Körbchen voll schöner Äpfel und Trauben auf den Tisch gestellt . Sie tat es nun einmal nicht anders ! Käthi war mit dieser Einrichtung äußerst einverstanden und die Zeit verging ihr sehr schnell . Sie hatte kaum den dritten Apfel verzehrt , als Ernestine mit Leonhardt eintrat . Beide waren stillbewegt . Beide hatten rotgeweinte Augen . Käthchen wollte hinaus , um Walter zu rufen , wie er befohlen . „ „ Bleib , Käthchen , “ sagte Ernestine , „ ich will selbst mit Herrn Leonhardt hinaufgehen und sehen , ob und was er gearbeitet . “ „ Ach Gott , das gnädige Fräulein wollen sich doch nicht in die Dachkammer bemühen ? “ „ Liebe Frau Leonhardt , “ sagte Ernestine mit trübem Lächeln , „ mein Weg geht von nun an wohl nur noch durch Dachkammern . “ Und sie nahm Leonhardts Arm und überließ die alte Frau ihrer Verwunderung . Walter sprang wie von Glut übergössen von seinem Sessel empor , als Ernestine mit seinem Vater eintrat . „ O mein Gott — Sie kommen zu mir ? “ rief er : „ Sind Sie es denn , oder ist es die verkörperte Wissenschaft , die sich meines Strebens erbarmen will und zu mir niedersteigt , um mir zu helfen ? “ „ Walter , Sie beschämen mich , “ sagte Ernestine . „ Ich Sie beschämen ? “ rief der schwärmerische junge Mann . „ Sie , den Inbegriff aller Größe , aller Geistesherrlichkeit , vor dem ich nur ein Schüler , ein Bettler bin ? “ „ Walter , sprechen Sie nicht so mit mir . Sie wissen nicht , was Sie tun ! Ich habe mich unter vielen Schmerzen bescheiden gelernt , habe mich zu der Demut meines Geschlechtes zurückgerungen nach manchem blutigen Sieg über mich selbst — aber noch bin ich schwach und solche Worte könnten leicht den kaum bewältigten Ehrgeiz wieder wecken . Sie meinen es gut , Walter , aber ich darf an der Grenze meines verlassenen Reichs keine Stimme mehr hören , die mich zurückruft in die alte geliebte Geistes-Heimat . Ich komme , um Abschied zu nehmen , Walter . Ihr Vater wird Ihnen sagen , warum und wohin ich gehe ! “ „ O , Fräulein Ernestine , “ klagte Walter , „ Sie wollen fort und , wie es scheint , auch der Wissenschaft entsagen ? “ „ Ich muß entsagen , Walter , und wenn auch vielleicht nicht der Wissenschaft , so doch der Forschung . Ich muß durch mein Wissen mein Leben fristen und das kann ja eine Frau in unserer Zeit nur als Lehrerin . Ich werde mich begnügen müssen , in einem Mädcheninstitut vor einem Auditorium von — Kindern meine Vorlesungen zu halten . Die Männer wollen nun einmal kein Weib zum Professor — und der Mann — will keinen Professor zum Weib ! So oder so bin ich unmöglich , die Welt ist anders als ich träumte , sie hat keinen Raum für das Streben einer Frau , und um mir ihn zu schaffen , dazu bin ich zu schwach . “ „ Schade , schade ! “ sprach Walter , „ wenn solch eine Frau sich erst Raum erkämpfen muß . Auf Händen sollte man sie tragen , auf ein Piedestal stellen , und war ’ s nur um der erhabenen Schönheit eines solchen Geistes in solchem Leibe willen ! “ Leonhardt zupfte den leidenschaftlichen Sprecher am Ärmel . „ Nein , Vater , ich will reden , ich will dem Zorn Luft machen , der schon lange in mir gährt , dem Zorn über die Engherzigkeit , die solch eine Erscheinung , statt die Majestät der Menschennatur in ihr zu verehren , zum schnöden Kampfe ums Dasein verdammt . “ Ernestine verhüllte das Gesicht mit beiden Händen , ein schwerer Seufzer rang sich aus ihrer Brust . Leonhardt schüttelte mißbilligend das Haupt gegen seinen Sohn : „ Es ist nicht gut , Walter , einem Men ­ schen , der entsagen muß , die Entsagung schwer zu machen . Ernestine ist und wird immer groß sein — und in der Bescheidung , die sie sich jetzt auferlegt , am größten . Wir , Walter , können die Welt nicht anders machen und Ernestine ist ein Weib — sie muß sich fügen . “ „ Ja , fügen ! “ wiederholte Ernestine und man hörte deutlich , wie sie in neu ausbrechender Qual die Zähne übereinander biß . „ Fräulein Ernestine , “ flehte Walter , „ verzeihen Sie mir , daß ich Sie erregt und kaum Begrabenes aufgerüttelt habe . Das war gut gemeint , denn mit welchem Schmerz ich Sie aus dem Bereiche scheiden sehe , in dem ich heimisch werden will , das kann ich Ihnen nicht sagen . Es ist mir zu Mute wie dem Künstler , den seine Muse verläßt , wie dem gläubigen Schwärmer , dem seine Heilige den Rücken wendet . “ „ Walter , “ sprach Ernestine gefaßt , aber mit gehobener Brust : „ In Ihren Worten liegt eine schwere — und , wie ich hoffe , letzte Versuchung . Ich will sie bestehen , und wenn Sie älter sind , dann werden Sie erst begreifen , wie ich es konnte . Sie sind eben noch sehr jung , Walter , ich weiß , wie man da denkt und fühlt , es ist ja nicht so lange her , daß ich es auch war , eigentlich kaum sechs Wochen ! Ich bin in der kurzen Frist um sechs Jahre gealtert und betrachte mich selbst und die Menschen mit andern Augen , denn ich kämpfe jetzt , wie Sie sagen , einfach den Kampf ums Dasein ! “ Sie näherte sich einem Büchergestell , auf das ihr gegenüber soeben schräge Sonnenstrahlen fielen . „ Ja , mein alter Darwin — Dein erlauchter Name glänzt mir noch einmal entgegen — jetzt erst verstehe ich Dich ganz und ahne etwas von dem hehren Grabesfrieden