achtzig Jahre in dieser Rücksicht unbefangen überdenken willst . Uebrigens gebe ich zu , daß es bloß ein glücklicher Zufall war , der dem demokratischen Athen einen so aufgeklärten und großherzigen Demagogen wie Perikles gab ; und daß eben diese Freiheit , welche die natürlichen Anlagen des Attischen Volkes für Kunst und Wissenschaft so mächtig in die Höhe trieb , auch alle seine Unarten und Untugenden entwickelte , alle seine Leidenschaften entfesselte , und indem sie seiner Eitelkeit , Herrschbegier und Habsucht eine unabsehbare Rennbahn öffnete , die erste Ursache seiner Verderbniß , seiner theuer bezahlten Thorheiten und seines fortwährenden Sinkens wurde . Die Höhe , auf welche Perikles seine Republik erhob , machte sie schwindlicht ; sie taumelte , sank und fiel , und wird nicht aufhören zu fallen , bis sie , mit allen ihren dermaligen Nebenbuhlerinnen , ihre politische Selbstständigkeit gänzlich verloren haben wird . Nicht wenn die Athener nach der Obergewalt zu streben aufhören werden153 , sondern wenn sie aufhören müssen , weil von dieser Seite nichts mehr zu erstreben seyn wird , mit Einem Worte , wenn die stolze Königin der Städte zu einer Municipalstadt irgend eines großen Reichs , das vielleicht jetzt schon im Werden ist , herabgekommen seyn wird , nur dann wird dein frommer Wunsch in Erfüllung gehen . Sie wird den Völkern der Erde durch das , was sie ehmals war , immer ehrwürdig bleiben ; ihre Ruhmbegierde , sobald sie ihren dermaligen Ansprüchen auf ewig entsagen muß , wird eine andere und für sie selbst wohlthätigere Richtung nehmen ; sie wird die erste Schule der Wissenschaften , des Geschmacks und der feinern Sitten , der allgemeine Tempel der Musen und Grazien für alle Nationen seyn , und seine Bewohner werden im Schooß der goldnen Mittelmäßigkeit und Genügsamkeit eines unbeneideten Glücks genießen , für welches ihre Vorfahren zur Zeit ihres höchsten Glanzes keine Empfänglichkeit hatten , und woran sie sich auch nicht hätten genügen lassen , so lange sie sich noch mit der Möglichkeit schmeichelten , das Ziel ihrer ungezügelten Wünsche erringen zu können . Es klingt vielleicht seltsam , aber meinem Begriff nach hat es mit der schönen und stolzen Lais so ziemlich eben dieselbe Bewandtniß wie mit der schönen und stolzen Athenä . Du glaubst Lais habe ihre Bestimmung verfehlt ; sie fühle nun , da es zu spät sey , daß ein liebenswürdiges Weib nach keinem höheren Ziel trachten sollte als das häusliche Glück eines einzigen Mannes zu machen , und dieses ihr wider Willen sich aufdringende Gefühl sey die wahre Ursache des geheimen Mißmuths , den sie vergebens zu bekämpfen suche . Es ist sehr möglich , daß ihr in ihrer dermaligen Verstimmung ( wie du ihren Zustand sehr treffend bezeichnest ) dergleichen Gedanken zuweilen durch den Kopf laufen : aber sie hat einen zu hellen Blick und ein zu lebhaftes Selbstgefühl , um sich nicht bewußt zu seyn , daß sie niemals eine Hausfrau wie Musarion und Kleone abgegeben hätte . Und gesetzt , sie hätte sich die Pflicht auferlegt das Glück eines Einzigen zu machen , so würde sie gewesen seyn was tausend andere sind ; die Welt hätte nichts von ihr gewußt , und sie hätte nicht Europen und Asien mit ihrem Ruf erfüllt ; die Künstler hätten sich nicht in die Wette beeifert , sie zum Modell ihrer schönsten Werke nehmen zu dürfen , ihr Bild wäre nicht , in so manchem Tempel aufgestellt , ein Gegenstand der öffentlichen Anbetung geworden ; kein Neffe des Königs von Persien hätte seine Schätze für sie verschwendet , und kein Aspendier den Verstand durch sie verloren und wieder bekommen . Und was hätte nun die in ihr Frauengemach und ihre Kinderstube eingeschlossene , und in die Gesellschaft ihres Mannes und ihrer Verwandten gebannte Matrone Lais mit der überschwänglichen Lebhaftigkeit des Geistes , und der üppigen Einbildungskraft und dem reizend muthwilligen Witz , und mit allen den unerschöpflichen Gaben und Künsten zu gefallen und zu bezaubern , worin die Hetäre Lais nicht ihresgleichen hat , anfangen sollen ? Oder vielmehr , hätte sie wohl auf einem andern Wege , als den sie gegangen ist , zu dieser vollendeten Ausbildung und höchsten Verfeinerung aller ihrer Naturgaben gelangen können ? und wär ' es nicht Schade , wenn sie nicht dazu gelangt wäre ? Wahrlich nur auf diesem Wege konnte sie werden was sie ist , die einzige in ihrer Art , die liebenswürdigste und vollkommenste , so wie die schönste und reizendste , aller - Hetären ; denn sie mit irgend einer Matrone vergleichen zu wollen , wäre gegen beide gleich ungerecht . Verlangen daß sie etwas anderes , wenn gleich in gewissem Sinne Besseres , hätte werden sollen , ist so viel als verlangen , Lais sollte gar nicht gewesen seyn ; etwas , das wenigstens sie selbst niemals im Ernste wünschen kann . - » Aber sie fühlt sich nicht glücklich ! « - Das ist nun einmal das Loos aller , die nach dem Höchsten trachten , was ihnen ein gränzenloser Stolz zum Ziel versteckt ; denn über lang oder kurz kommt eine Zeit , wo sie fühlen , daß sie das nicht erreicht haben wornach sie trachteten . Aber ohne diesen Stolz wäre sie auch mit allen ihren angebornen Reizen und Vorzügen nur ein gewöhnliches Weib geblieben . Wer Honig haben will , muß auch Bienen haben , sagt das Sprüchwort . Uebrigens hat sich wohl niemand weniger über das Maß von Glückseligkeit , das ihm zu Theil ward , zu beklagen als Lais ; denn ich zweifle sehr , daß jemals eine Sterbliche zu einem so hohen Grad von Selbstgefühl und Selbstgenuß gelangt sey als sie . Wurden nicht zwanzig Jahre lang alle ihre Wünsche in vollestem Maße befriediget ? Oder meinst du sie habe sich nicht sehr glücklich gefühlt , als sie sich überall wie die sichtbar erschienene Liebesgöttin angestaunt und angebetet sah , als alle Männer zu ihren Füßen lagen , und sie , ohne die mindeste Gefahr für sich selbst