lange daran gedacht , das Schloß und den Freiherrn zu verlassen . Es widerstrebte ihrem Ehrgefühle , Opfer anzunehmen , sobald man anfangen konnte , sie als solche zu empfinden , es widerstrebte noch mehr ihrer Neigung , an dem Krankenlager einer Sterbenden langsam schleichende Tage hinzuleben und in dem freiherrlichen Schlosse die unvermeidliche Einsamkeit des Trauerjahres über sich zu nehmen . Das glänzende Turin , das Leben an dem üppigen Hofe von Savoyen , der Einfluß einer Stellung , wie sie ihr geboten ward , konnten sie nicht schwanken lassen über das , was ihr zu thun oblag , und den Freiherrn mit erkünstelter Unbefangenheit bei seinem Worte nehmend , sagte sie : Ich wußte , daß Sie mich billigen , daß Ihre selbstlose Freundschaft mir den Schritt , der mich so viel Ueberwindung kostet , nicht erschweren würde , und - sagte sie mit einem neuen Seufzer - vielleicht bin ich so glücklich , Sie , mein theurer Freund , in meiner neuen Heimath wiederzusehen , wenn der Schlag gefallen sein wird , der Sie bedroht , wenn es Ihnen zu schwer fallen sollte , hier in dem verwaisten Hause zu verweilen ! Der Freiherr antwortete ihr nicht . Sie erhob sich , trat in den Tempel und sagte , ihr Tuch an ihre Augen drückend : Wie mich es gestern erschütterte , als Sie ahnungslos mich Angedenken an die werthen Menschen vertheilen ließen , die ich Alle nun nicht wiedersehen werde , denn der Befehl der Königin bedrängt mich und bindet mich zugleich ! Sie haben zu befehlen , Herzogin ! versicherte der Freiherr . Sie lächelte . Morgen gehe ich noch nicht , auch übermorgen nicht ! Er sagte ihr , daß er jeden Tag ihrer Anwesenheit als einen Gewinn betrachten würde , aber sein Ton war kalt , und schweigend traten sie den Heimweg an . Die bevorstehende Abreise der Herzogin setzte in der ganzen Herrschaft Alles in Erstaunen . Der Freiherr versuchte nicht , sie zu halten , sie fühlte jetzt kein Verlangen mehr , zu bleiben . Als Adam davon hörte , nickte er traurig mit dem Kopfe . Wenn ein Haus den Einsturz droht , sagte er , gehen die klugen Ratten hinaus ! Der Freiherr ließ es der Herzogin an keiner Bequemlichkeit fehlen . Er war sich das nach seinem Empfinden schuldig . Für den vierten Tag wurden die Pferde bereit gehalten und vorausgeschickt , und ehe die letzten Kränze des Freundschaftsfestes auf der Margarethen-Höhe abgenommen waren , hatte die Herzogin das Schloß und die Gegend verlassen . Es trat damit eine große Lücke in des Freiherrn Leben ein . Er hatte ihr durch eine lange Reihe von Jahren seine Freundschaft , sein Vertrauen geschenkt , sie hatte ihn beschäftigt , ihn gefesselt und bestimmt ; nun war er völlig auf sich selber angewiesen , und er hatte Niemanden , dem er bekennen durfte , was er fühlte , was ihn kränkte . Er wußte , daß der Caplan die Entfernung der Herzogin stets gewünscht , daß Angelika sie heiß ersehnt hatte , und Angelika konnte ihr Lager nicht mehr verlassen . Wie hätte er auch daran denken dürfen , ihr , die er mit so viel Härte von sich gewiesen , der die Herzogin so schweres Leid gebracht , es einzugestehen , daß und wie sehr er diese vermisse ! Schweigend , in sich zurückgezogen ließ er die Tage an sich vorübergehen , und sie brachten keinen erfreulichen Wechsel mit sich . Er hatte Verdrießlichkeiten mit den Behörden , auf den Gütern wuchsen die Widersetzlichkeiten . Die Einweihung der Kirche , ihre Dotirung , die Einführung und Einrichtung der Kirchenbeamten , das Fest auf der Margarethen-Höhe und die Abreise der Herzogin hatten viele Ausgaben verursacht . Sie waren nach der Weise des Freiherrn alle unerläßlich gewesen , aber sie hatten doch seinen Baarvorrath weit überstiegen und er war aufs Neue genöthigt worden , Geld gegen Wechsel aufzunehmen . Wie das Jahr zu sinken begann , sanken die Kräfte Angelika ' s mit ihm . In guten Stunden trug man sie auf die Terrasse hinaus ; der Pfarrer , die treue Marianne , ihr Sohn durften sie wenig verlassen . Die Sorge für Renatus beschäftigte sie ganz und gar . Erziehen Sie ihn zur strengen Zucht ! beschwor sie den Pfarrer ; machen Sie , daß er in seinem Herzen , in seinem Geiste die Richtschnur finde , die ihn hindert , von dem Pfade der Ehre und der Tugend abzuweichen ; machen Sie , daß er unnachsichtig gegen seine Neigungen werde , daß sein Gewissen unbestechlich von seinen Leidenschaften sei ! - Sie sprach es nicht aus , daß sie wünsche , er möge seinem Vater und ihrem Bruder nicht ähnlich werden , aber es war unschwer zu ersehen , wohin ihre Plane für die Erziehung ihres Sohnes gingen , und der Pfarrer verstand sie wohl . Als die Ernte vollendet war , zog der Amtmann von der Herrschaft ab . Es war große Betrübniß unter den Leuten , und auch dem Freiherrn ging es heimlich nahe . Adam hingegen hatte das Scheiden mit Ungeduld erwartet . Sein Haus in Marienau stand wohlgefügt , die Hochzeit seiner Schwester sollte es einweihen , und er hatte jetzt bereits im Stillen sein Auge auf eines Gutsbesitzers hübsche Tochter fallen lassen , die ihm ein Ersatz für Eva zu werden versprach . Im Herbste schaltete der neue Amtmann mit seiner großen Familie in dem Hause , das die Steinerts über ein Jahrhundert inne gehabt hatten . Da er nicht des Landes , sondern aus einem fernen Theile Deutschlands gekommen war , hatte er ohne Weiteres die Meinung wider sich . Er hielt es , wie der Freiherr , mit einem strengen Regiment , und ein solches mußte er auch üben , wenn er die Verheißungen wahr zu machen dachte , mit denen er den Freiherrn für sich eingenommen . Der Herbst war ungewöhnlich hell und mild , das Jahr schien lächelnd verscheiden zu