Genius , wie seine Kritiker sagten , gefehlt , um ihn zu einem Klassiker zu machen — Agathe Heidling hätte sie ihm gebracht ! — Da wurde ihr nun die Melancholie klar , die sie oft so rätselhaft überschattete . Ein halbes Jahrhundert zu spät geboren . . . . Die Romantik dieses Geschickes genügte ihr endlich . Sie beruhigte sich gewissermaßen dabei . Unter der Oberfläche ihres Daseins begann ein sonderbares Traumleben . Sie richtete sich häuslich ein in der neuen phantastischen Heimat , in die sie fortan ihre tiefsten Freuden , ihre geheimnisvollen Leiden verlegte — wie Kinder sich wohl eine zweite Welt schaffen , der sie irgend einen barocken Namen geben und an deren Ausgestaltung ihre Gedanken unaufhörlich thätig sind , und Eltern oder Erzieher wundern sich dann , daß sie den Aufgaben des Hauses und der Schule nur ein schwaches Interesse entgegenbringen . Während Fräulein Heidling Bälle , Kränzchen , Landpartieen und Sommerfrischen besuchte — während sie Schlittschuh lief , Kotillonorden verteilte , sich reizende Frühjahrshüte aussuchte , Stahlbrunnen trank und Stickereien anfertigte , wurde sie zugleich an der Brust des toten Dichterlords auf rasend sich bäumendem Renner über Schottlands öde Haiden entführt , — da lag sie in orientalischen Maskenkostümen auf Ruhebetten in verfallenen Hallen , und zu den Klagetönen einer Harfe sangen Geisterstimmen von dunkler Schuld und wildem Leiden . Durch unerhörte Entsagung entsühnte sie den Geliebten — und der weinte zu ihren Füßen und seine Augen waren wie lodernde Flammen . . . . . . Im nächsten Jahre wurde Walter als Lieutenant nach M. versetzt . Seine Kameraden und Agathes Freundinnen gingen bei Heidlings ein und aus , es war dort immer ein fröhliches Treiben . Manchmal kam es freilich zu unangenehmen Auftritten , wenn der Regierungsrat plötzlich seiner Frau und Tochter heftige Vorwürfe über ihre Verschwendungssucht im Haushalt machte und erklärte , er habe kein Geld zu dieser ausgebreiteten Geselligkeit . Aber gleich darauf meinte er wieder , Agathe müsse neue Stiefel haben , oder er braute eine Bowle , wenn sich sechs bis acht junge Leute zum Abend einfanden und nur Kartoffel und Häring essen wollten . Es war dem Regierungsrat anfangs schwer geworden , von den Traditionen seiner Familie abzuweichen und den Sohn nicht Jura studieren zu lassen . Am Offizierstande haftete in seinen Augen ein unechter oberflächlicher Glanz . Walter hatte die jahrelang nachklingende Begeisterung von 1870 benutzt , um den Vater seinem Wunsche , günstig zu stimmen . Der Regierungsrat sah jetzt , daß auch sein Sohn strenge arbeiten mußte , wenn er vorwärts kommen wollte . Es war ein eifriges Streben unter den jungen Leuten , jeder suchte sich im neuen Reich einen eigenen guten Platz zu erobern . Walter und seine Freunde lachten viel über Martin Greffingers zornige Kritik der frisch errungenen Herrlichkeit . Walter war kaum drei Monate in M. , als er sich mit Eugenie Wutrow verlobte . Das kam selbst seiner Familie überraschend . Agathe hatte angenommen , Eugenie sei mit Martin heimlich versprochen . Wenige Tage vorher , bei einem gemeinsamen Spaziergang , der mit Kaffeetrinken in einem öffentlichen Garten endete , hatte sie zu sehen geglaubt , wie Martin unter den Tisch nach Eugenies Hand faßte , und das Mädchen ließ sie ihm . Dabei tauschte sie , den Kopf in die Rechte gestützt , über den Tisch Neckereien mit Walter . Sobald Agathe mit der Braut allein war , konnte sie nicht unterlassen , die Bemerkung hinzuwerfen : “ Ich glaubte , es wäre Martin , den Du gern hättest ! ” “ Einen sozialdemokratischen Studenten ? ” fragte Eugenie vorwurfsvoll . “ Aber Agathe — ! Den heiratet man doch nicht ! — Und übrigens haßt er ja auch die Ehe , ” fügte sie mit ihrem frivolen kleinen Lachen hinzu . Ein Gefühl von Abneigung , von Verachtung gegen die neue Schwägerin peinigte Agathe , während ihr alle Bekannte Glück wünschten , weil ihr Bruder die liebste Freundin zur Frau wählte . Sie meinte , es sei ihre Pflicht , Eugenie noch einmal ernstlich zur Rede darüber zu setzen , ob sie Walter auch wirklich liebe . Aber nach dem ersten mißglückten Versuch fand sie nicht den Mut . Was hätte Eugenie auch bewegen sollen , sich mit Walter zu verloben ? Sie war ein reiches Mädchen und hatte schon verschiedene Anträge ausgeschlagen . Die beiden Freundinnen berichteten sich getreulich jede Kleinigkeit ihres täglichen Lebens . Sie würden es sehr übel genommen haben , wenn eine von ihnen sich eine Schleife gekauft hätte , ohne die andere um Rat zu fragen und längere Verhandlungen darüber zu pflegen . Was aber im Innern ihrer zukünftigen Schwägerin vor sich ging , blieb Agathe eine so fremde Welt , wie es Eugenie ihr phantastisches Traumleben gewesen wäre . Jede hütete ängstlich die eigenen Geheimnisse . Zur Zeit , als die Kinder noch klein waren , hatte Frau Heidling nach dem Tode ihrer Schwiegermutter deren Köchin ins Haus genommen . Schon damals hieß sie die alte Dorte . Mit den Jahren hart und dürr geworden , gleich einem verwitterten Zaunstecken , und von galliger Gemütsart , arbeitete sie für die Familie mehr in zähem Eigensinn als in linder Treue . Wie oft sie schon gekündigt hatte und trotzdem geblieben war , konnte niemand mehr nachrechnen . Hörte man sie in der Küche vor sich hinbrummen und schelten , so mußte man ihren Ausdrücken nach die Überzeugung gewinnen , ihre Herrschaft gehöre eigentlich in ein Narrenhaus . Den jungen Stubenmädchen , die ihr zur Hilfe gehalten wurden , bezeigte Dorte gleichfalls die grimmigste Verachtung und wurde von ihnen sehr gefürchtet ; denn die alte Dorte war unermüdlich in der Arbeit und verlangte von den jungen Dingern das Gleiche . Deshalb beneideten die Rätinnen sämtlich Frau Heidling um den Schatz , den sie in der alten Küchendorte gefunden . Ein Ehrgeiz hatte sich in dem verdorrten Gemüt der alten Magd herausgebildet . Sie wollte die Belohnung für fünfundzwanzigjährige Dienstleistung in ein und derselben