man das ihre natürliche Bestimmung nennen kann , so sehe ich nicht , wie wir der schönen Lais absprechen können , die ihrige bisher erfüllt zu haben . Ueberhaupt ist es immer schwer , öfters mißlich und nicht selten unmöglich , einzelnen Personen , die über den Weg , den sie im Leben einschlagen sollen , noch ungewiß sind , mit Zuverlässigkeit zu sagen was ihre Bestimmung sey . Die Natur schickt uns , wie es scheint , mit lauter unbestimmten Anlagen in die Welt , und was daraus werden soll , hängt größtentheils von äußerlichen Umständen ab , über welche wir , in den Jahren wo ihr Einfluß gerade am meisten entscheidet , die wenigste Gewalt haben . Indessen würde doch , glaube ich , ein Gott , der das ganze , uns unsichtbare Gewebe der innern Anlagen eines Menschen zu durchschauen vermöchte , das , wozu ihn diese Anlagen vor allem andern bestimmen , unfehlbar entdecken ; denn in der Natur gibt es nichts wirklich Unbestimmtes . Je lebendiger also das Selbstgefühl bei einer Person ist , desto mehr ist zu vermuthen , daß sie , wenn die äußern Umstände ihr völlige Freiheit lassen , sich selbst für diejenige Lebensweise bestimmen werde , zu welcher sie durch ihre ganze Naturanlage vor allen andern geschickt gemacht ist . War dieß nicht ganz eigentlich der Fall mit Lais ? Sie wurde von dem eigenen Wege ihrer freien Wahl durch die Umstände nicht nur nicht abgehalten , sondern im Gegentheil sehr verführerisch eingeladen keinen andern zu gehen . Die Art der Erziehung , welche sie , von ihrem achten Jahre an , im Hause des reichen und wollüstigen Leontides erhielt , dessen Liebling sie war , und von welchem sie auf alle mögliche Weise verzärtelt wurde , - das Bewußtseyn der seltensten Naturgaben , - eine frühzeitige Unabhängigkeit und die glänzenden Glücksumstände , worin ihr erster pflegeväterlicher Liebhaber sie hinterließ , - wie vieles kam nicht zusammen , um ihr einen Stolz einzuflößen , der sich mit den gewöhnlichen Einschränkungen ihres Geschlechtes nicht vertragen konnte , und durch Verbindung dieses Stolzes mit dem sittlichen Zartgefühl , womit die Natur sie beschenkt hatte , das vorhin erwähnte Ideal in ihr zu erzeugen , dessen Zauber um so unwiderstehlicher auf sie wirken mußte , da sie sich im Bewußtseyn ihrer angebornen Kaltblütigkeit zutraute , den außerordentlichen Charakter , worin sie in der Welt auftreten wollte , immer behaupten zu können . Wie schmeichelhaft mußte ihr der Gedanke seyn , alle Vortheile der vollständigsten Freiheit mit der gehörigen Achtung gegen sich selbst , und jede Befriedigung der weiblichen Eitelkeit mit der entschiedensten Gleichgültigkeit gegen alle Arten von männlicher Versuchung zu verbinden ; die ganze Welt in Flammen zu setzen , während sie selbst , gleich den Feuergeistern der Persischen Mythologie , unverletzt in diesen Flammen , als in ihrem Elemente , lebte ; kurz , mit dem unvermeidlichen Namen und den unbestrittenen Vorrechten einer Hetäre , dem großen Haufen durch die Pracht ihrer Lebensart Ehrfurcht zu gebieten , und in den Augen derer , die ihres nähern Umgangs genossen , eine Achtung zu verdienen , die der Weise selbst der Schönheit nicht versagen kann , wenn sie sich nie anders , als von allen sittlichen Grazien geschmückt und umgeben , sehen läßt ! - Daß dieses hohe und wahrscheinlich jeder andern unerreichbare Ideal auch für sie zu hoch stand , wer könnte ihr dieß zum Vorwurf machen ? Wenn hier etwas zu tadeln ist , so ist es , daß sie sich die Geschicklichkeit zutraute , ihr ganzes Leben durch , so zu sagen , auf einem Spinnefaden fortzutanzen , ohne jemals aus dem Gleichgewicht zu kommen . Denn mit einer leichtern Kunst wüßte ich die Weisheit der Schönen nicht