auf ; kein Blatt regte sich mehr , nur der Nixenbrunnen rauschte geheimnißvoll durch die tiefe Stille . Es war die Sprache des Quelles , der seit undenklichen Zeiten hier auf dem Schloßberge rieselte , und seit länger als einem Jahrhundert in diesem Steingewand , in das man ihn gezwungen , der treue Gefährte des Schloßgartens gewesen war . Auch an ihm waren jene Zeiten vorübergehuscht , die einst die alte Bergveste geschaut hatte , die ursprünglich an der Stelle des Schlosses stand , wilde , gewalttätige Zeiten , voll Kampf und Streit , voll Sieg und Niederlage und dann wieder Jahre des Glanzes und der Pracht , als der Fürstensitz sich hier erhob . Weltereignisse waren vorübergezogen ; Geschlechter waren gekommen und gegangen , bis endlich die neue Zeit kam , die Allem eine andere Gestalt gab . Allen , nur dem Quelle des Schloßberges nicht , um den Sage und Aberglauben eine heilige Schutzmauer gewoben hatten . Aber jetzt war auch seine Zeit gekommen ; die alten Steinbilder , welche ihn so lange schützend umgaben , sollten fallen , und er selbst sollte niedersteigen aus dem hellen Tageslichte in die dunkle Erde , um dort auf immer gebannt zu bleiben . Ob es Klagen oder Erinnerungen waren , die der Quell flüsterte , sein träumerisches Rauschen übte eine seltsame Macht auf den ernsten , finsteren Mann , der nie das einsame Träumen und seine Poesie gekannt hatte , wie auf das junge , blühende Mädchen an seiner Seite , das bisher lachend und spielend durch das Leben geflattert war , ohne seinen Ernst auch nur zu ahnen . Es löste all jenes heiße Ringen und Streben , all diese frohen Kinderträume in eine einzige rätselhafte Empfindung , welche die Beiden halb süß und halb beängstigend umspann . Unter diesem einförmigen und doch so melodischen Rieseln und Rauschen wich die Welt da draußen mit ihrer schimmernden Ferne und ihrem leuchtenden Sonnengold weit und weiter zurück , und endlich versank sie ganz . Dann legte es sich um die beiden Zurückgebliebenen wie düstere Schatten , wie kühle Wasserschleier , und [ 209 ] sie wurden fortgezogen , weit fort in geheimnißvoll dämmernde Tiefen , wohin kein Laut des Lebens mehr drang , wo alles Ringen und Sehnen , alles Glück und Weh erstarb in einem tiefen , tiefen Traum , und mitten in dem Traume vernahmen sie wieder das leise , geisterhafte Singen des Quelles , das wie aus endloser Ferne zu ihnen niedertönte . – Unten in der Stadt setzten die Glocken zum Mittagsgeläut ein . Die weichen , hellen Klänge schwebten herauf zu dem Schloßberge , und vor diesem Laut zerrannen die seltsamen Gebilde , welche jenes Rauschen gesponnen . Raven sah auf , als sei er unangenehm geweckt worden , während Gabriele sich rasch erhob und mit einer Bewegung , die fast der Flucht glich , an die epheuumrankte Mauerbrüstung trat , um dort vorgebeugt den Klängen zu lauschen . Sie zogen weithin durch die stille Luft , wie damals am Seeufer , als sie mit Georg – Gabriele vollendete den Gedanken nicht . Warum drängte sich auf einmal Georg ’ s Name wie mit einem Vorwurf in ihr Gedächtniß ? Warum stand sein Bild plötzlich so deutlich vor ihr , als wolle es seine Rechte wahren und behaupten ? Damals , als sie unter Scherz und Lachen von ihm Abschied nahm , hatten ihr die Glockenklänge gar nichts gesagt , heute durchzuckte es sie bei der Erinnerung jäh und schmerzlich , wie eine Mahnung , sich nicht wieder fortziehen zu lassen aus dem goldenen Sonnenlicht in unbekannte Tiefen , wie eine Warnung vor irgend einer dunkel geahnten Gefahr , die ihre Kreise um sie zog . Ihr war unbeschreiblich bang zu Muthe . Auch der Freiherr hatte sich erhoben und trat jetzt zu ihr . „ Du flüchtest ja förmlich , “ sagte er langsam . „ Wovor denn ? Vor mir vielleicht ? “ Gabriele versuchte mit einem Lächeln ihrer Bangigkeit Herr zu werden , als sie erwiderte : „ Vor dem Rauschen des Nixenbrunnens , es klingt so gespenstig in der stillen Mittagsstunde . “ „ Und doch hast Du gerade ihn zum Lieblingsplatze gewählt ? “ „ Er ist ja die längste Zeit gewesen . Vielleicht verwandelt Dein Befehl ihn morgen schon in ein wüstes Chaos von Erde und Steinen , und – “ „ Und ich frage nicht danach , ob meine Befehle Jemanden wehe thun , “ vollendete Raven , als sie inne hielt . „ Das mag sein , aber – liebst Du den Quell wirklich so sehr , Gabriele ? Würde es Dir im Ernst wehe thun , ihn vernichtet zu sehen ? “ „ Ja , “ sagte Gabriele leise und hob das Auge empor , ihr Mund sprach keine Bitte aus , aber die Augen , in denen eine Thräne schimmerte , baten heiß und innig für den bedrohten Quell . Raven schwieg und wandte sich ab ; einige Minuten lang stand er wortlos an ihrer Seite , dann begann er von Neuem : „ Ich habe Dich vorhin erschreckt mit meinen herben Lebensansichten . Wer sagt denn aber , daß Du sie theilen sollst ? Ich vergaß , daß die Jugend ein Recht auf Träume hat , und daß es grausam ist , sie ihr zu nehmen . Glaube Du immerhin noch an die goldene Zukunftsferne , an die Verheißung jener blauen Berge ! Du darfst noch der Welt und den Menschen vertrauen , und Du wirst auch schwerlich je ihren Haß erfahren . “ Seine Stimme klang eigenthümlich weich und verschleiert , und aus dem Blicke , der so düster auf dem jungen Mädchen ruhte , war alle Härte und Strenge gewichen , aber Arno Raven war nicht lange solchen Regungen zugänglich , und es schien auch , als dürfe er sich ihnen überhaupt nicht hingeben , denn gerade jetzt ertönten Schritte hinter ihnen , und als sie sich umwendeten , trat der Castellan des