Und davon war Hyazinth so fest durchdrungen , daß er jeden Blick auf sich selbst - den verzagten sowohl als den selbstgefälligen - gänzlich aus dem Auge verlor und sich hingebend versenkte in die unendliche Liebe des Gottes , der von sich gesagt hat : Er gehe als ein guter Hirt jedem verirrten Schäflein nach . War Judith gewonnen , so konnte auch Orest gerettet werden . Durch Judith ' s Seele brausten heftige Stürme . Sie hatten es so leicht und so gleichgültig genommen , sich taufen zu lassen ; so gar nicht geahnt , daß ihr innerstes Wesen dadurch erschüttert werden könne , daß ihre Auffassung von Welt und Leben , von Bestimmung und Ziel eine Veränderung erleiden würden . Und jetzt ? Sie saß unbeweglich in ihrer Causeuse , mit geschlossenen Augen , die Stirne in die aufgestützte Hand gelegt . So nahe ist mir das Göttliche , sprach sie zu sich selbst , und in das Menschliche hab ' ich mich vertieft und verloren . So weit bin ich abgeirrt von meinem Ziel . Nun verstehe ich , weshalb das Leben mir als eine Sphynx erschien , deren Räthsel ich nicht zu deuten vermochte und an dem ich mich müde riet : die göttliche Offenbarung ist der Schlüssel zu dieser Hieroglyphe . Der Abfall des ersten Menschen - die Erbsünde , welche das Ebenbild Gottes in unserer Seele verletzt - die eigene Sünde , welche es zerstörend verwüstet und dem Bösen in uns die Oberhand gibt - der gräßliche Zwiespalt zwischen der erstrebenden höheren Natur und der niederen , welche über sie triumphiert - das Erbarmen der göttlichen Liebe , die sich demütigt , um das Niedrige wieder zu sich zu erheben , die himmlischen Arzneien und himmlischen Bande in göttlich geheimnisvoller Weise bereitet , um die siechen , hinsinkenden Seelen zu heilen und zu fesseln - und die nichts begehrt , als die Gegenliebe der Geretteten - eine Liebe , die den Haß des Bösen und die Widersagung der Sünde in sich schließt , und das verwüstete Ebenbild Gottes wieder rein und klar zu machen sucht - o wie ist das verständlich , wie ist das einfach ! Wie befriedigt das alle Fragen , welche rastlos in der höheren Natur kommen und wiederkommen ; Fragen , welche sie zuweilen in den Regionen der niederen Natur sich beantworten läßt , wenn sie nicht fest an der göttlichen Offenbarung hält ; Fragen von jener furchtbaren Wichtigkeit , wie jene sind , um die sich das Menschenleben bewegt und entfaltet , ja - die Lebensfragen für jeden Menschen sind : Was ist die Liebe ? .... Was ist das Glück ? Was ist Wahrheit ? .... Klar wie der Tag wird mir das alles , wenn ich glaube , daß die göttliche Offenbarung , welche Christus vom Himmel gebracht und der katholischen Kirche zur Verkündigung und Aufbewahrung anvertraut hat , all ' diese tausend Fragen mit einer himmlischen Entschiedenheit löst , welcher die Fähigkeiten meiner höheren Natur beistimmen . Daß die niedere Widerspruch erhebt , ist ein Beweis mehr für die göttliche Wahrheit der Offenbarung : die niedere Natur fühlt sich gerichtet und zum Tode verurteilt ; sie will nicht sterben , sie wehrt sich , sie verleumdet die Offenbarung und nennt die göttliche Wahrheit - Lüge ! .... Weshalb ? .... Um das Lügengewebe der Sinnlichkeit und der Leidenschaft , welches die Wahrheit zu zerreißen trachtet , ungestört fortzuspinnen . Wollte ich mich ihr hingeben , so würde auch ich die Offenbarung verwerfen und an der Liebe Gottes , die sich in ihr kund gibt , verachtend vorüber gehen . So macht es der Unglaube . Da liegt für jeden Menschen die Gefahr , die Versuchung , die Lockung zum Abfall ; da - sein unvergänglicher Kampf ; da - der Punkt , auf dem der Weg zu beiden Schicksalen sich spaltet . - Die Zeit verging ; sie achtete es nicht . Mehrmals hatte ihr Diener an die Tür geklopft , die in den Salon führte , zum Zeichen , daß man sie zu sprechen wünsche ; sie hörte es nicht . Rasche Schritte eilten jetzt durch das Zimmer ihrer Kammerfrau ; sie bemerkte es nicht . Die Tür flog auf , der Vorhang zurück - Orest erschien auf der Schwelle und rief , als er sie ins Auge faßte : » Judith ! aber Judith , was ist geschehen ! « Und er lag zu ihren Füßen und bedeckte ihre Hände mit Küssen , um sie zu wecken aus ihrem Traum , ihrer Ohnmacht , ihrer Meditation . Er wiederholte : » Aber was ist geschehen ? was ist Ihnen widerfahren ? warum sperren Sie sich ab zu dieser Stunde , wo man gewohnt ist , Sie zu sehen ? woher diese krankhafte Blässe ? was beschäftigt Sie ? woran denken Sie ? - Sehen Sie mich an ! « rief er herrisch . Judith zog ihre Hände aus den seinen und legte sie auf seine Schultern , schaute ihn an mit dem tiefen ernsten Blick ihres dunkeln Auges und fragte : » Sind Sie ein guter Christ , Graf Orestes ? « » Wenigstens ein besserer als Sie ! « rief er . » Ich habe soeben ernsthaft daran gedacht , es zu werden und mich taufen zu lassen , damit meinerseits dasjenige geschehen sei , was unsere Verbindung beschleunigt . Da dürfen Sie sich nicht wundern , wenn ich mich in Nachsinnen versenke . Die Komödie meines Lebens hört auf - die Wahrheit beginnt . « » O daß es so weit wäre ! « rief Orest ; » daß endlich ! endlich ! der Wonnetag anbrechen , die Stunde des Glückes schlagen möge , die uns auf ewig verbindet , auf ewig in Liebe aneinander knüpft ! O Judith ! ich reibe mich auf an der Kette , die mich an ein anderes Weib fesselt , und wenn ich sie auch zerreiße , so wird es doch noch lange währen , bis