tiefe und , wie es schien , nicht gerade erfreuliche Gedanken versenkt schritt Rhaneck die Stufen hinunter , als er plötzlich auf einer der seitwärts stehenden Bänke eine Gestalt gewahrte , die wie todtmüde dort hingeworfen , die Stirn gegen den kalten Stein gepreßt , regungslos in dieser Stellung verharrte . Der Graf stutzte einen Augenblick , dann trat er rasch näher und legte dem Einsamen die Hand auf die Schulter . „ Bruno ! “ Der Gerufene fuhr auf und sprang empor ; es war zu dunkel , als daß der Graf die Blässe und die sichtbare Verstörtheit seiner Züge hätte bemerken können , dennoch klang eine unverhehlte Besorgniß aus seinem Tone . „ Was machst Du hier allein in der Nacht und Einsamkeit ? Weshalb bist Du nicht drinnen im Saale ? “ „ Ich kann nicht ! “ stieß Benedict gepreßt hervor , „ es ist mir zu schwül drinnen ! “ Der Graf schüttelte den Kopf . „ Ich weiß , Du liebst diese weltlichen Feste nicht und weißt es meinem Bruder schwerlich Dank , daß er gerade Dich zur Begleitung auserwählte , aber Dich ihnen so hartnäckig zu entziehen , das ist unrecht , das grenzt ja nahezu an Haß . “ „ Ich hasse sie auch ! “ sagte Benedict dumpf . Sie standen am Fuße der Terrasse , durch die geöffneten Fensterthüren quoll der Kerzenglanz und der rauschende Jubel der Musik , man sah die einzelnen Paare im Tanze vorüberschweben , der Blick des jungen Mönchs heftete sich starr auf jene erleuchteten Fenster , und es lag in der That etwas von der eben ausgesprochenen Empfindung darin , gleichwohl schien er das Auge nicht losreißen zu können . „ Du gehst zu weit ! “ sagte der Graf begütigend . „ Du siehst doch , daß Dein Abt und Deine Mitbrüder diese Feste weder verdammen , noch sich ihnen ganz entziehen . Dein Orden giebt uns die Redner unserer Kirchen , die Erzieher unserer Knaben , Ihr könnt und dürft nicht so ganz mit der Welt brechen , wie ein Karthäusermönch es thun mag . “ Benedict gab keine Antwort , er stützte sich auf die Steinbank und sah finster zu Boden . „ Und jetzt komm in den Saal zurück , “ drängte Rhaneck , „ es ist ja unheimlich hier in dieser Einsamkeit ! “ „ O , nicht immer ! Man sieht und hört auf dieser einsamen Terrasse oft mehr , als drinnen im Ballsaal . “ Es lag eine unendliche Bitterkeit in den Worten , aber der Graf lächelte unwillkürlich . „ Dein strenges Richterohr hat wohl irgend ein harmloses Liebesgeflüster aufgefangen ? Ich fürchte , es spielen mehr solcher kleinen Romane da drinnen unter dem jungen Volk . Es kann nicht ein Jeder die Weltentsagung üben , zu der Du Dich bekennst . “ „ Zumal Graf Ottfried nicht ! “ sagte Benedict schneidend . Die Stirn des Grafen umwölkte sich leicht . „ Also Ottfried war es , den Du belauschtest ? Ja , ich weiß , er ist leichtsinnig , leichtsinniger sogar , als ich ihm mit aller billigen Rücksicht auf seine Stellung und seine Verbindungen in der Residenz zugestehen kann . Ein Sohn meines Hauses sollte doch einen andern Ehrgeiz haben , und eine andere Lebensaufgabe kennen , als nur die , der Löwe der Salons zu sein und in ihren Abenteuern zu schwelgen . Ich fürchte , es ist bei seiner Erziehung Manches versäumt worden , Manches unterblieben , was besser geschehen wäre . Ich habe leider in meinem vielbewegten und vielbeanspruchten Leben niemals Zeit gefunden , mich eingehend darum zu bekümmern . “ Ein großer verwunderter Blick aus den Augen Benedict ’ s traf den Sprechenden , er erinnerte sich doch , daß der Graf stets Zeit gefunden , sich mit seiner Erziehung zu beschäftigen , daß er oft genug Proben davon erhalten hatte , und nun diese ganz offen eingestandene Vernachlässigung , dem eigenen Sohne und Erben gegenüber ! Zum Glück bemerkte Rhaneck nicht sein stummes Befremden . „ Ich hoffe viel von Deinem Einfluß auf Ottfried , “ fuhr er lebhaft fort , „ ich habe ihn in Bezug auf die Ausübung seiner religiösen Pflichten an Dich gewiesen und – “ „ An mich ! “ rief der junge Priester , heftig zurücktretend . „ Herr Graf , ich bitte dringend , nehmen Sie diese Anordnung zurück . Graf Ottfried und ich , wir thun besser , uns einander nicht zu nähern ! “ „ Ich wünsche es aber ! “ Der Graf legte einigen Nachdruck auf das Wort . „ Du wirst streng gegen ihn sein , ich sehe es an Deiner Entrüstung , aber gleichviel , er wird den Priester in Dir ehren und sich Deinem Spruche fügen , ich bürge Dir dafür . Und jetzt komm , Bruno , ehe mein Bruder Dich vermißt , mir scheint , er wird bald aufbrechen . “ Er ergriff sanft den Arm Benedict ’ s und zog ihn mit sich fort , ohne ihm Zeit zur Erwiderung zu lassen , Seite an Seite mit seinem Schützlinge betrat er den Saal . Der Prälat hatte Recht , es lagen seltsame Widersprüche in dem Charakter seines Bruders , aber einer derselben wenigstens ward von der Gesellschaft im vollsten Maße getheilt . Auch Pater Benedict war bürgerlich , wie Günther , war jedenfalls von noch niedrigerer Herkunft als dieser , und doch fiel es Niemandem ein , seine Einführung in diesen exclusiven Kreis zu beanstanden . Das Priestergewand deckte Namen und Herkunft , es stand neben , ja über den Wappenschildern , unnahbar für jede weltliche Rücksicht , ein Gegenstand unbedingtester Ehrfurcht . Die grauen Häupter der vornehmsten unter den Herren neigten sich vor dem jungen , aus einer Unterthanenfamilie hervorgegangenen Geistlichen mit einer Achtung , die der gereifte , in allen Lagen des Lebens geprüfte Mann dort drüben , der an Stellung und Reichthum ihnen jetzt gleich war , sich nicht hatte erzwingen