den Tag gesehen . Er schüttelte schaudernd den Kopf und schaute auf die Mutter ; die lag starr und teilnahmlos , wie es einer erfahrenen Toten geziemt ; weder Mann noch Kinder noch Nachbaren rührten sie ; selbst das Kleine an ihrer Seite ging sie nichts an , trotzdem sie vor kurzem noch ihr Leben für dasselbe geopfert hatte . Die Kinder , welche während der Todesnot eingesperrt und vernachlässigt worden , hungerten und schrieen mitten in ihren erbärmlichen Klagen um die Mutter nach Nahrung , bis der Mann sich aufraffte und mit gelähmten Gliedern herumtastete , wo die Frau die letzte Speise mochte besorgt oder gelassen haben . Er sah sich unfreiwillig nach ihr um , als ob sie rufen müßte Dort geh hin , da steht die Milch , dort liegt das Brot , in der Mühle steckt noch der Kaffee ! Sie sagte aber nichts . Erschüttert trat ich dem Jammer näher und fragte , ob ich irgend etwas tun könne . Eine der Frauen sagte , die Ärzte hätten die sofortige Überführung nach dem Leichenhause anbefohlen ; es wäre gut , wenn die Leichen gleich in der Frühe geholt würden , allein niemand sei da , wenn der Mann nicht hingehe , die Bestellung zu machen . Ich anerbot mich , die Sache zu verrichten , und zog zehn Minuten später die Glocke an der Wachstube des Todes . Nachdem ich dem Wächter das Nötige mitgeteilt , blickte ich durch eine Glastüre in den Saal , wo sie von allen Ständen und Lebensaltern ausgestreckt lagen , wie Marktleute , die den Morgen erwarten , oder Auswanderer , die am Hafenplatz auf ihren Siebensachen schlafen . Darunter sah ich auch ein junges Mädchen auf Blumen ruhen . Die kaum erblühte Brust warf zwei blasse Schatten auf das Totenhemd ; da erinnerte ich mich dessen , was ich in dieser Nacht schon erlebt und mir vorgenommen , und eilte , voll Zweifel und Unruhe , Schrecken und Müdigkeit , den Schlaf zu finden . Derselbe war aber stürmisch bewegt und unerquicklich . Bald von den traurigen Vorgängen im Hause geweckt , bald von halbwachen Traumbildern umfangen , in denen Lebendiges und Grabfertiges , buhlende Liebesworte und Totenklagen sich unablässig vermischten , atmete ich auf , als es Tag wurde und ich wenigstens meine Gedanken sammeln konnte . Sie gerieten jedoch sofort miteinander in Streit ; denn als ich mich aufrichtete und , die Hand an der Stirne , mich besann , was eigentlich geschehen und was ich zunächst tun wollte , schwankte ich , ob ich vor den ernsten Todesschatten , die mich gewarnt , zurückweichen oder dem Liebesbild dennoch folgen solle , das mich in Gestalt der arbeitenden Armut lockte . Die Verlockung blieb siegreich ; es schien mir gerade das Beste zu sein , an dem weichen Busen eines jungen Lebens Trost und Vertrauen und mich selbst wiederzufinden , und je ernster das Gewissen warnte , in solcher Lage den Liebeshandel anzufangen und ein so bedenkliches Bündnis einzugehen , desto reichlicher flossen die Gründe des Worthaltens , der Ehre und Tapferkeit für die Ausführung des Vorsatzes . Ich beschloß sogar , das reizvolle Geschöpf schon am nächsten Abend aufzusuchen statt erst zu Ende der Woche , vorher aber den alten Trödler zu beraten , ob er mir ferner dergleichen anspruchlose Beschäftigung zuzuwenden wisse wie neulich . So schritt ich mit lebensdurstigen Augen und Lippen aus der Trauerwohnung hinweg , aus welcher schon vor Stunden die Leiche der Mutter und ihres letzten Kindes fortgebracht worden . Ich achtete nicht der verlassenen Kleinen , die bei offener Türe still an einem Häuflein saßen . Wie ich dann aus dem Hause trat und die Straße hinuntereilte , stieß ich auf einen jungen Mann , der ein hübsches Frauenzimmer am Arme führte . Beide waren wohlgekleidet in sauberer Reisetracht , augenscheinlich bemüht , eine Hausnummer zu finden , die sie auf einem Zettelchen vor sich hatten . Der Mann kam mir bekannt vor , ohne daß ich in meiner Zerstreutheit etwas dabei dachte ; indem ich aber ausweichen wollte , sah er mich genauer an und sagte in den Lauten des Heimatdialektes : » Da ist er ja ! Sind Sie nicht der Herr Heinrich Lee , den wir eben suchen ? « Erfreut und erschrocken zugleich erkannte ich einen benachbarten Handwerksmann unserer Stadt , der vor Jahren ungefähr um die gleiche Zeit mit mir in die Fremde gewandert , längst zurückgekehrt und Meister geworden , sein väterliches Geschäft übernommen und ausgedehnt hatte und jetzt auf der Hochzeitsreise begriffen war . Die machte er aber nicht ohne klügliche Nebenzwecke , da die wohlhabende Bürgerstochter , die er als Gattin am Arme führte , ihm die Mittel für alle ersprießlichen Unternehmungen zugebracht . Er richtete mir mm die Grüße meiner Mutter aus , die er zu diesem Zwecke vor der Abreise besucht hatte . Sie war mit einiger Beschämung gezwungen gewesen , dem Nachbaren zu gestehen , daß sie nicht einmal bestimmt wisse , wo ich sei oder ob ich noch am alten Orte wohne ; doch wünschte sie um so sehnlicher Nachricht zu erhalten . Ich aber war ebenso verlegen , viel nach ihr zu fragen , weil ich dadurch verriet , daß ich nichts von ihr wisse ; doch widerstand ich dem Bedürfnisse nicht lang und fragte fleißig , was mich zu erfahren verlangte . » Nun , wir sprechen noch von allem « , sagte der Landsmann , indem er mich aufmerksamer betrachtete . » Ihr habt Euch aber doch ziemlich verändert , nicht wahr , Frau ? Du hast doch den Herrn Heinrich früher auch gekannt ? « » Ich glaube mich zu erinnern , obgleich ich damals noch ein Schulkind war ! « erwiderte sie , während mir ihre ausgewachsene Fraulichkeit als vollkommen fremd erschien . Indessen fühlte ich , wie ihr Auge die geringe Pracht meines Anzuges überlief , der allerdings weder neu noch wohlgehalten war ; zum ersten Mal fühlte ich die Demütigung ,